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Digital-Labs Wo Volkswagen zum Apple-Konkurrenten werden will

Weltweit hat der VW-Konzern sieben Software-Labore eröffnet. Dort entstehen die Programme, mit denen sich der Autobauer zum IT-Anbieter wandeln will.
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Eine Besonderheit des Berliner Labs sind die festen Arbeitszeiten. Quelle: Volkswagen
Mitarbeiter im Berliner Digital-Lab

Eine Besonderheit des Berliner Labs sind die festen Arbeitszeiten.

(Foto: Volkswagen)

Berlin Beim ersten Hinsehen käme so schnell niemand auf die Idee, dass in dem Gebäude die Dependance eines Automobilherstellers untergebracht ist. Müslibecher stehen im Regal an der Wand, in der Ecke hat es sich einer der Mitarbeiter auf einem Fatboy gemütlich gemacht. Hinter einer Glastür wird eifrig Tischtennis gespielt, sogar einen Musikraum mit elektrischer Gitarre und Schlagzeug gibt es.

Wer bei Volkswagen in Wolfsburg am Band steht, kann von solchen Arbeitsbedingungen nur träumen. Das großzügig umgebaute Lagerhaus im alten Hafen Friedrichshain am Berliner Spreeufer steht für die neue Welt eines Automobilherstellers. Im Digital-Lab des VW-Konzerns sind Software-Entwickler und Produktdesigner untergebracht, die ihren Anteil dazu beitragen sollen, aus einem klassischen Autohersteller ein IT-Unternehmen zu machen.

Die gesamte Automobilindustrie steht vor einem umfassenden Umbau: Digitalisierung, autonomes Fahren, der Wandel zum Mobilitätsanbieter – überall wächst der Bedarf an zusätzlichem IT- und Software-Wissen. Volkswagen gründet deshalb überall auf der Welt neue, spezialisierte Stützpunkte, die sogenannten Labs. Die Berliner Software-Schmiede ist vor drei Jahren gegründet worden, weltweit gibt es inzwischen sieben dieser digitalen Labore.

Die Labs sind kleine Software-Einheiten mit 60 bis 80 Mitarbeitern, die sich eher mit einem Start-up vergleichen lassen und wenig mit einem großen Industriekonzern zu tun haben. In diesen Software-Labors werden viele der Computerprogramme geschrieben, mit denen der VW-Konzern in einigen Jahren mit etablierten IT-Konzernen wie Microsoft oder Apple auf Augenhöhe agieren will.

Konzernchef Herbert Diess hat die Devise vom „Smartphone auf vier Rädern“ ausgerufen. Folglich werden in den neuen Digital-Labs Programme für Navigationssysteme oder für das Carsharing geschrieben.

Die neuen Software-Labore sollen maximal auf 100 Mitarbeiter anwachsen. Diese Grenze ist aus VW-Sicht ein Garant dafür, dass die Labs auch in den nächsten Jahren agil bleiben und schnell auf aktuelle Veränderungen in der IT-Welt reagieren können. Die Digitalisierung verlangt gerade von der Autoindustrie eine Abkehr von ihren über Jahrzehnte tradierten Prozessen.

Die Labs bekommen inzwischen mehr Aufträge aus dem Konzern, als sie am Ende bewältigen können. Gunnar Kilian, VW-Personalvorstand

Die Autobranche ist sehr stark vom Produktlebenszyklus eines Fahrzeugs geprägt, der im Durchschnitt etwa sieben Jahre beträgt. In der IT-Welt entscheiden Wochen, mitunter sogar Tage. Damit arbeiten die VW-Software-Entwickler am Berliner Spreeufer unter ganz anderen Bedingungen als ihre Konzernkollegen in der Wolfsburger Automobilfabrik.

Mögen die digitalen Labore zu Anfang auch konzernintern mit einer gewissen Skepsis beäugt worden sein, so haben sie sich inzwischen immer stärker als ein fester Bestandteil des gesamten Unternehmens etabliert. Sieben der insgesamt zwölf Konzernmarken sind fester Abnehmer der Computerprogramme, die im Berliner Lab geschrieben werden.

Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Pkw-Marken, die Lkw-Töchter sind noch nicht dabei. „Die Labs bekommen inzwischen mehr Aufträge aus dem Konzern, als sie am Ende bewältigen können“, sagt VW-Personalvorstand Gunnar Kilian.

Die Arbeit der Software-Entwickler ist überall im Konzern spürbar geworden. Wichtigstes Projekt in ihrer Arbeit sind neue Plattformdienste, die die einzelnen Pkw-Marken wie etwa Volkswagen eingerichtet haben. Sechs Verkaufsregionen rund um den Globus mit 1,5 Millionen Nutzern sind darin aktuell angeschlossen.

Auch beim neuen VW-Carsharing-Dienst „We share“ sind die Berliner dabei: Sie haben die Log-in-Programmierung für diesen Dienst geschrieben.

Standort Berlin ist attraktiv

Dass der VW-Konzern mit einem seiner sieben neuen Digital-Labs nach Berlin gezogen ist, hat seinen guten Grund. Weltweit hat ein Wettrennen unter den Konzern um die besten IT-Köpfe begonnen. Volkswagen beispielsweise sucht aktuell etwa 2000 Mitarbeiter für den eigenen IT-Bereich.

