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Dieter Zetsche

„Bei uns wird nicht betrogen, bei uns wurden keine Abgaswerte manipuliert“, sagt der Daimler-Chef noch Anfang 2016.

(Foto: AFP/Getty Images)

Dieselskandal Drohender Massenrückruf bringt Daimler-Chef Zetsche in Erklärungsnot

Daimler-Chef Dieter Zetsche muss wegen möglicher Abgasmanipulation zum Rapport nach Berlin. Aktionäre fürchten bereits um den Konzerngewinn.
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Düsseldorf Autofreund, Zauderer, Dieselkompagnon: Alexander Dobrindt (CSU) genoss als Bundesverkehrsminister ein Image von eher zweifelhaftem Ruhm. Sein Nachfolger, Andreas Scheuer (CSU), will dagegen schon den Anschein der Kungelei zwischen Politik und Autoindustrie vermeiden. „Ich bin nicht der Buddy der Autobosse“, erklärte der 43-Jährige bereits einen Tag nach seiner Vereidigung als Minister Mitte März. Sein Credo laute vielmehr: „Ich bin der Kumpel der Fließbandarbeiter.“

Der Ton in der Berliner Invalidenstraße ist hörbar ein anderer, seit Scheuer im Amt ist. Seine Anwürfe werden schärfer. Gegen Volkswagen. Und neuerdings auch gegen Daimler. An diesem Montagvormittag muss Dieter Zetsche zum Rapport ins Verkehrsministerium. Der Daimler-Chef ist in Erklärungsnot. Scheuers Beamte im Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) haben in Dieselmotoren, die in Mercedes-Modellen verbaut wurden, „unzulässige“ Abschalteinrichtungen („defeat devices“) ausfindig gemacht.

Die Folge: Daimler muss 6300 Vito-Transporter zwangsweise zurückrufen. Wie die „Bild am Sonntag“ berichtet, könnte sich die Affäre ausweiten. Es drohe ein Rückruf von rund 120.000 Fahrzeugen. Denn auch in Massenmodellen wie der Mercedes C-Klasse könnten Abschalteinrichtungen in Dieselmotoren dafür sorgen, dass die Grenzwerte für gesundheitsschädliche Stickoxidemissionen zwar auf dem Prüfstand eingehalten werden, nicht aber im realen Fahrbetrieb auf der Straße.

Richter sollen Vorwürfe klären

Daimler wehrt sich gegen die Vorwürfe. Für Modelle der C-Klasse liege dem Konzern keine amtliche Anhörung des KBA vor, die Vorstufe eines Rückrufbescheids. Gegen die Entscheidung bei den Vito-Transportern will Daimler zudem Widerspruch einlegen. Während das KBA explizit darauf hinweist, dass zwei Funktionen in der Motorsteuerung des Mercedes Vito 1.6 l Diesel Euro 6 nicht den geltenden Vorschriften entsprechen, will der schwäbische Dax-Konzern von einem „defeat device“ nichts wissen.

Schon bald könnten Gerichte klären, wer recht hat – das KBA oder Daimler. Verkehrsminister Scheuer hat seine Beamten angewiesen, weiteren Verdachtsfällen bei Mercedes „unverzüglich nachzugehen“. Der Unmut in Berlin über den Schlingerkurs der heimischen Autobauer wird immer größer.

Zweieinhalb Jahre nachdem US-Umweltbehörden Volkswagen des Betrugs überführten, ist der Dieselskandal noch immer nicht ausgestanden. Mit Daimler gerät nun zunehmend ein Hersteller ins Zwielicht, der sich anfänglich noch als besonders sauber inszenierte.

