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Dieselskandal Retourkutsche aus Wolfsburg? Volkswagen prüft Klage gegen Bosch

Die Dieselaffäre hat VW schon 28 Milliarden Euro gekostet. Und sie dürfte noch teurer werden. Nun prüft der Konzern Schadenersatzforderungen gegen seine Zulieferer.
Update: 08.02.2019 - 18:35 Uhr Kommentieren
Volkswagen erwägt rechtliche Schritte gegen den Zulieferer Bosch. Quelle: dpa
Bosch-Chef Volkmar Denner unter Druck

Volkswagen erwägt rechtliche Schritte gegen den Zulieferer Bosch.

(Foto: dpa)

DüsseldorfDer Dieselskandal von Volkswagen nimmt eine überraschende Wendung. Der Wolfsburger Autohersteller verklagt nicht nur frühere Mitarbeiter auf Schadenersatz wegen ihrer vermeintlichen Verwicklung in die Abgasaffäre. Wie am Freitag aus Unternehmenskreisen verlautete, prüft Volkswagen auch Schadenersatzforderungen gegen einen Zulieferer, mit dem VW extrem eng verflochten ist: gegen den Stuttgarter Bosch-Konzern.

Der Wolfsburger Autohersteller sieht eine Mitverantwortung des Stuttgarter Zulieferers, deshalb seien Schadenersatzforderungen durchaus gerechtfertigt, hieß es weiter in den Kreisen.

Bosch hatte die Ursprungsvariante der Software geliefert, die Volkswagen-Ingenieure dann später zur Manipulation von Dieselmotoren eingesetzt hatten. Bei Sammelklagen in den USA hatte sich Bosch dazu bereiterklärt, Schadenersatz in dreistelliger Millionenhöhe an betroffene US-Kunden zu leisten.

Bosch spielt auch in den Ermittlungen der deutschen Staatsanwaltschaften eine zentrale Rolle. Über die neuen vermeintlichen Ansprüche von Volkswagen gegenüber Bosch hatte zunächst der „Spiegel“ berichtet.

Volkswagen wollte zu möglichen Forderungen gegenüber Bosch nicht Stellung nehmen. „Wir verweisen darauf, dass wir uns zu Fragen, die etwaige interne vertrauliche Vorgänge betreffen könnten, nicht äußern“, sagte ein Wolfsburger Konzernsprecher auf Anfrage. Auch der Stuttgarter Autozulieferer wollte sich zu Details nicht äußern.

„Bosch und Volkswagen verbindet ein jahrzehntelanges Hersteller-Lieferanten-Verhältnis. Wir können uns eine solche Klage gegen Bosch nicht vorstellen“, betonte ein Bosch-Sprecher. Der Stuttgarter Konzern gehört zu den wichtigsten Lieferanten für Volkswagen. Beide Unternehmen sind durch Milliardenumsätze miteinander verbunden. Wenn VW ein neues Werk eröffnet, entsteht meist zugleich auch eine neue Bosch-Niederlassung.

Laut „Spiegel“ hatte Volkswagen bereits Ende vergangenen Jahres eine Klage gegen Bosch vorbereitet. Der Autokonzern habe demnach einer möglichen Verjährung zuvorkommen wollen. Inzwischen hätten die beiden Konzerne eine Frist bis Ende März vereinbart, bis dahin wollten die Konfliktparteien über das weitere Vorgehen entscheiden.

Angeblich ist es noch offen, welche konkrete Summe Volkswagen von Bosch verlangen könnte. Der geforderte Betrag wird möglicherweise sogar die Milliardengrenze erreichen. Aus VW-Kreisen hieß es dazu, dass der Wolfsburger Konzern auch weiter beobachten müsse, welche weiteren Schadenersatzforderungen auf Volkswagen zukämen.

Bosch könnte dann entsprechend daran beteiligt werden. Offen sind beispielsweise die Klagen von Anlegern und betroffenen Autofahrern aus Deutschland, deren Schadenersatzansprüche die Grenze von zehn Milliarden Euro überschreiten könnten.

Dass jetzt auch gegen den an sich befreundeten Zulieferer Bosch Schadenersatzansprüche geprüft werden, wird in Wolfsburger Konzernkreisen als normales juristisches Prozedere gesehen. Als Aktiengesellschaft sei Volkswagen gegenüber seinen Aktionären dazu verpflichtet, solche möglichen Schadenersatzforderungen in alle Richtung zu prüfen.

Dazu gehörten dann die Zulieferer, aber genauso auch die eigenen früheren Mitarbeiter aus der technischen Entwicklung, die die Dieselmanipulationen erst möglich gemacht hatten. Volkswagen wolle damit nicht von der eigenen Verantwortung ablenken, der Wolfsburger Konzern sehe sich unverändert als Verursacher der Dieselmanipulationen in den USA.

