Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Diesel-Ermittlungen VW-Skandal: Südkoreas Ermittler und Kunden erhöhen den Druck

Hochrangige Manager müssen sich in Südkorea vor Gericht verantworten. Nach Handelsblatt-Informationen wollen die Behörden von Erkenntnissen aus Deutschland profitieren.
Kommentieren
VW: Ermittler und Kunden in Südkorea erhöhen den Druck Quelle: picture alliance/dpa
VW in Südkorea

Die bisher verhängten Strafen dürften nur ein Vorgeschmack auf das sein, was noch kommt.

(Foto: picture alliance/dpa)

Düsseldorf, TokioAlle waren gekommen, um ihm zu danken. Die Bürgermeisterin, der Gemeindepfarrer, sogar ein Mitglied des bayerischen Landtags. Johannes Thammer fühlte sich sichtlich wohl in der Rolle des Gönners. Es sei „ein bewegender Tag“ für ihn, teilte der langjährige VW-Top-Manager der örtlichen Prominenz seiner oberpfälzischen Heimat mit.

An diesem Tag im Juni 2017 übergab Thammer der Marktgemeinde Winklarn an der tschechischen Grenze das Anwesen seiner Familie mit einem 3.000 Quadratmeter großen Areal für einen symbolischen Euro. Es war der Startschuss für einen Umbau zum Bürgerzentrum mitten im historischen Ortskern. Thammer: „Ich bin sehr stolz, was aus meinem Elternhaus entsteht.“

Es war nicht selbstverständlich, dass Thammer an dem Festakt teilnahm. Der VW-Manager war ein gesuchter Mann, aber anders, als sich die Gäste an diesem  Tag dachten. 8.000 Kilometer entfernt, in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul, gehörte der ehemalige Landeschef zu den Hauptangeklagten im Betrugsprozess. Der Dieselskandal hinterließ auch in Ostasien seine Spuren.

Insgesamt acht hochrangige Manager von Volkswagen und Audi müssen sich vor Gericht verantworten – ebenso die Landesgesellschaft selbst, Audi-Volkswagen-Korea, kurz AVK. Die Ankläger werfen dem Konzern und seinen Führungskräften vor, für die Einfuhr von 120.000 manipulierten Diesel-Fahrzeugen verantwortlich zu sein. Die Deutschen hätten zwischen 2008 und 2015 insgesamt 15 verschiedene Modelle nach Korea importiert, die viel giftiger waren als deklariert. Betroffen sind Modelle der Marken VW, Audi und Bentley.

Die südkoreanische Justiz ist bekannt für ihre Härte. Anfang 2017 wurde bereits ein AVK-Manager zu einer Haftstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt. Der Angeklagte habe Dokumente über die Abgas-Emissionen von VW-Fahrzeugen und über die Geräuschemissionen gefälscht, hieß es in dem Urteil.

„Volkswagen hat seine Glaubwürdigkeit als globale Marke untergraben. Dies hat schwerwiegende soziale und wirtschaftliche Schäden verursacht.“ AVK selbst musste bereits eine Geldstrafe von umgerechnet 16 Millionen Euro zahlen.

Top-Führungskräfte haben sich einem Verfahren entzogen

Die bisher verhängten Strafen dürften nur ein Vorgeschmack auf das sein, was noch kommt. Denn die Top-Führungskräfte sind zwar angeklagt, haben sich aber einem Verfahren entzogen. Audi-Chef Thammer reiste am 5. Juni 2017 aus, wenige Tage bevor er auf die Anklagebank sollte. Es hieß, Thammer habe einen wichtigen Geschäftstermin in Deutschland. Deshalb hoben die koreanischen Behörden das Ausreiseverbot auf. Eigentlich sollte der Manager vier Tage später wieder zurückkommen.

Doch daraus wurde nichts. Zuerst hieß es, es habe „Verzögerungen im Zeitplan für die Rückkehr“ gegeben. Dann ließ Thammer das Gericht über seinen koreanischen Vize wissen, dass es „aus gesundheitlichen Gründen schwierig sei, nach Korea zurückzukehren und am Prozess teilzunehmen.“ Ende Juli 2017 trat er von seinem Posten als Südkorea-Chef zurück. Er wolle eine neue Position in der Konzernzentrale in Wolfsburg annehmen, hieß es.

