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Dieselgate Der tiefe Fall des ehemaligen Audi-Chefs Rupert Stadler

Lange schien der Audi-Chef unangreifbar. Nun aber erhebt die Münchener Staatsanwaltschaft Anklage gegen den einst mächtigen Automanager.
31.07.2019 - 18:42 Uhr Kommentieren
Gegen den früheren Audi-Chef wurde nun Anklage erhoben. Quelle: Reuters
Rupert Stadler

Gegen den früheren Audi-Chef wurde nun Anklage erhoben.

(Foto: Reuters)

Düsseldorf, München Es gibt ein paar sichere Anzeichen, dass eine Lage wirklich ernst ist: Beispielsweise, wenn unerwartet Kameras und Übertragungswagen auffahren. So müsste auch der damalige Vorstandschef Rupert Stadler begriffen haben, dass Audi und seine Person Gegenstand der Justiz wurden, als es in der Konzernzentrale in Ingolstadt an einem Mittwoch Mitte März 2017 soweit war.

Pünktlich zum Tag der Bilanzpressekonferenz von Audi rückten 80 Polizeibeamte und 18 Staatsanwälte in die Konzernzentrale ein: Razzia. Vor allem das Gebäude A50 interessierte sie, dort sitzt der Vorstand. Ein Team des Bayerischen Rundfunks war genau rechtzeitig zur Stelle und filmte.

Die 100 Wirtschaftsjournalisten wiederum waren bei der fast zeitgleich angesetzten Bilanzveranstaltung im Museum Mobile eher auf die juristischen „Partycrasher“ („Süddeutsche Zeitung“) neugierig als auf Details zu Ebitda und Umsatzprognose. „Bisserl Verständnis müssen Sie haben“, erwehrte sich Stadler der vielen Fragen: „Wenn es etwas zu berichten gibt, berichten wir.“

Schon ein paar Wochen zuvor hatte der Audi-Lenker erstmals Anflüge von Schwäche gezeigt. Da ist ihm auf einmal wohl klar geworden, dass „Dieselgate“ – die im September 2015 ausgebrochene Krise rund um Abgasmanipulation bei Volkswagen – auch die bayerische Tochterfirma und ihren alerten, gewieften Chef voll erwischen könnte. Er habe ein „schlechtes Gefühl“, sagte Stadler intern.

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    Das Gefühl hat den Manager nicht getrogen. Am gestrigen Mittwoch hat die Staatsanwaltschaft München II das vollzogen, was allgemein seit Wochen gemutmaßt wurde: Gegen den 56-jährigen Stadler wird Anklage erhoben. Die Vorwürfe lauten auf „Betrug, mittelbare Falschbeurkundung und strafbare Werbung“.

    Der einstige CEO habe, so die Strafverfolger, „spätestens ab Ende September 2015 von den Manipulationen Kenntnis gehabt und gleichwohl weiter den Absatz von betroffenen Fahrzeugen der Marken Audi und VW veranlasst beziehungsweise den Absatz nicht verhindert“. Wahrheitssuche in Ingolstadt: Der ehemalige Audi-Chef soll dafür büßen, dass er nach Bekanntwerden des Dieselskandals die Autos einfach weiterverkauft hat. Ob er vorher davon wusste, ist kein Thema im Gerichtssaal.

    Auch drei weitere Weggefährten klagt die Justiz an, darunter den einstigen Audi- und Porsche-Manager Wolfgang Hatz sowie zwei Ingenieure. Sie sollen das ominöse „Defeat Device“ entwickelt haben. Das ist jene unzulässige Softwarefunktion, die in Motoren von Fahrzeugen der Konzernmarken Audi, VW und Porsche eingebaut wurde. Diese Software hat bewirkt, dass die vorgeschriebene Abgasminderung nur auf dem Rollenprüfstand funktionierte, im normalen Fahrbetrieb aber keine Rolle spielte.

