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Dieselskandal Daimler muss erneut Tausende Fahrzeuge zurückrufen

Das Kraftfahrt-Bundesamt hat bei 60.000 SUVs eine unzulässige Abschaltautomatik gefunden. Der Autobauer aus Stuttgart bestreitet ein Fehlverhalten.
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Jüngst lief das sechsmillionste Auto vom Band, doch jetzt ruft das Kraftfahrtbundesamt rund 60.000 PKWs des Modells zurück. Quelle: Daimler AG
Mercedes-Benz GLK

Jüngst lief das sechsmillionste Auto vom Band, doch jetzt ruft das Kraftfahrtbundesamt rund 60.000 PKWs des Modells zurück.

(Foto: Daimler AG)

MünchenDaimler-Chef Ola Källenius ist ein unkonventioneller Manager. Er duzt Kollegen, lädt die schärfsten Kritiker des Autobauers zum Dialog ein und kommuniziert mit seinen 300.000 Mitarbeitern schon mal via Threema. Gleich zum Amtsantritt als Vorstandsvorsitzender von Daimler vor einem Monat wandte sich der 50-Jährige über die Messenger-App an die Beschäftigten bei Mercedes. „Wir müssen uns verändern“, schwor Källenius seine Truppen auf den künftigen Kurs ein.

Bei dem Stuttgarter Fahrzeughersteller steht der größte Umbau in der mehr als 130 Jahre währenden Konzerngeschichte bevor. Das Konglomerat wird dreigeteilt (Auto, Trucks, Mobilitätsdienste), zudem soll die Marke mit dem Stern ergrünen, die Flotte bis spätestens 2039 CO2-neutral sein. Daimler ist zwar spät ins Elektrozeitalter gestartet, will jetzt aber mit einer massiven Stromoffensive kräftig Tempo machen. Es gibt kein Zurück. Källenius richtet den Blick klar nach vorn.

Doch der neue Daimler-Chef muss sich parallel dazu mit einem schweren Erbe seines Vorgängers und Mentors Dieter Zetsche herumschlagen. Der Dieselskandal holt Daimler immer wieder ein. Der jüngste, schmerzhafte Bescheid in der Causa: Die Stuttgarter müssen rund 60.000 Pkw vom Typ Mercedes-Benz GLK 220 zurückrufen. Das hat das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) mit Sofortvollzug angeordnet.

Der Grund: Die Flensburger Beamten, die dem Bundesverkehrsministerium (BMVI) unterstellt sind, haben eine unzulässige Abschalteinrichtung bei drei spezifischen Varianten des SUVs mit der Abgasnorm 5 gefunden, die zwischen Juni 2012 und Juni 2015 produziert worden sind. Konkret soll Daimler durch eine Softwarefunktion den Kühlmittelkreislauf künstlich kälter halten und die Aufwärmung des Motoröls verzögern, um die Stickoxid-Grenzwerte auf dem Prüfstand einzuhalten, nicht aber im realen Straßenbetrieb.

Aus Sicht von Daimler ist die beanstandete Funktionalität „zulässig“. Der Konzern teilte mit, gegen den Bescheid des KBA Widerspruch einzulegen. Schon vor der Anordnung des Rückrufs haben sich die Schwaben vehement gegen den Vorwurf etwaiger Manipulationen gewehrt. Das dürfte wiederum das Bundesverkehrsministerium dazu bewogen haben, ein Gutachten bei einem externen Fachmann in Auftrag zu geben. Dieses Gutachten belastet Daimler einem Bericht der „Bild am Sonntag“ zufolge schwer.

Die Folge: Das KBA weitet seine Untersuchungen nun auf weitere Mercedes-Modelle mit den Dieselmotoren OM 651 und OM 642 aus. Es geht um bis zu 700.000 womöglich betroffene Fahrzeuge. Daimler will dabei „weiterhin vollumfänglich“ mit der Behörde kooperieren. Tatsache ist aber auch: Der Konzern liegt seit weit mehr als einem Jahr mit den Flensburger Beamten im Clinch.

Im Frühsommer 2018 zitierte Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer den damaligen Daimler-Chef Zetsche binnen 14 Tagen gleich zweimal nach Berlin. Der CSU-Politiker verlangte damals genaue Auskunft, wie tief Mercedes in den Abgasskandal verstrickt ist.