„Wir halten uns grundsätzlich an die gesetzlichen Vorgaben und haben keinerlei Manipulationen an unseren Fahrzeugen vorgenommen“, erklärte Daimler-Chef Zetsche im September 2015 klar und unmissverständlich. Die Konkurrenz in Wolfsburg bei Volkswagen möge vielleicht schummeln, aber bei Mercedes in Stuttgart käme kein „defeat device“ zum Einsatz, tönte Deutschlands bekanntester Automanager damals selbstbewusst. Anfang 2016 legte Zetsche in einem Interview nochmals nach: „Bei uns wird nicht betrogen, bei uns wurden keine Abgaswerte manipuliert.“

Danach wurde der 65-Jährige allerdings immer kleinlauter. Auf dem Genfer Autosalon im März vergangenen Jahres räumte Zetsche etwa ein, dass es ein Fehler gewesen sei, dass die Hersteller beim Diesel die gesetzlichen Spielräume in unterschiedlicher Bandbreite ausgenutzt hätten. „Da ist einiges falsch gelaufen“, sagte er.

Später wurde Daimler noch vorsichtiger und schrieb beispielsweise im Quartalsbericht zum Geschäftshalbjahr 2017, dass in Mercedes-Fahrzeugen „Funktionalitäten enthalten sein könnten“, die von diversen Behörden möglicherweise als „unzulässig identifiziert wurden“. Nun wird mit dem KBA erstmals eine Behörde aktiv, indem sie einen Rückruf anordnet, dem weitere folgen könnten.

„Besondere Brisanz“

Bei Daimler und seinen Anteilseignern steigt die Nervosität. „Die aktuelle Nachrichtenlage versetzt die Daimler-Aktionäre in Höchstalarm“, sagte Marc Tüngler dem Handelsblatt. Der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) sieht in der derzeitigen Situation eine „besondere Brisanz“, da sich Daimler-Chef Zetsche in Abgrenzung zu Volkswagen bereits 2015 ausdrücklich von jedweden Manipulationsvorwürfen distanziert habe. „Es ist zu hoffen, dass genau diese Kommunikation Dieter Zetsche und Daimler nun nicht massiv auf die Füße fällt. Denn dann droht es in Sachen Reputation und auch in finanzieller Hinsicht sehr teuer zu werden“, erklärte Tüngler.

Daimler selbst hat in den vergangenen beiden Jahren schon einmal vorsorglich seine Rückstellungen für Rechtsrisiken deutlich erhöht. Rund 17,2 Milliarden bilanziert der Konzern für das Geschäftsjahr 2017 unter dem Posten „sonstige Risiken“. Das sind 1,4 Milliarden Euro mehr als noch im Jahr 2015, als der Dieselskandal losging. Daimler begründet die deutliche Aufstockung mit einer Reihe von möglichen Risiken. Diese beinhalten im Wesentlichen „gestiegene Verpflichtungen aus Absatzgeschäften, Garantierückstellungen sowie auf Rückstellungen im Zusammenhang mit rechtlichen Risiken“, heißt es im Geschäftsbericht.

Ob Finanzchef Bodo Uebber genug Vorsorge getroffen hat, bleibt offen. Denn nicht nur das KBA moniert im Abgasschlamassel einen zu hohen Stickoxidausstoß bei Mercedes-Modellen. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelt gegen Daimler wegen des Verdachts des Betrugs und der betrügerischen Werbung. In den USA verlangt zudem ein halbes Dutzend Bundes- und Landesbehörden Auskunft über Test- und Messergebnisse, über Zulassungsverfahren und Zuständigkeiten bei dem 164 Milliarden Umsatz schweren Auto- und Lkw-Hersteller.

Hinzu kommt noch eine Sammelklage von Kunden in 13 US-Bundesstaaten, die Schadensersatz von Daimler wegen überhöhter Abgaswerte fordern. Aktionäre verlangen Kompensation für ihre Kursverluste. Ermittlungsakten aus den USA legen schon länger den Verdacht nahe, dass mit der Abgasreinigung vieler Mercedes-Dieselfahrzeuge etwas nicht stimmt.

