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Dieselskandal Der ehrenwerte Herr Stadler – Anklage gegen Ex-Audi-Chef steht bevor

Dem Handelsblatt liegen mehr als 100 Aktenordner der Staatsanwaltschaft zum Fall Audi vor. Sie lassen Rupert Stadler als kühlen Machtmenschen erscheinen.
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Stadler soll als Audi-Chef daran mitgewirkt haben, dass Händlern und Kunden in Europa wissentlich manipulierte Fahrzeuge verkauft wurden. Quelle: Reuters
Rupert Stadler

Stadler soll als Audi-Chef daran mitgewirkt haben, dass Händlern und Kunden in Europa wissentlich manipulierte Fahrzeuge verkauft wurden.

(Foto: Reuters)
  • Der erste deutsche Strafprozess im Dieselskandal findet offenbar bald in München statt. Nach Informationen des Handelsblatts will die dortige Staatsanwaltschaft bis zum Sommer eine Anklage gegen mehrere Beschuldigte auf den Weg bringen.
  • Es ist sehr wahrscheinlich, so heißt es aus informierten Kreisen, dass sich unter den Angeklagten dann auch ein prominenter Name wiederfindet: Rupert Stadler. Er führte von 2007 bis 2018 bei Audi die Geschäfte.

Der 3. und 4. Juli 2018 dürften dem Münchener Oberstaatsanwalt Dominik Kieninger als besonders zähe Tage in Erinnerung bleiben. Immer wieder musste er die Vernehmung unterbrechen, um den Beschuldigten zu ermahnen.

Dessen Aussagen seien unglaubwürdig, sagte Kieninger, und würden rein gar nicht nach Aufklärung klingen. Mehrfach baten die Anwälte des Mannes, der bei der Befragung schon rund zwei Wochen in Untersuchungshaft saß, um Auszeiten. Sie sahen Beratungsbedarf.

Doch Rupert Johann Stadler blieb sich treu. Was immer der damalige Audi-Chef über den Dieselskandal wusste – er gab es nur sehr lückenhaft preis. Die Vernehmung am 4. Juli brachen Stadlers Anwälte frühzeitig ab. Wenige Tage später strichen die Juristen alle weiteren Vernehmungstermine. Seither schweigt Stadler.

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Das Handelsblatt hatte Einblick in die Vernehmungsprotokolle des Sommers 2018. Sie zeigen Stadler als einen Mann, der selbst im Angesicht der Staatsgewalt nicht über seinen Schatten sprang. Als Manager, der die Aufklärung des Dieselskandals im eigenen Haus eher unterband, als sie voranzutreiben. Als Beschuldigter, der offenbar versuchte, unangenehme Zeugen mundtot zu machen. Als Chef, der anscheinend kein Problem damit hatte, unliebsame Mitarbeiter ohne gründliche Prüfung zu beurlauben.

Als Stadler von Oberstaatsanwalt Kieninger gefragt wurde, warum es bei Audi keine Dokumente über die Arbeit der intern ermittelnden Anwaltskanzlei Jones Day gab, musste der Vorstandsvorsitzende passen. Er wisse es nicht, sagte Stadler.

Er leitete ein Unternehmen mit 61.000 Beschäftigten und einem Umsatz von mehr als 60 Milliarden Euro. Jones Day lieferte die Grundlage für arbeitsrechtliche Maßnahmen gegen leitende Manager im größten Skandal der Audi-Geschichte. Stadler wusste angeblich nicht, wo sie aufbewahrt wurden.

Die Staatsanwaltschaft war misstrauisch. 135 Tage behielt sie Stadler in Untersuchungshaft. Ende Oktober kam er frei – mit strengen Auflagen. Es bestehe weiterhin dringender Tatverdacht gegen Stadler, betonte der zuständige Richter.

Stadler wird des Betrugs und der mittelbaren Falschbeurkundung verdächtigt. Er soll daran mitgewirkt haben, dass Händlern und Kunden in Europa wissentlich manipulierte Fahrzeuge verkauft wurden – auch nach Bekanntwerden des Dieselskandals 2015. Auf eine Anfrage des Handelsblatts dazu und zu Stadlers Vorgehen gegen Mitarbeiter antwortete sein Anwalt nicht. Bisher stritt Stadler sämtliche Vorwürfe gegen ihn ab.