In Unternehmenskreisen wurde nicht ausgeschlossen, dass der VW-Konzern auch noch gegen andere Zulieferer Schadenersatzforderungen stellen könnten. Eine wesentliche Rolle bei den Dieselmanipulationen spielt auch das Unternehmen IAV. Der Zulieferer aus Berlin ist ein wichtiger Software-Lieferant, gegen den auch die US-Justiz wegen der Beteiligung an der Dieselaffäre ermittelt hat.

Der VW-Konzern ist zugleich noch wesentlich an IAV beteiligt und hält 50 Prozent. Weitere Software-Lieferanten bei den manipulierten Dieselfahrzeugen waren außerdem Continental und Delphi.

Eine mögliche Entschädigung von Bosch könnte den Wolfsburger Autokonzern jedenfalls ein Stück weit entlasten. Bislang hatte Volkswagen Rückstellungen in Höhe von rund 28 Milliarden Euro zur Bewältigung der im Spätsommer 2015 bekannt gewordenen Dieselaffäre bilden müssen.

Auch in Wolfsburg gibt es kaum Zweifel daran, dass noch weitere Milliarden dazukommen werden. Frank Schwope, Automobilanalyst bei der NordLB in Hannover, rechnet mit weiteren Belastungen zwischen 10 und 20 Milliarden Euro.

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Bosch hat eine besondere Rolle im Dieselskandal eingenommen. Alle großen Autokonzerne sind bislang von Staatsanwälten durchsucht worden, nur Bosch nicht. Das hat vor allem einen Grund: Bosch hat früh und offensichtlich umfangreicher und glaubhafter mit den Ermittlungsbehörden kooperiert als andere, heißt es in Justizkreisen. Und das nicht gerade zum Gefallen der betroffenen Autohersteller.

Jetzt droht die Retourkutsche aus Wolfsburg zu kommen. Und das wohl nicht ganz unberechtigt. „Bosch ist mit der Lieferung und Programmierung der Software schon sehr tief in den Skandal verwickelt. Man muss schon fragen, warum Funktionen auf der Software waren, die die Abgasmanipulationen nicht nur möglich, sondern auch leicht gemacht haben“, sagt Autoprofessor Ferdinand Dudenhöffer.

Er verweist auf die Vergleichszahlungen, die Bosch schon in den USA leisten musste. Bosch betont allerdings immer wieder, dass mit den Zahlungen in den USA von insgesamt mehr als 400 Millionen Euro kein Schuldeingeständnis verbunden gewesen sei, sondern das Unternehmen langwierige und kostspielige Verfahren vermeiden wollte.

Fakt bleibt, dass Bosch stets im Kundenauftrag gehandelt und programmiert hatte. Das wiederum dürfte Schadenersatzansprüche von Kunden schwierig machen, wie es in der Branche heißt. Anders sieht die strafrechtliche Seite aus: Hier ermittelt die Stuttgarter Staatsanwaltschaft gegen einzelne Bosch-Mitarbeiter wegen Beihilfe.

Darüber hinaus haben die Staatsanwälte bereits im Dezember ein Bußgeldverfahren gegen die Robert Bosch GmbH und damit gegen das Unternehmen selbst eingeleitet. „Das Verfahren steht im Kontext mit den Ermittlungen gegen Mitarbeiter der Robert Bosch GmbH im Zusammenhang des Einsatzes angeblich manipulierter Software in Steuergeräten von Dieselfahrzeugen“, bestätigte ein Bosch-Sprecher.

Bei vergleichbaren Bußgeldverfahren hatten Volkswagen eine Milliarde und Audi 800 Millionen Euro zahlen müssen. Demnach dürfte auf Bosch wohl ein mittlerer dreistelliger Millionenbetrag zukommen. Als letztem Unternehmen droht wahrscheinlich auch noch dem Stuttgarter Sportwagenhersteller Porsche eine solche „Gewinnabschöpfung“ durch die Staatsanwaltschaft nach dem Ordnungswidrigkeiten-Gesetz.

Bosch hatte Rückstellungen von mehr als 1,2 Milliarden Euro für Rechtsrisiken gebildet. Konzernchef Volkmar Denner hatte immer wieder eine gründliche Aufarbeitung der Dieselaffäre angekündigt. Bislang sind noch keine persönlichen Konsequenzen für Bosch-Mitarbeiter bekannt geworden. Volkswagen hat bislang insgesamt sechs Mitarbeitern wegen ihrer angeblichen Verstrickung in die Affäre gekündigt.

Dass Volkswagen nun Schadenersatzforderungen gegen Bosch prüft, könnte für Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management (CAM) strategische Gründe haben: „Hier hat Volkswagen sicherlich eine Drohkulisse gegenüber Bosch aufgebaut, um vielleicht außergerichtlich etwas zu erreichen. Beide Unternehmen dürften nicht gut beraten sein, ihre unterschiedlichen Auffassungen vor Gericht klären zu lassen. Das könnte für beide Seiten sehr unangenehm werden.“


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