Dieselskandal Autohersteller tricksen bei neuem Abgastest möglicherweise erneut

Die Autokonzerne scheinen aus dem Dieselskandal nicht gelernt zu haben. Die EU sieht Hinweise, dass die Hersteller ihre CO2-Werte schönen.
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WLTP: Autohersteller tricksen bei neuem Abgastest offenbar erneut Quelle: dpa
WLTP-Abgastest bei VW

Die Autokonzerne sind seit September 2017 dazu verpflichtet, neue Modelle nach der verschärften Zulassungsnorm zu testen.

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Brüssel, DüsseldorfDie EU-Kommission hat konkrete Hinweise darauf, dass die Autohersteller auch bei den neuen Abgastests tricksen, um die gesetzlichen Vorgaben zum Ausstoß des klimaschädlichen Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) leichter erreichen zu können.

Die Auswertung der ersten Testergebnisse nach dem WLTP-Messverfahren deute darauf hin, dass die „offiziell von den Herstellern angegebenen Emissionswerte überhöht sein könnten“, heißt es in einem Papier der Kommission, das dem Handelsblatt vorliegt. Daraus ergebe sich das „klare Risiko“, dass die geplanten EU-Einsparziele für den Flottenausstoß des Treibhausgases bis 2025 und 2030 unterlaufen würden. Konkrete Hersteller nannte die Kommission in dem Papier nicht.

Die Autokonzerne sind seit September 2017 dazu verpflichtet, neue Modelle nach dem sogenannten WLTP-Zyklus zu testen. Diese verschärfte Zulassungsnorm ist eine Folge des Dieselskandals. Denn zuvor wurde die Einhaltung der Grenzwerte für die Zulassung der Autos lediglich auf dem Prüfstand im Labor gemessen, nicht aber unter realen Fahrbedingungen auf der Straße. Das ändert sich nun mit WLTP.

Der hier ermittelte Schadstoffausstoß fließt ein in die Berechnung des jeweiligen Flottenwerts eines Herstellers für das Jahr 2021. Dieses Jahr wiederum wird zum Maßstab für die Reduktion des Ausstoßes, den die Unternehmen im kommenden Jahrzehnt erreichen müssen, wenn sie keine hohen Strafzahlungen riskieren wollen. Die Kommission befürchtet nun, dass die Konzerne den Ausgangswert künstlich hochtreiben, um in der Folge weniger Einsparungen leisten zu müssen.

Die Brüsseler Behörde hat vorgeschlagen, dass die Fahrzeugbauer die CO2-Emissionen bis 2025 um 15 Prozent und bis 2030 um 30 Prozent im Vergleich zu 2021 senken müssen. Europaparlament und der Rat der Mitgliedstaaten müssen dem noch zustimmen.

Die Industriekommissarin der EU drängt auf mehr Transparenz und schärfere Kontrollen. Quelle: Anadolu Agency/Getty Images
Elzbieta Bienkowska

Die Industriekommissarin der EU drängt auf mehr Transparenz und schärfere Kontrollen.

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Experten des Joint Research Centers (JRC), einer Forschungseinrichtung der Kommission, haben nach der Auswertung zahlreicher WLTP-Testberichte und Informationen von nationalen Aufsichtsbehörden einige Belege für Unregelmäßigkeiten gefunden. Konkret hätten die von den Herstellern angegebenen Emissionen im Schnitt um 4,5 Prozent über dem tatsächlichen Ergebnis gelegen, heißt es in dem fünfseitigen Papier, das die Kommission vergangene Woche an den Rat und Europaabgeordnete geschickt hat. In Einzelfällen habe die Abweichung gut 13 Prozent betragen.

Die Hersteller nutzen damit offenbar eine Lücke im WLTP-Regelwerk: Es sieht offizielle Kontrollmessungen nur dann vor, wenn die Unternehmen zu niedrige Werte ausweisen – nicht aber, wenn diese nach oben abweichen. Und daher gilt: Je höher der Wert, der später als Vergleichsbasis herangezogen wird, desto besser.

Die Autohersteller lassen sich daher einiges einfallen. So haben die Experten der EU selbst bei Tests unter Aufsicht der Behörden Abweichungen festgestellt.

Es gebe „einige Belege dafür, dass Hersteller ihre Testfahrzeuge so konfiguriert haben, dass die gemessenen WLTP-Emissionen überhöht sind“, heißt es in dem Schreiben. So sei etwa die Fahrzeugbatterie leer gewesen oder die Start-Stopp-Automatik des Motors ausgeschaltet worden. Dies habe bei den betroffenen Autos den CO2-Ausstoß um rund fünf Prozent erhöht.

Dicke Luft bei Autobauern – Neues Abgas-Prüfverfahren soll Diesel-Pfusch verhindern

Negative Auswirkungen auf das für 2020 geltende Ziel von 95 Gramm CO2 je Kilometer müssen die Hersteller bei ihren mutmaßlichen Tricksereien eigentlich nicht befürchten: Für dieses Ziel gilt schließlich vorwiegend noch das alte Messverfahren NEDC.

