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Martin Winterkorn

Neue Dokumente zeigen: Der Ex-VW-Chef wusste früh über Abgasmanipulationen Bescheid.

(Foto: dpa)

Dieselskandal bei Volkswagen Brisante Dokumente belasten Ex-VW-Chef Martin Winterkorn

Zwei Dokumente, die dem Handelsblatt vorliegen, zeigen: Ex-VW-Chef Winterkorn wurde schon früh über Details der Abgasmanipulationen informiert.
28.02.2018 - 12:51 Uhr 6 Kommentare

Düsseldorf Der Druck auf den Volkswagen-Konzern in der Dieselaffäre steigt. Das Landgericht Stuttgart hat verfügt, dass der Wolfsburger Autobauer zwei Dokumente aus dem Jahr 2014 offenlegen muss, in denen dem damaligen Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn detailliert über den Verstoß gegen US-Abgasvorschriften berichtet wird.

Die Papiere stammen aus dem Mai 2014 – das war mehr als ein Jahr vor Bekanntwerden des Skandals. Erst am 19. September 2015 informierte die US-Umweltbehörde EPA die Öffentlichkeit über die unzulässigen Tricks von Volkswagen bei der Abgasreinigung. Am 22. September räumte der Konzern selbst die Verfehlungen in einer Mitteilung an seine Aktionäre ein.

Vor dem Landgericht Stuttgart klagten deshalb institutionelle und private Aktionäre von Volkswagen, weil sie aus ihrer Sicht viel zu spät über den Skandal informiert wurden, der den Konzern schon mehr als 30 Milliarden Euro kostete.

Grundsätzlich müssen Aktiengesellschaften ihre Anteilseigner über kursrelevante Ereignisse informieren. Fakt ist, dass die Märkte geschockt reagierten, als der Skandal öffentlich wurde. Am 21. und 22. September 2015 verloren die Papiere insgesamt rund 40 Prozent an Wert.

Bei den jetzt auf Geheiß des Gerichts erstmals offengelegten Unterlagen handelt es sich um ein Schreiben von Frank Tuch, dem damaligen Leiter der Qualitätssicherung im VW-Konzern an den damaligen VW-Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn. In dem Schreiben vom 23. Mai 2014, das dem Handelsblatt vorliegt, listet Tuch verschiedene Probleme auf, mit denen sich der Konzernboss befassen solle.

15- bis 35-fache Überschreitung der Grenzwerte

Unter Punkt eins geht es explizit um die Überschreitung der Stickoxid-Emissionen bei Diesel-Pkws im Echtbetrieb. Tuch schrieb an Winterkorn: „Die Universität von West Virginia hat gemeinsam mit dem CARB und dem International Council on Clean Transportation (ICCT) Emissionstests im realen Fahrbetrieb durchgeführt.“

Die Ergebnisse waren verheerend: „Bei den Messungen an VW-Fahrzeugen … wurden die NOx-Grenzwerte deutlich überschritten (Faktor 15 bis 35).“ Tuch machte als Leiter der Qualitätssicherung klar, dass sein Unternehmen handeln müsse: „Die ICCT hat VW die Testergebnisse übergeben und um eine entsprechende Kommentierung gebeten.“ Dann kündigte Tuch seinem Vorstandschef an: „Über die weiteren Entwicklungen und die Diskussionen mit der Behörde werde ich berichten.“

Die Schreiben lassen frühere Angaben des Konzerns über die Verwicklung seines Vorstandsvorsitzenden fragwürdig erscheinen. Winterkorn trat am 23. September 2015 zurück, wurde vom Aufsichtsrat seines Unternehmens aber ausdrücklich gelobt und von jeder Schuld freigesprochen.

In einer Mitteilung hieß es seinerzeit: „Mit großem Respekt haben die Mitglieder des Präsidiums das Angebot des Vorstandsvorsitzenden, Professor Dr. Martin Winterkorn, zur Kenntnis genommen, von seinem Amt zurückzutreten und um eine Aufhebung des Vertrags zu bitten. Die Mitglieder des Präsidiums stellen fest, dass Herr Professor Dr. Winterkorn keine Kenntnis hatte von der Manipulation von Abgaswerten.“

Winterkorn selbst schrieb in einer Erklärung: „Ich bin bestürzt über das, was in den vergangenen Tagen geschehen ist. Vor allem bin ich fassungslos, dass Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen-Konzern möglich waren.“ Obwohl er selbst schuldlos sei, wolle er mit seinem Rücktritt die Verantwortung übernehmen. „Ich tue dies im Interesse des Unternehmens, obwohl ich mir keines Fehlverhaltens bewusst bin“, schrieb Winterkorn.