Stadler auf Tauchstation

Am Absturz des 55-Jährigen Topmanagers ändert das nichts. Seit er seine Anstaltskleidung wieder ablegen konnte, ist kaum etwas wie vorher für Rupert Stadler. Bei Audi wurde er von allen Aufgaben entbunden. In der Öffentlichkeit lässt er sich seither nicht sehen. Der Kontakt zu Audi brach ab. Nur die wenigsten wissen, was Stadler heute macht.

Dabei war sein Aufstieg in dem Unternehmen fast so spektakulär wie sein Fall. Stadler ist Sohn eines Landwirts. Er war der erste Audi-Chef, der nicht Ingenieur war. Stadler wuchs in Wachenzell auf, einem Dorf mit wenigen Hundert Einwohnern, rund 30 Kilometer von Ingolstadt entfernt.

Vor und nach der Schule half er auf dem Hof seiner Eltern im Stall und bei der Ernte. Später studierte Stadler Betriebswirtschaftslehre. Anfang der 1990er-Jahre heuerte er bei Audi an.

Stadler war fleißig und arbeitete sich schnell hoch. Er erlangte die Gunst des damaligen Vorstandschefs Ferdinand Piëch. Stadler galt als Mann der Zahlen, Piëch erkannte seine Vorzüge und band ihn an sich. Als Piëch in die VW-Konzernspitze berufen wurde, machte er Stadler zum Chef seines Generalsekretariats.

Im Laufe seiner Karriere weitete Stadler diese Loyalität auf die Familien Piëch und Porsche aus. Er wurde ihr Sprachrohr und Ohr im Konzern. Keiner, so schien es, hatte seinen Job so sicher wie Stadler.

Tage

135

in Untersuchungshaft

saß Rupert Stadler ab dem 18. Juni 2018 in der JVA Augsburg-Gablingen.

2003 wurde er Audi-Finanzvorstand und vier Jahre später Nachfolger von Martin Winterkorn als Vorstandsvorsitzender. Unter Stadlers Führung brach Audi Rekorde. Der Umsatz schnellte von 34 Milliarden auf 60 Milliarden Euro. Stadler schien zu noch Höherem berufen. Wenn Winterkorn einmal als Chef der Konzernmutter Volkswagen abtreten würde, war Stadler der natürliche Nachfolger. Er stand vor der absoluten Krönung in der deutschen Wirtschaft.

Dann kam die Dieselkrise dazwischen. Im September 2015 trat Winterkorn abrupt zurück. Im VW-Imperium rollten seither reihenweise Köpfe. Nur Stadler schien nichts anzufechten – geschützt von den mächtigen Händen der Familien Porsche und Piëch.

Selbst als es Hinweise gab, dass der Audi-Boss im Dieselskandal mehr wusste als viele andere, schien Stadlers Posten wie festgemauert. Vom Teflon-Stadler war die Rede oder von der Konzernkatze mit den sieben Leben.

Abmahnungen nach Gutsherrenart

Im Dezember 2017 erklärte der Audi-Chef den Skandal für weitgehend abgeschlossen. Die „Taskforce Diesel“ solle Anfang 2018 aufgelöst werden. Das sei, sagte Stadler, „ein äußeres Zeichen, dass wir allmählich vom Krisenmodus wieder auf den Regelbetrieb umstellen können“.

Es kam anders. 2018 musste Audi erneut Fahrzeuge zurückrufen. Manipulierte Motoren, Abertausende davon. Anfang Juni durchsuchten Beamte des bayerischen Landeskriminalamts Stadlers Haus in Ingolstadt, am 18. Juni wurde er festgenommen. Stadler soll versucht haben, die Ermittlungen zu behindern. Der Haftgrund: Verdunkelungsgefahr.

Dafür, dass Stadler sechs Monate zuvor schon das Ende der Krise ausgerufen hatte, war er erstaunlich gut vorbereitet. Als die Ermittler sein Haus betraten, begrüßte sie Stadlers Frau. Diese hatte gleich auf dem Schreibtisch im Flur einen Zettel mit der Nummer eines Anwalts parat.

Manager Stadler (links), Piëch und Winterkorn (rechts). Quelle: ddp
Macht verloren

Manager Stadler (links), Piëch und Winterkorn (rechts).