Berlin hat als Standort für ein solches Software-Labor eine hohe Attraktivität. Für die deutsche Hauptstadt lassen sich recht leicht Mitarbeiter aus dem Ausland gewinnen. „Uns gelingt das immer besser“, meint Personalvorstand Kilian. Das Auto sei immer noch ein sehr interessantes Produkt.

Im Berliner Lab arbeiten 60 Beschäftigte aus 27 Nationen. Englisch ist die Arbeitssprache Das Durchschnittsalter liegt bei 35 Jahren, ein Drittel der Mitarbeiter sind Frauen. „Es hat mich wirklich gereizt, hier nach Berlin zu kommen“, erzählt Melissa Zee aus Singapur. Als Designerin könne sie ihren Beitrag dazu leisten, Mobilität grundsätzlich zu verändern.

Oliver Schnell hat es nicht ganz so weit gehabt, um zu Volkswagen ins Lab zu kommen. Er stammt aus Westfalen und arbeitet in Berlin jetzt als Software-Entwickler. Er hat es nicht bereut, zu einem Automobilhersteller zu gehen. „Die Arbeitsweise hier ist sehr speziell, wie im Silicon Valley“, sagt er. Ihn reize die Kombination, Computerprogramme für Fahrzeuge zu schreiben. Denn: „Google baut keine Autos.“

Die Arbeitsweise im Digital-Lab ist auffällig anders. Bei Volkswagen in Berlin wird im sogenannten Pairing gearbeitet. Das Pair-Programming ist im Digital-Lab ein zentrales Prinzip: Der Erste im Team schreibt die Codes, der Zweite schaut zu, kontrolliert, macht Vorschläge, entdeckt Fehler. „Auf den ersten Blick wirkt es vielleicht überflüssig, dass zwei Mitarbeiter die gleiche Arbeit machen. Aber das ist es nicht“, sagt Jochen Scherl, einer der beiden Leiter des Labs.

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„Im Tandem finden unsere Programmierer bessere Lösungen, treffen bessere Entscheidungen und machen weniger Fehler. Sie erreichen also eine wesentlich höhere Qualität“, ergänzt er. Ein weiterer Vorteil: Das Wissen verteile sich. „Wenn zum Beispiel ein Programmierer krank wird, kennt sich immer noch mindestens eine weitere Person mit dem Projekt aus – die Arbeit kann problemlos weitergehen“, so Scherl weiter.

Teamarbeit steht bei VW in Berlin also eindeutig im Vordergrund. Einen zweiten Steve Jobs wie bei Apple dürfte es dort nicht so schnell geben.

Jeder Arbeitstag endet um 17 Uhr

Eine weitere Besonderheit des Berliner Labs sind die Arbeitszeiten. Der Start ist am Morgen auf 8.30 Uhr festgesetzt. Der Arbeitstag beginnt in der Regel mit einem gemeinsamen Frühstück, das dann einer zwanglosen Teamsitzung gleichkommt. Danach geht es an die Computer zur eigentlichen Arbeit mit der Entwicklung neuer Software.

„Wir achten bei uns sehr stark auf die Work-Life-Balance“, sagt Peter Garzarella, der zweite Leiter des Berliner Labs von Volkswagen. Deshalb ende der Arbeitstag dort für jeden Mitarbeiter pünktlich um 17 Uhr.

Programmieren, Codieren sei eine anstrengende Arbeit. Ruhezeiten einzuhalten, sei deshalb wichtig. Die Mitarbeiter aus dem Lab bräuchten ausreichend lange Phasen zur Regeneration. Die Beschäftigten hätten das mit hoher Loyalität zurückgezahlt – in den zurückliegenden drei Jahren hätten nur zwei Mitarbeiter das Unternehmen verlassen.

In Büros werden viele der Computerprogramme geschrieben, mit denen der VW-Konzern in einigen Jahren mit etablierten IT-Konzernen wie Microsoft oder Apple auf Augenhöhe agieren will. Quelle: Volkswagen
Digital-Lab von Volkswagen in Berlin

In Büros werden viele der Computerprogramme geschrieben, mit denen der VW-Konzern in einigen Jahren mit etablierten IT-Konzernen wie Microsoft oder Apple auf Augenhöhe agieren will.

(Foto: Volkswagen)

Bei der Bezahlung gebe es hingegen keine Sonderrechte für die Berliner Beschäftigten aus dem VW-Lab. Sie werden wie jeder andere Volkswagen-Mitarbeiter nach dem Haustarifvertrag bezahlt. Für IT-Start-ups eher untypisch, aber für den Wolfsburger Autokonzern völlig normal: Auch für das Berliner Software-Lab gibt es einen Betriebsrat, Hausgewerkschaft wie im gesamten Unternehmen ist die IG Metall.

Ganz so mit dem festen Feierabend immer im 17 Uhr stimmt es dann allerdings doch nicht. An den Wochenenden gibt es reihum einen Bereitschaftsdienst: Die Programmierer müssen eingreifen können, wenn es doch irgendwo in der Welt Probleme mit der von ihnen entwickelten Software gibt.

Für die Mitarbeiter scheint das kein besonderes Problem zu sein. Denn: „Es hat noch nie jemand angerufen“, hebt Oliver Schnell hervor. Für ihn liegt der Grund auf der Hand: „Das geht auf die hohe Qualität unserer Software zurück.“

Mehr: Der Start des „ID.3“ entscheidet über VWs Zukunft. Gelingt Deutschlands größtem Autobauer der Neustart? Hinter den Kulissen eines Comeback-Versuchs.

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