Ob Thammer heute noch beim Volkswagen-Konzern unter Vertrag steht, ist nicht zu erfahren. „Mit Blick auf Herrn Thammers Persönlichkeitsrechte können wir keine Auskünfte dazu geben“, sagte Audi-Sprecher Jürgen De Graeve auf Nachfrage. Audi habe aber großes Interesse, dass Herr Thammer mit den koreanischen Behörden kooperiert. „Dazu haben wir ihn aufgefordert“, so der Sprecher. Nach Kenntnis von Audi sei der frühere Landeschef aufgrund seines Gesundheitszustands im Moment allerdings weder reise- noch verhandlungsfähig.

Die südkoreanischen Behörden verstärken ihre Ermittlungsbemühungen trotzdem. Nach Informationen des Handelsblatts wollen sie von den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft Braunschweig profitieren. „Die Koreaner haben ein Amtshilfeersuchen gestellt“, bestätigte Sprecher Klaus Ziehe auf Nachfrage. Seine Behörde ermittelt seit mehr als drei Jahren gegen insgesamt 49 Personen aus dem VW-Umfeld. Es geht um den Verdacht auf Betrug, strafbare Werbung, Verdunkelung und Marktmanipulation.

Zahlreiche Zeugen haben die Braunschweiger Ermittler bereits vernommen. Was sie erfahren haben, dürfte auch in Südkorea auf großes Interesse stoßen. Schon 2011 warnten VW-Ingenieure vor dem Einsatz einer Umschaltfunktion, die zwischen Labor und Straße unterschieden konnte. Im Testbetrieb wurde die Abgasreinigung an, auf der Straße ausgeschaltet.

Asiaten seien besonders streng, wussten die VW-Ingenieure: „Auch wenn ich jetzt bockig erscheine. Ein Einschalten von AC (Bezeichnung der Umschaltfunktion) verbunden mit einer Grenzwertüberschreitung ist schon etwas dreist. Klassischer kann man eine Defeat Device nicht auslegen. Dass solche Teste von Behörden gefahren werden, zeigt gerade Korea. Hyundai hat mit AC ON die Abgasreinigung abgeschaltet und einen Rückruf von 870.000 Fahrzeugen „gewonnen“. Wollen wir das wirklich riskieren? Da muss es doch noch eine 'bessere' Lösung geben“, warnte der Mann.

„Denkt euch irgendetwas Plausibles aus“

Volkswagen fand keine „bessere“ Lösung. Als es Ende 2014 Probleme mit der Zulassung eines bestimmten VW-Modells in Südkorea gab, schrieb ein Ingenieur direkt an eine VW-Führungskraft: „Hallo, die Behörde verzichtet jetzt auf einen Test im Rollenmodus, möchte von uns aber jetzt eine Begründung haben, wieso das Auto damals Abgas nicht geschafft hat.

Das ist natürlich auf Basis der dürftigen Infos vom damaligen Test reine Spekulation. Danach stünde einer Zulassung nichts mehr im Wege.“ Der Vorgesetzte antwortete knapp: „Denkt Euch irgendetwas Plausibles aus, was keine weiteren Nachfragen zur Folge hat.“

Auch ein anderer Ingenieur berichtet von den Problemen in Südkorea – und der üblichen Methode der Diesel-Entwickler damit umzugehen. Nicht aufdecken war die Devise, sondern verdecken. „Auffälligkeiten gab es immer wieder: in Holland, Korea und natürlich in den USA. Immer haben sich Kollegen aus der Diesel-Entwicklungsabteilung gekümmert, das Problem zu vertuschen“, berichtet ein Beteiligter.

Kürzlich setzte das Gericht in Südkorea den Betrugsprozess fort. Nach 20 Minuten war vorläufig alles wieder vorbei. Von den acht AVK-Angeklagten waren gerade einmal zwei anwesend. „Es gab eine kurze Diskussion über die angeklagten Fakten, die unterstützenden Beweise und die weiteren Verfahren“, teilten die Anwälte der Kanzlei Kim & Chang mit, die den deutschen Konzern vertreten. Ex-AVK-Chef Thammer habe gefehlt. Es sei aber zu erwarten, dass das Gericht eine weitere Verhandlung einberuft, um die Argumente von Thammer zu hören.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Diesel-Ermittlungen - VW-Skandal: Südkoreas Ermittler und Kunden erhöhen den Druck

0 Kommentare zu "Diesel-Ermittlungen: VW-Skandal: Südkoreas Ermittler und Kunden erhöhen den Druck"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.