Die freundliche Trennung hatte für Winterkorn erhebliche finanzielle Konsequenzen. Bei Aufhebung seines Vertrags stand dem Manager theoretisch eine Ausbezahlung seines bis 2016 laufenden Vertrages zu – Winterkorn war mit bis zu 16 Millionen Euro pro Jahr der seinerzeit bestbezahlte Vorstand Deutschlands. Außerdem wurde bekannt, dass Volkswagen ihm bis zu 28 Millionen Euro als Pension zahlen würde.

Weitere Informationen an Winterkorn angekündigt

Nun kommt heraus, dass Winterkorn mindestens schon 16 Monate lang von dem Dieselskandal wusste, bevor dieser von den US-Behörden offengelegt wurde. Den Konzern und seine Aktionäre kostete das Milliarden. Tuch hatte in seinem Schreiben am 23. Mai 2014 an Winterkorn angekündigt, dem Vorstandchef weiter Bericht zu erstatten.

Wenige Tage später erhielt Tuch eine Notiz des damaligen Leiters des Ausschusses für Produktsicherheit bei Volkswagen, Bernd Gottweis. Auszugsweise heißt es dort: „Eine fundierte Erklärung für die dramatisch erhöhten Stickoxid-Emissionen kann den Behörden nicht gegeben werden.“

Tuch befürchtete als Leiter der Qualitätssicherung deshalb ernste Konsequenzen. Es sei zu vermuten, „dass die Behörden die VW-Systeme daraufhin untersuchen werden, ob Volkswagen eine Testerkennung in die Motorensteuergeräte-Software implementiert hat (sogenanntes ,defeat device’) und bei einem erkannten ,Rollentest’ eine andere Regenerations- beziehungsweise Dosierungsstrategie fährt als im realen Fahrbetrieb.“

Für Andreas Tilp, der rund 150 Aktionäre vor dem Landgericht Stuttgart vertritt, sind die Unterlagen entlarvend: „Der Begriff ,defeat device’, welcher für jeden Fachkundigen für eine in den USA verbotene Abschalteinrichtung steht, wurde in der Gottweis-Notiz somit klar angesprochen. Dass Herr Winterkorn jedenfalls spätestens Ende Mai 2014 keine Kenntnis von den in den jetzigen Unterlagen dokumentierten Umständen gehabt haben soll, ist deshalb nicht mehr glaubhaft“, sagt der Anwalt aus Kirchentellinsfurt bei Tübingen. VW wollte sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu dem Stuttgarter Verfahren äußern.

Verhandlung vor dem Landgericht Stuttgart

Vor dem Landgericht Stuttgart wird nicht nur um die Sache gestritten, sondern auch um den Richter. VW hält den Richter Fabian Reuschle für befangen und führt acht Gründe auf, warum der Mann eine Fehlbesetzung ist. VW spricht unter anderem von „öffentlichen Vorverurteilungen“ durch Reuschle, der die Vorwürfe zurückweist.

Schon jetzt allerdings sind die neuen Erkenntnisse aus Stuttgart auch für das Musterverfahren in Braunschweig relevant. Dort sind weit mehr Aktionärsklagen anhängig, insgesamt geht es um einen Streitwert von rund neun Milliarden Euro. Tilp vertritt hier den Musterkläger Deka, das Fondshaus der Sparkassengruppe.

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6 Kommentare zu "Dieselskandal bei Volkswagen: Brisante Dokumente belasten Ex-VW-Chef Martin Winterkorn"