Ermittlungen in den USA

Daimler wehrt sich seit jeher gegen den Verdacht, wie Volkswagen sogenannte Defeat Devices eingesetzt zu haben. Notfalls wollen die Schwaben vor Gericht klären lassen, wer recht hat. Dabei gilt die Maxime: Stuttgart ist nicht Wolfsburg. Während VW nachweislich betrogen hat, streitet dies Daimler vehement ab. Ausräumen konnte der Konzern die Vorwürfe aber bis dato nicht.

Das KBA verdonnerte den Mercedes-Hersteller im vergangenen Jahr vielmehr dazu, mehr als 700.000 Dieselfahrzeuge zurückzurufen – davon 280.000 in Deutschland. Die neue Anweisung aus Flensburg ist für Daimler der nächste Rückschlag, der nicht nur das Image schädigt. Jeder Rückruf kostet den Konzern Millionen. Ob Daimler ausreichend Rückstellungen im Dieselskandal gebildet hat, ist offen. Rund um den Globus wird ermittelt. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart prüft etwa, ob sie wie zuvor bei VW und Audi auch gegen Mercedes ein Bußgeld verhängt.

In den USA gehen unter anderem das Justizministerium sowie die Umweltbehörden EPA und Carb dem Verdacht nach, dass die Schwaben womöglich die Abgasreinigung von Dieselfahrzeugen rechtswidrig manipuliert haben. Anfang des Jahres schloss Fiat Chrysler in einem ähnlich gelagerten Fall einen Vergleich und zahlt gut 800 Millionen Dollar an Bußgeld und Entschädigungen für Besitzer von betroffenen Fahrzeugen.

Es sei nicht auszuschließen, dass die Behörden auch bei Mercedes-Fahrzeugen Funktionalitäten für unzulässig erklären könnten, warnt Daimler seine Aktionäre im Geschäftsbericht.

Kampf an vielen Fronten

Das immense Risiko aus dem Dieselskandal ist für Daimler freilich nur eines von vielen. Der Konzern kämpft an vielen Fronten. Im vergangenen Jahr ist der Gewinn der Stuttgarter um fast ein Drittel eingebrochen. Handelsbarrieren, immer aufwendigere Zertifizierungsverfahren und hohe Aufwendungen für Elektromobilität und autonomes Fahren schmälerten die Erträge. Besserung ist nicht in Sicht. Im ersten Quartal 2019 verbrannten die Schwaben zwei Milliarden Euro.

Das Ziel einer Umsatzrendite von acht bis zehn Prozent in der Pkw-Sparte Mercedes-Benz Cars ist bis 2021 außer Reichweite. In den Divisionen Vans und Busse fielen zuletzt Verluste an, einzig ein Sondereffekt in der Finanzsparte verhinderte ein noch schlechteres Ergebnis. Konzernchef Källenius arbeitet seit Monaten an einem Sparprogramm, um ein weiteres Absacken der Rendite zu unterbinden.

Schon bald dürfte klar sein, wo genau Einschnitte getätigt werden. Anders als bei VW will Daimler die Transformation in der Autoindustrie freilich ohne aktiven Stellenabbau bewältigen. Ob das auf mittlere Sicht aber tatsächlich gelingt, ist fraglich.

Operativ häufen sich bei den Schwaben die Probleme. Nach Jahren unentwegter Absatzrekorde steht aktuell ein Minus in der Verkaufsstatistik von Mercedes. Von Anfang Januar bis Ende Mai verkaufte die Marke mit dem Stern nur noch 938.000 Pkws. Das entspricht einem Rückgang von 4,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Daimler kämpft mit Anlaufproblemen in mehreren Werken bei wichtigen Modellen wie dem SUV-Renditegaranten GLE. Konzernchef Källenius ist nun als Kostenkiller im Tagesgeschäft ebenso gefordert wie als Aufklärer und Diplomat im Dieselskandal und Handelskrieg.

Mehr: Eine aktuelle Prognose zeigt ein düsteres Bild für die globale Autoindustrie. Demnach dürfte der Absatz in diesem Jahr deutlich einbrechen.

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