Deutsche Firmenlegenden Telefunken lebt – zu Besuch bei einer untoten Wirtschaftsikone

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So ein Firmensterben macht eine Menge Arbeit. Gerade hat er wieder ein Stückchen Unternehmensgeschichte abgehakt. Varta, die 121-Jährige, ist umgezogen. Sie hat acht Tonnen alte Aktien in Müllcontainer gestopft und das alte Hauptgebäude, in dem sich einst Herbert Quandt von seinen Vorständen Bericht erstatten ließ, draußen vor der Stadt in Hannover-Stöcken getauscht gegen Räume in einem Büropalast in der City, sechster Stock, ganz oben. Hier, mit Logenblick auf Hannovers Hauptbahnhof, entschläft die Varta, jeden Tag ein wenig mehr.

Geboren ward sie 1887 in Hagen als Firma Büsche & Müller. Drei Jahre später steigen AEG und Siemens ein und gründen die Accumulatorenfabrik AG, die AFA. Elektrischer Strom ist eine Zukunftstechnologie, erst zehn Jahre zuvor hat Thomas Alva Edison die Glühlampe erfunden. 1904 gründet die AFA für kleine Blei-Batterien in Berlin die Tochter Varta, kurz für „Vertrieb, Aufladung, Reparatur transportabler Akkumulatoren“. 1923 steigt Günther Quandt bei der AFA ein. Ob Kofferradios, Grubenlampen, Autos wie der Opel „Laubfrosch“, der Zeppelin „Hindenburg“, Hitlers U-Boote und seine Rakete V2, später der VW Käfer und die Mondsonden der Nasa: Sie alle stattet Varta mit Batterien aus.

Doch der Konzern setzt Fett an, weil Eigentümer Herbert Quandt von Babynahrung über Parfüm wahllos Firmen an sie kettet, die er übernommen hat. Die Aufspaltung 1977 hilft Varta nur kurze Zeit. Im Batteriegeschäft hängt die Konkurrenz aus Amerika und Asien den deutschen Hersteller ab. Hohe Verluste laufen in den 90er-Jahren auf, auch Sparen hilft nicht mehr. Zu viel kuschelige Deutschland AG, zu wenig Globalisierung – so lautet wohl die Formel, die das Siechtum von Varta verursacht.

Varta-Chef Ganzer mag nicht urteilen, ob der Niedergang unausweichlich war, könnte der Standort Deutschland doch heute im anbrechenden Zeitalter der Elektroautos einen State-of-the-art-Batteriehersteller gut gebrauchen. Ganzer kam 1996 zur Varta, wenige Jahre später begann das Ableben des Konzerns. Als er bei Varta anheuerte, war er einer von 16 000 Mitarbeitern; im Jahr 2000 einer von 6 000. 2003, als er Chef wird, hat Varta noch 2200 Beschäftigte. Geht der Alleinvorstand heute zu seiner Kollegin ins Vorzimmer, um ranzige Batterien zu inspizieren, ist das gesamte Personal der Varta AG in einem Raum versammelt.

Man könnte Uwe Ganzer einen Anti-Manager nennen. Manager wollen wachsen, Märkte erobern. Ganzer muss seine Firma schrumpfen und so lange alles verkaufen, bis Varta weg ist. Ganz und gar weg.

Im Jahr 2000 gaben die Quandts den Großteil ihrer Varta-Anteile an die Deutsche Bank ab. Die versprach zunächst, investieren zu wollen. Aber Geld verdient wurde damals mit IT und am Neuen Markt, erzählt Ganzer, nicht mit Blei und Säure und Dutzenden Fabriken und Tausenden Arbeitern.

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