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  • ES IST ZU ERWARTEN, DASS VORSTAND UND AUFSICHTSRAT FRÜHER ALS BISHER ZUGEGEBEN VON DER BETRÜGERISCHEN MANIPULATION BEI DEN DIESELMOTOREN GEWUSST HABEN. ALLE (STEUERZAHLENDEN) EHRLICHEN BÜRGER ERWARTEN, DASS IN UNSEREM RECHTSSTAAT NICHT NUR DIE AUTOFAHRER GNADENLOS VERFOLGT UND ZUR KASSE GEBETEN WERDEN, SONDER DASS SICH ENDLICH STAATSANWÄLTE DARUM KÜMMERN, DIE VERANTWORTLICHEN FÜR DIESEN SKANDAL, DIE JA NEBEN DEM ENORMEN FINANZIELLEN SCHADEN FÜR IHR UNTERNEHMEN IN VERANTWORTUNGSLOSER (KRIMINELLER) ART UND WEISE DEM IMAGE UNSERER DEUTSCHEN WERTARBEIT UND HIER BESONDERS DEM "MADE IN GERMANY" UNABSEHBAREN SCHADEN ZUGEFÜGT HABEN. DA SOLLTE ES NULL TOLERANZ GEBEN. DIESE SKRUPELLOSEN FÜHRUNGSKRÄFTE, DIE EIGENTLICH VORBILDER FÜR DIE BÜRGER DES LANDES SEIN SOLLTEN, SIND MIT ALLEN RECHTSMITTELN ANZUKLAGEN, ZU VERURTEILEN UND WEGEN DER ERWIESENEN UNEINSICHTIGKEIT UND DER VIELEN LÜGEN MIT VOLLER HÄRTE ZU BESTRAFEN.

  • Der einzige, der sich offenbar sofort über den Ernst der Lage bewusst war, dürfte Herr Piech gewesen sein, Seine allseits bekannte Distanzierung von Herrn Winterkorn im Anschluss an die a.o. Aufsichtsratsitzung im April 2016 erscheint absolut plausibel. Natürlich dürfte dieses Thema auf der Sitzung besprochen worden sein.
    Aber die Herren Porsche, Osterloh & Co. , angeführt vom Ministerpräsidenten hielten wohl mehr von der Vogel Strauss Politik. Kopf in den Sand stecken - es wird wohl keiner merken ...
    Um so bedauerlicher, dass Piech nicht mehr an Bord von VW ist. Verständlich, dass Piech nichts mehr mit einem Unternehmen zu tun haben will, welches selbst nicht bereit , kriminelle Machenschaften zu unterbinden.

  • Man kann sagen, was man will: Die gesundheitsbewussten Amerikaner sind bei 103 Mikrogramm gesund, Europäer nur bei 40! Da will doch jeder nur noch Amerikaner sein!
    Kennt jemand die chinesischen Grenzwerte für NOx?

  • Das Problem für die betrogenen Besitzer von Diesel-KFZ besteht darin, daß die betroffenen Unternehmen der Autoindustrie bis dato nicht zu einer Aufrüstung dieser Diesel-Fahrzeuge auf die die adäquate EU Norm verpflichtet werden! Auch ist für mich die Behandlung des Tatbestandes der Manipulation der Diesel-Motoren mit dem Ziel, die Abgaswerte
    der Norm entsprechend dar zu stellen, durch Justiz und Politik nicht (noch nicht) geahnded worden! Zum Beispiel mit Forderung die auch ‚hardware‘ mässige - natürlich kostenlose -Korrektur der o. a. Dieselmotoren den Beteiligten Unternehmen ab zu verlangen.


  • Die Verantwortlichen bei VW/ Audi dürfen nach meinem Empfinden nicht ungestraft davonkommen. Die Politik muss darüber hinaus dafür Sorge tragen, dass die geschädigten Diesel Fahrer angemessen entschädigt werden. Die Umweltprobleme müssen schnellstmöglich durch Nachbesserungen der Hersteller gelöst werden. Fahrverbote dürfen -wenn überhaupt- nur vorübergehend in Betracht kommen.

  • Es war doch schon lange klar, dass die Big Bosses bescheid wussten. Nur haben sie ihre Ingenieure vorgeschoben. Alles ein Theater um das langsame Sterben des Verbrennungsmotors...
    Politiker sollten besser an die Sache selbst gehen und neueste Forschungen ANERKENNEN UND FÖRDERN wie aktuell in der Debatte um saubere Luft auch NEUTRINO-ENERGY einsetzbar wäre.
    Dazu las ich erneut in einem Artikel von Prof.Günther Krause, Wissenschaftlicher Leiter der Berliner Neutrino Energy Gruppe und ehemaliger Bundesverkehrsminister a.D. im
    http://www.tagesbote.at/2018/02/27/gewinnung-von-energie-aus-neutrino-geisterteilchen/ SPANNENDE NEWS ZUR ENERGIENUTZUNG der "Geisterteilchen".
    Es darf jetzt nicht 20Jahre dauern, bis wir den Verbrennungsmotor durch bessere Antriebe ersetzen. Da muss die Politik ran und der neuen Energie-Wirtschaft die Türen öffnen.

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