(Foto: ddp)

„Routiniert“, dachten die Ermittler. Der Eindruck blieb. Auch als Stadler in die Haftanstalt in Augsburg-Gablingen abtransportiert wurde, konnte er bereits einen Verteidiger benennen. Er hatte den Münchener Anwalt Thilo Pfordte mandatiert, eine der ersten Adressen im deutschen Strafrecht.

So vorsichtig Stadler bei der Auswahl seines Anwalts wirkt, so aberwitzig scheint seine Wahl bei einem Anruf. Mehrfach waren die Räume seines Konzerns schon durchsucht worden, da entschied sich Stadler am 8. Juni 2018 zu einem verhängnisvollen Telefonat. Die Ermittler schnitten es mit.

Stadlers Telefonpartner war Manfred Eder*, bei Porsche zuständig für Technische Konformität. Mit ihm sprach Stadler über die Razzien bei der Audi-Konzernschwester. Vor allem ein Mitarbeiter des Stuttgarter Sportwagenherstellers machte Stadler Sorge: Josef Carlsen*. Der gab offenbar sein Wissen über manipulierte Motoren, die Audi an Porsche geliefert hatte, an die Ermittler weiter. Das gefiel Stadler nicht.

Das Protokoll des Gesprächs in den Akten der Staatsanwaltschaft München zeigt, was Stadler tun wollte, wenn ihm jemand nicht gefiel: einfach wegschaffen. Wenn „Gefahr in Verzug“ sei, sagte Stadler, solle Eder bitte kurz „durchklingeln“. Dann würde man was entscheiden. Mit Blick auf Carlsen zitierte Stadler den damaligen VW-Chef Matthias Müller: „Mensch“, soll Müller gesagt haben, „räumt den da weg, der muss woanders hin!“

Das Gespräch verblüfft. Als Stadler es führte, waren schon mehrere Automanager verhaftet worden. Die Staatsanwaltschaften zählten Dutzende von Beschuldigten. Hatten Stadlers Anwälte ihn nicht gewarnt, dass auch er womöglich längst abgehört wurde? War es ihm egal? Manche Weggefährten sagen, das Verhalten zeige Stadlers Selbsteinschätzung. Er habe sich unangreifbar gefühlt.

Wenn Gefahr in Verzug ist, bitte kurz durchklingeln. Rupert Stadler (früherer Vorstandsvorsitzender Audi)

Für Oberstaatsanwalt Kieninger war das Gespräch Grund genug, Stadler in Untersuchungshaft zu stecken. Der Ermittler erkannte in dem Telefonat den Versuch, den Zeugen Carlsen mundtot zu machen. Warum sonst, fragte er Stadler in der Vernehmung am 3. Juli, habe der Audi-Chef über eine mögliche Beurlaubung von Carlsen gesprochen, wenn so etwas nach Stadlers eigener Aussage doch Sache der Rechtsabteilung war?

Stadler verneinte eine unlautere Absicht. Er habe das Telefonat geführt, um sich arbeitsrechtlich zu informieren. Es sei ihm um Hilfe für Unzuträglichkeiten bei Porsche gegangen. Stadler habe einfach nur wissen wollen, wer da Dinge nach außen trug. Mehr nicht.

Die Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft München lassen an dieser Darstellung zweifeln. Auf dem Höhepunkt der Dieselaffäre verteilte Stadler demnach Abmahnungen und Beurlaubungen nach Gutsherrenart. Höherrangige Manager mussten gehen, wenn eine bestimmte Kanzlei eine Anregung dazu gab. Angehört wurden die Manager dann nicht mehr – Stadler schickte sie ohne große eigene Untersuchung, lediglich aufgrund von Beschlussempfehlungen, fort.

Die US-Kanzlei Jones Day wurde bereits unmittelbar nach Auffliegen des Abgasskandals im September 2015 vom Volkswagen-Konzern eingeschaltet, um den Skandal aufzuklären. Für viele Millionen Euro Honorar führten die Juristen Besprechungen mit Mitarbeitern durch, die manche als Verhöre empfanden. Doch was genau sie taten und was die Erkenntnisse ihrer Arbeit waren, erfuhr nicht einmal der Audi-Chef.