Wie die anderen Autobauer auch setzt Daimler den wässrigen Harnstoff Adblue für die Abgasreinigung ein. Die Stuttgarter hatten stets betont, die Software regele die Adblue-Einspritzung, um den Motor vor der sogenannten „Versottung“ zu schützen. Denn bei dem chemischen Prozess, der Dieselabgase durch Adblue von Stickoxiden befreit, entsteht den Herstellern zufolge ein Schleim. Der kann Motorleitungen und Teile der Abgasreinigung schädigen. Doch die US-Ermittler fanden Softwarezeilen, die mit einer Schonung des Motors nicht mehr zu rechtfertigen waren – und auf eine Manipulation hinweisen könnten.

Daimler hat sich in den USA zu uneingeschränkter Kooperation mit den Behörden verpflichtet. Und auch mit dem KBA befindet sich der Autobauer laut eigener Darstellung „in einem kontinuierlichen Austausch“ und kooperiere „vollumfänglich“.

Transparenz schreibt neuerdings auch die heimische Politik groß. „Ich erwarte, dass Mercedes seinen Kunden gegenüber Klarheit schafft“, erklärte Verkehrsminister Scheuer dem „Spiegel“ und gab damit Daimler-Chef Zetsche schon mal etwas zum Nachdenken mit auf den Weg nach Berlin. Dieses Kommunikationsgebaren des Ministers stößt allerdings nicht nur in Stuttgart auf Unbehagen.

„Wie Scheuer agiert, ist nicht akzeptabel“, kritisiert Aktionärsschützer Tüngler. „Er sollte die Sache mit weniger parteipolitischem Kalkül und mehr Seriosität angehen.“ Tüngler nennt die Taktik des CSU-Politikers „zerstörerisch“, einen Topmanager wie Zetsche öffentlichkeitswirksam in die Hauptstadt zu zitieren und ihm vorab seine Forderungen medial zu überbringen. „Dessen muss sich Herr Scheuer gewahr sein“, so Tüngler.

Was die Sache zusätzlich verkompliziert: Die unter Manipulationsverdacht stehenden Dieselmotoren in den Vitos und womöglich auch in der C-Klasse stammen vom französischen Daimler-Partner Renault.

Für die Einstellung der Motorsteuerung sei aber immer der Hersteller verantwortlich, in dessen Autos der Motor eingebaut ist, weist Renault pro forma jedwede Schuld von sich. Es handele sich hier um eine Frage, die allein Daimler angehe, heißt es in Paris.

Zetsche in Erklärungsnot – 120.000 Daimler-Diesel womöglich manipuliert

Updates liegen KBA vor

Um den „Dieselfahrern wieder Sicherheit zu geben und um das Vertrauen in die Antriebstechnologie zu stärken“, bietet Daimler seit mehr als einem Jahr sogenannte „freiwillige Servicemaßnahmen“ in Europa. Mehr als drei Millionen Mercedes-Fahrzeuge werden dabei nach und nach in die Werkstätten gerufen. Mithilfe von Softwareupdates sollen die Autos dabei sauberer werden. Daimler geht davon aus, dass durch die Updates die Stickoxid-Emissionen, die die Fahrzeuge ausstoßen, im Schnitt um 25 bis 30 Prozent reduziert werden können.

Auch für die unter Manipulationsverdacht stehenden Motoren der Modelle Vito und C-Klasse strebt das Daimler-Management Softwareupdates an. Nach Informationen des Handelsblatts aus Unternehmenskreisen liegen die geplanten Updates dem KBA bereits zur Prüfung vor.

In den USA soll Mercedes zudem weder Vitos noch C-Klasse mit dem Einstiegsmotor des Partners Renault verkauft haben. Damit dürfte Daimler zumindest in diesem Fall Ärger mit der US-Justiz erspart bleiben.

Bei allen Differenzen, die Daimler-Chef Zetsche und Verkehrsminister Scheuer am Montag erörtern dürften, eint die beiden doch das Ziel, den Diesel zu retten. Nicht zuletzt, um Zehntausende Arbeitsplätze in der deutschen Autoindustrie zu erhalten. Der Manager und der Politiker sehen in dem Selbstzünder nicht das Problem, sondern einen Teil der Lösung, um unser Klima zu schützen. Im besten Fall ist der Diesel sparsamer und sauberer als jeder Benziner.