Der Verband der Deutschen Automobilindustrie (VDA) hält diese Sicht der Dinge aber für irreführend; der Teufel stecke im Detail. Denn bei vielen Modellen werden die Werte aus dem neuen Messverfahren auf das alte umgerechnet. Die Autobauer hätten auf diese Umrechnung aber keinen Einfluss. Zudem wären höhere Verbrauchsangaben laut VDA „kontraproduktiv“ für die Branche.

„Sie machen die Erfüllung der Zielmarke schwerer“, erklärte der VDA. „Das 95-Gramm-Ziel ist extrem ambitioniert. Die deutschen Hersteller setzen alles daran, es zu erreichen“, bekräftigte der Verband. Der Ausweis höherer CO2-Werte hätte laut VDA „den Nachteil, dass viele Fahrzeuge durch die niedrigen CO2-Flottengrenzwerte vieler Großkunden und Dienstwagenflotten nicht mehr bestellt werden könnten“.

Die Erkenntnisse der Kommissionsexperten sind für die Autoindustrie politisch heikel. Zum einen drängen die zuständigen Kommissare Elzbieta Bienkowska (Industrie) und Miguel Arias Cañete (Klima) nun auf mehr Transparenz und schärfere Kontrollen.

Zudem sollen Europaparlament und Rat nach ihrem Willen in den laufenden Verhandlungen um die CO2-Ziele für 2025 und 2030 klarstellen, dass der Basiswert für 2021 auf Grundlage der bei Tests unter Behördenaufsicht gemessenen Emissionen festgelegt werden soll und nicht auf Basis der Herstellerangaben.

Noch problematischer für die Industrie könnte sein, dass der Verdacht erneuter Tricksereien die Befürworter strengerer Einsparvorgaben weiter stärken dürfte. Der Umweltverband Transport & Environment kritisiert die Machenschaften bereits scharf: „Jetzt ist klar, dass die Autohersteller auch die neuen Tests nutzen, um zu schummeln und die schon zahnlosen CO2-Standards zu sabotieren“, sagte deren Direktor William Todts.

Der politische Rückhalt der Branche hat bereits enorm unter dem VW-Skandal und den Ermittlungen gegen andere Hersteller wie Daimler, Audi oder Porsche gelitten. Etliche Länder, darunter Frankreich und die Benelux-Staaten, fordern bereits, den Herstellern noch ambitioniertere CO2-Reduktionsziele bis 2030 vorzugeben. Sie fordern eine Senkung um 40 Prozent und verbindliche Verkaufsziele für emissionsarme Autos.

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6 Kommentare zu "Dieselskandal: Autohersteller tricksen bei neuem Abgastest möglicherweise erneut"

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  • Einige regen sich hier darüber auf, dass der Bär im Wald scheißt. Natürlich wird getrickst.
    Es ist, wie es ist, solange wir die Quadratur des Kreises für kleines Geld kaufen möchten und dabei auch noch Geld verdient werden soll.

    Außerdem vermisse ich bei der reißerischen Überschrift konkrete Zahlen bezüglich der Überschreitung. So bleibt das alles im Ungefähren.

  • ...
    - Ablenkung. Z.B. durch längst nicht massentauglich Technologien wie autonomes Fahren.
    Und .... : wie gehabt: CDU-EU-Parlamentarier Gieseke will neue CO2-Autoabgasvorschriften für die Autoindustrie entschärfen! Zurück auf Los mit der autohörigen Union!
    Da unsere Regierung nicht handelt, müssen es wieder die Amerikaner oder die aufrechten (Ober-)Bürgermeister unserer Kommunen wie jetzt in Hamburg und Stuttgart oder demnächst in München und Köln richten! Gratulation für Euren Mut - auch gegen die von Merkel und Dobrindt/Scheuer fehlgeleiteten Diesel-Wutbürger!