Zu diesem Zeitpunkt habe im Konzern ein extrem hoher Stresslevel geherrscht, berichtete ein Zeuge. Der Druck im Unternehmen sei so groß gewesen, dass sogar eine psychologische Betreuung eingerichtet wurde. Stadler hatte das alte Hierarchiedenken bei Volkswagen verinnerlicht. Bei Audi wurden Beteiligte von Sitzungen nach ihrer Bedeutung platziert. Ein Teilnehmer: „Nicht jeder durfte da reden.“

Konspiratives Treffen im Sportpark

Die Anwälte redeten immer. Wenn die Juristen von Jones Day in Ingolstadt auftauchten, gab es laut Stadler „verbale Downloads“, wie er deren mündliche Berichte nannte. Arbeitsrechtliche Maßnahmen seien mit einer weiteren Kanzlei besprochen und ihm dann vorgeschlagen worden. Schriftliche Belege für die Verfehlungen? Nie gesehen. Eigene Prüfung? Er habe sich auf die Vorschläge der Juristen verlassen, sagte Stadler.

Gleichwohl entschied Stadler, vier Manager zu sanktionieren. So musste Diesel-Entwicklungschef Ulrich Weiß gehen, weil er angeblich falsche Aussagen über die Sauberkeit eines bestimmten Audi-Modells gemacht hatte. Die Entscheidungsgrundlagen hätten auf der Hand gelegen, antwortete Stadler auf eine Frage von Oberstaatsanwalt Kieninger.

Weiß hat das immer bestritten. Er sieht sich als Bauernopfer und sagte bei der Staatsanwaltschaft umfassend gegen Stadler aus. Nach einem Arbeitsrechtsstreit mit Audi einigte sich Weiß auf eine Millionenabfindung. Zuhörer fanden besonders seine Ausführungen über ein Treffen am 30. November 2015 im Sportpark des FC Ingolstadt 04 aufschlussreich. Audi war dort Sponsor.

Auch die Staatsanwaltschaft interessierte sich für diese Details. Ihre Erkenntnisse finden sich wiederum in den Akten. Stadler soll Weiß im Sportpark gesagt haben, dass Audi nichts gegen ihn in der Hand hätte. Stadler habe sich einfach dem Druck aus Wolfsburg gebeugt.

Ließ sich Stadler seine Personalentscheidungen also einerseits von US-Anwälten diktieren und andererseits vom Mutterkonzern vorschreiben? Rupert Stadler sagt dazu nichts. Stadlers Anwalt Pfordte ließ eine Nachfrage unbeantwortet.

Ermittler sehen darin ein Verhaltensmuster. Ihr Vorwurf: Rupert Stadler setzte zwar eine Taskforce ein, als der Dieselskandal ausbrach. Er beauftragte sie aber nur, die Manipulationen technisch zu analysieren. Eine Suche nach den verantwortlichen Managern war bestenfalls zweitrangig, noch dazu fanden sich in der Taskforce Personen, deren eigene Verstrickung in die Affäre nicht klar war.

Zudem zitieren die Ermittler die Eindrücke von Audi-Mitarbeitern nach einer Belegschaftsversammlung Anfang 2016. Neue Hinweise zum Thema seien nicht mehr erwünscht gewesen. Wer sie doch gab, sei von Stadler fallen gelassen worden. Alles, was der Chef tat, habe ein einziges, klares Signal gesendet: bloß nicht mit den Behörden kooperieren.

Als die Staatsanwaltschaft Stadler mit dieser Einschätzung im Juli 2018 konfrontierte, widersprach er. Laut Protokoll kam ein ernsthafter Austausch aber nicht zustande. Stadler sei ausgewichen oder habe inhaltsleer geantwortet, steht in den Akten. Angebliche Gedächtnislücken nahm Oberstaatsanwalt Kieninger dem Manager offensichtlich nicht ab.

Es gilt deshalb als sicher, dass Kieninger Stadler in Kürze anklagen wird. Den genauen Terminplan gibt die Staatsanwaltschaft nicht preis. Ob Stadler seinerseits in einem Prozess überhaupt etwas aussagen will, ist ebenso unklar.

Schon im Sommer 2018 brachen seine Anwälte die Vernehmung lieber ab, bevor Stadler sich noch tiefer in den Schlamassel redete. Seither blieb er stumm. Es scheint, als habe Stadler seit seiner Inhaftierung zumindest eines gelernt: Alles, was er sagt, kann gegen ihn verwendet werden.

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