Doch das Vertrauen der Kunden in den Diesel schwindet zusehends. Hamburg sperrt als bundesweit erste Stadt vom 31. Mai an zwei Straßenabschnitte für ältere Dieselautos wegen zu hoher Stickoxidwerte. Und die EU-Kommission verklagt Deutschland vor dem Europäischen Gerichtshof wegen zu schlechter Luft in mehr als 60 Städten.

Scheuer macht daher Druck. Er hat dem Autobauer eine Frist gesetzt. Bis zum 1. September sollen die Hersteller ihre Software-Entwicklung für die Updates abgeschlossen haben. Doch echte Druckmittel gegen die Konzerne hat er laut Branchenkreisen nicht in der Hand.

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2 Kommentare zu "Dieselskandal: Drohender Massenrückruf bringt Daimler-Chef Zetsche in Erklärungsnot"

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  • Es ist unglaublich wie lange diese Dieselaffaire schon geht.Wir sind im Wandel zur Elektromobilität, um für die Umwelt und den Klimaschutz Umzurüsten. Es geht um das Überleben der Menschheit auf der Erde. Und die Deutsche Autoindustrie laboriert am Diesel & Verbrennungsmotor herum, auch wenn sie wissen, dass in Zukunft das Ende dieser Ära naht.Es gibt bereits spannende Innovationen - die es jetzt technologisch Weiterzuentwickeln gilt. Die Berliner Neutrino Energy Group und ihr Team an Wissenschaftlern wie ua. PROF.KONSTANTIN MEYL stehen seit 10Jahren für die Forschung dieser neuartigen Technologie zur Nutzung von Neutrino-Energy, für die mobile, dezentrale Haushaltsenergie (ein Powercube pro Haushalt 5kw) und für die Elektromobilität. Mit einem ersten Fahrzeug PI, mit unendlicher Reichweite, quasi "aus der Luft betankt" und angetrieben von Tag und Nacht milliardenfach strömenden Neutrinos, welche Energie abgeben, soll ein Meilenstein in der Energieversorgung und Elektromobilität gesetzt werden. Mit dieser neuen Technologie können weltweit herkömmlichen Material aufwendige Akkus und Batterien abgelöst werden. Auch der kürzlich verstorbene Prof.Hawking, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats, war überzeugt von dieser grossartigen Entdeckung für die Menschheit des 21Jahrhunderts.. Es wird entscheidend für die erfolgreiche Umstrukturierung der Gesellschaft sich dieser Innovation zu öffnen, um die Energiewende und den gesteigerten Bedarf an Energie zu decken. Die Nachrüstung von Dieselfahrzeugen ist nur kurzfristig nützlich. Stattdessen sollte Zetsche die Autoindustrie diese neuen langfristigen Möglichkeiten nutzen.
    https://www.presseportal.de/pm/118105/3953313

  • Der BAYRISCHE CSU Scheuer hat doch nur deshalb auf Daimler drauf, um eine Verkaufsförderung für sein BAYRISCHEN BMW Autobauer zu betreiben.
    Oder hofft er auf irgendwelche grünen Wähler im BAYRISCHEN Wahlkampf?
    Irgendwie kommt er mir wie ein "Nestbeschmutzer" vor.
    Scheuer gehört zu einer Politiker - Kaste auf Bundesebene, die mag es immer recht gerne Menschen, die eine gute Leistung bringen, zu demütigen:
    Herr Dieter Zetsche muss beim Scheuer "antanzen" - was hat Scheuer bisher geleistet?
    Scheuer will wohl damit sagen: "Ich bin besser als Du!"
    Oder weshalb sonst geschieht ständig diese Selbstgeißelung? Zum Schaden der ganzen Bevölkerung. (Man lese mal bitte die Artikel, in denen sich EXPERTEN zum Thema NOx äußern und nicht nur Politiker - oder EU Beamte)

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