    https://youtu.be/njj5Z7KzG60

  • Recht haben sie, die EU, aber auch die Hamburger, Münchner, Kölner und Stuttgarter Oberbürgermeister! Die Probleme der Kommunen und die Beeinträchtigung der Anwohner von Dieselabgas belasteten Straßen gehen der Kanzlerin und dem „C“SU-Verkehrsminister wohl gerade am „Arsch“ (das ist noch zurückhaltend formuliert!) vorbei!
    Die tief in den Diesel-Skandal verstrickte Kanzlerin Merkel posierte mit betrügerischen Autobossen auf der IAA! Skandalös! Unglaubwürdig!
    Vor der Bundestagswahl initiierte sie etliche Ablenkungsmanöver wie z.B. den Dieselgipfel bzw. auch den Dieselfonds. Auf alle Fälle wollte Sie vermeiden, dass die Wähler anhand von Fahrverboten bermerken, dass (Unions-)Politik und Autoindustrie sowohl die Dieselfahrer als auch die Schadstoff-geplagten Anwohner an der Nase herumgeführt haben.
    Und jetzt, nach der Wahl: erneuter Bruch eines Merkel-Wahlversprechens („keine Fahrverbote“), Merkel's "weiter so" auch im Dieselskandal! Erst ab November Muster- bzw. Sammel-Klagemöglichkeit von Verbrauchern - mit von der Union durchgesetzten Einschränkungen! Keine von der Autoindustrie finanzierten Hardware-Umrüstungen. Keine strafrechtliche Verfolgung der betrügerischen Autobosse!
    Aber: Zwangs-Stilllegung von Diesel-Autos! Fahrverbote!
    Daran arbeiten neuerdings mit großem Eifer: der neue bayerische Wirtschaftsminister Pschierer, der neue Bundes-Verkehrsminister Scheuer, und der Bosch-Chef Denner!
    Und über allem trohnt die alte Kanzlerin Merkel!

    Stattdessen:
    - weiterhin gesundheitsgefährdende Überschreitung der Schadstoff-Obergrenzen (mit Tendenz zum „Gesundbeten“ bzw. zur Messmanipulation, wie in Bayern, bzw. zur Infragestellung der Korrektheit der Messungen wie jetzt durch den „verantwortungsbewußten“ Verkehrsminister Scheuer)
    - erneute Kumpanei des Verkehrsminister Scheuer mit der Autoindustrie bei der EU-weiten Festlegung von CO2-Grenzwerten!
    - Erneute Tricksereien der Autoindustrie bei neuem EU-Abgastest
    - weiterhin Inkaufnahme von Gesetzeslücken.
    - ...

  • Liebes Deutschland,
    mit welcher unerbittlichen Unbeirrbarkeit erstickst du den Boden der deinen Wohlstand trägt.
    Börsennotierte Baukonzerne gibt es nicht mehr oder stehen unter ausländischer Führung.
    (Einen Flugplatz zu bauen wird zur Odyssee für ein ganzes Land)
    Die Energieversorger sind kleingehackt und die Banken vegetieren in einem Land das sich zu den G7 zählt.
    Jetzt aber sind die echten Flaggschiffe der Autoindustrie an der Reihe, dank global unnützer, in der Sache nicht mehr verständlicher EU Vorgaben.
    Alles läßt sich mit Bürokratie, Komplexität und Auflagen erstickten.
    .. auch das normale Leben der Menschen.

  • Das Nutzen von Gesetzeslücken ist eigentlich der Halbwelt und Kriminellen Banden vorbehalten. Dass nun nach all den Skandalen immer noch die Gier nach Umsatz in der Autoindustrie regiert, zeigt auf wie verstrickt die Branche ist. Und das macht es umso komplizierter Drahtzieher zu entlarven. Dabei haben wir die Pariser Klimaabkommen doch zu unser aller Wohl unterzeichnet. Wir brauchen dringend und konsequent emissionsfreie Energien. Dabei gibt es Alternativen. Die Möglichkeiten von Wind-, Wasser- und Solarenergie und der neuesten Energienutzung vor allem der revolutionären Entdeckung von Neutrino-Energy für die Menschheit des 21.Jahrhunderts sind enorm. Es strömen Billliarden Neutrinos Tag und Nacht weltweit mit der solaren Strömung, die wir seit neuestem Wissen (Physik Nobelpreis 2015 & etliche internationale, universitäre Studien) in Energie wandeln können - für die mobile & dezentrale Haushaltsenergie und die Elektromobilität! Bei dieser Technologie braucht es keine Grosskraftwerke und demzufolge keine Speicher mehr. Auch materialaufwendige Akkus und Batterien werden durch kleinere Powercubes und Neutrino-Chips ersetzt. Ein Grosses Umdenken in Politik und Wirtschaft, wie etwa in den 80iger Jahren steht an: weg von Festnetztelefonie zur Mobilen Telekommunikation oder die Verbreitung von News anstelle mit Drucksachen über das Internet " Social Media, so auch in der Energienutzung hin zur mobilen und dezentralen Energie. Die Berliner Neutrino Group und ihr wissenschaftliches Team und internationalen Partner, bieten Lizenzen aus weltweiter Forschung für die Nutzung von Neutrino-Energy. Das ist machbar Hier und Jetzt und Neutrino-Energy wird zukünftig 30-50% des Strombedarfs Abdecken können. Aber die Deutsche Autoindustrie will weiter ihre "Ladenhüter" Loswerden und Abkassieren, derweil man in China und den USA innovative Start-up s gründet.

  • Gibt es noch ein Land in der Welt, dass so penetrant über seine (miesen) PKWs berichtet als hier?
    Warum baut man nicht einfach einen Motor von Toyota, Chrysler oder Renault ein?
    Die sind ja offensichtlich sauber!

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