    Bewährungsstunde für Staatsanwalt Kieninger

    Mit ihrem Vorgehen hat sich die Justiz zweifellos eine raffinierte Taktik einfallen lassen: Auf der einen Seite steht mit den zwei Ingenieuren ein Duo der Angeschuldigten, das umfassend ausgesagt und den Betrug eingeräumt hat. Sie sind so etwas wie Kronzeugen. Auf der anderen Seite wiederum sind mit Stadler und Hatz zwei Ex-Topmanager zu finden, die eine strafrechtliche Verantwortung strikt zurückweisen.

    Jetzt kommt die Stunde der Bewährung für den anklagenden Staatsanwalt Dominik Kieninger. Vor mehr als dreieinhalb Jahren begann der ambitionierte Jurist, sich in den komplizierten Fall „Dieselgate“ einzuarbeiten. Der Mann aus München, der sich schnell zum Gruppenleiter hochgearbeitet hat, wollte auch knifflige technische Details verstehen. „Kieningers Verhöre sind sehr umfassend. Er lässt nicht locker, will alles ganz genau wissen“, erzählt ein Anwalt.

    Giovanni Pamio, einer der beiden angeklagten Ingenieure, ließ ihm nach kurzer Untersuchungshaft ein 16-Seiten-Dossier zurück: gesammelte Erinnerungen an Dieselpraktiken. Gegen weitere 23 Beschuldigte lässt Kieninger noch ermitteln. Seine Anklageschrift hat 400 Seiten plus Anlagen. Basis der Vorwürfe sind Manipulationen an mehr als 250.000 Autos von Audi, an gut 71.500 Fahrzeugen von VW und an rund 112.000 Porsche-Vehikeln. Sie wurden vor allem in den USA und in Europa verkauft.

    Für Rupert Stadler ist die Anklageerhebung ein weiterer Tiefpunkt seiner Karriere. Dabei war für ihn alles viele Jahre gut gelaufen, fast wie im Managermärchen. Kindheit im Dorf Wachenzell, Kreis Eichstätt, 30 Kilometer von Ingolstadt weg, viele Einsätze auf dem elterlichen Bauernhof. Dann Diplom-Betriebswirt auf der Fachhochschule Augsburg, 1990 zu Audi.

    Dort fielen seine Zahlenkünste dem mächtigen Ferdinand Piëch auf, dem Gesellschafter und damaligen Audi-Vorstandschef, der Förderer wurde. Als Piëch schließlich nach Wolfsburg in die VW-Konzernspitze aufrückte, wurde der finanzsichere Landwirtsohn sein Generalsekretär, später auch Beirat dreier Piëch-Stiftungen. Aber da hatte Stadler schon Stationen als Finanzvorstand (2002) und Vorstandschef (2007) bei Audi erreicht. Hier, beim Ingolstädter Autobauer, brachte er den Umsatz von 34 Milliarden auf 60 Milliarden Euro hoch.

    Da schien der Aufsteiger aus kleinen Verhältnissen unangreifbar zu sein, ein Unberührbarer, der erste Audi-Chef, der kein Techniker war. Die Piëch-Connection schien sich für ihn als eine Art Lebensversicherung auszuzahlen. Und auch Agenda-Setting betrieb der Honorarprofessor an der Universität Sankt Gallen nebenbei so intensiv wie kaum ein Zweiter: So forderte er Ende 2012, den „ehrbaren Kaufmann in Wirtschaft und Gesellschaft wieder zum Leitbild werden zu lassen“. Und hinterließ den Merksatz: „Unersättlichkeit und immer kurzfristigeres Agieren dürfen nicht dominierendes Prinzip unserer Zeit werden.“ Im April 2014 betonte der ehrbare Kaufmann noch einmal, wie wichtig der Firma Audi „die Einhaltung von Regeln und Normen“ sei.

    Vorwürfe prallen an Stadler ab
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