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Digitalisierung Kampf um Programmierer – Wie die Industrie der IT-Branche Fachkräfte abjagen will

KI und Big Data treiben die digitale Transformation der Industrie voran. Um auch als Arbeitgeber zu punkten, lassen sich Konzerne einiges einfallen.
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Die Unternehmen brauchen immer mehr Softwareentwickler und -programmierer. Quelle: Getty Images
Digitalisierung in der Industrie

Die Unternehmen brauchen immer mehr Softwareentwickler und -programmierer.

(Foto: Getty Images)

DüsseldorfHüseyin Yildiz – dunkler Lockenkopf, langer schwarzer Rauschebart, komplett in Schwarz gekleidet – ist trotz seines unkonventionellen Aussehens ein äußerst gefragter Mann. Als der 28-Jährige vor einigen Monaten seinen Arbeitgeber wechseln wollte, einen Dienstleister für Sportdaten, brauchte er keine Stellenanzeigen wälzen.

Er bekam von einer Agentur gleich eine lange Liste mit interessierten Unternehmen: IT-Konzerne, Shopping-Portale, selbst Industriefirmen luden ihn ohne Bewerbung zum Vorstellungsgespräch ein. Denn Yildiz ist Softwareentwickler. Und damit eine der begehrtesten Arbeitskräfte des Landes.

Technologien wie Künstliche Intelligenz oder Big Data, also die Analyse unvorstellbar großer Datenmengen per Software, sind für viele Unternehmen riesige Verheißung und Risiko zugleich: Einerseits versprechen sie höhere Effizienz bei mehr Flexibilität, weniger Personaleinsatz und bessere Qualität.

Andererseits sind sie existenzbedrohend – nämlich dann, wenn mit ihrer Hilfe ein Konkurrent oder, noch schlimmer, ein völlig Branchenfremder das eigene Geschäftsmodell disruptiert. In beiden Fällen aber braucht es fähige Softwareentwickler – das gilt durchweg in fast allen Industriezweigen.

Die Musikbranche kann davon ein Lied singen: Nicht mehr Verlage, sondern Plattformen wie Spotify dominieren das Geschäft, seit die MP3 der CD den Rang abgelaufen hat. Auch in der Industrie wird Software inzwischen immer wichtiger: Sie soll Maschinenbauern zum Beispiel die vorausschauende Wartung ihrer Produkte ermöglichen und so den Service effizienter machen.

Über sogenannte „Internet-of-Things“-Plattformen (IoT) sollen zudem bald alle Maschinen miteinander kommunizieren können, um ihre Abläufe miteinander abzustimmen. Die Plattformen müssen programmiert, dazu Terabytes an Daten analysiert werden – weshalb um Menschen wie Hüseyin Yildiz ein harter Wettbewerb entstanden ist.

Die Hoffnungen sind groß: Allein beim Aufbau einer globalen Industrieplattform für Datenanalyse winkt ein Milliardengeschäft. Auf rund 520 Milliarden US-Dollar schätzt die US-Investmentgesellschaft Bain Capital den weltweiten IoT-Markt bis zum Jahr 2021. Das größte Wachstum soll dabei auf Datenzentren und Datenanalyse entfallen, wie sie beispielsweise bei der Vernetzung der Produktion gebraucht werden – mit einer jährlichen Wachstumsrate von durchschnittlich 50 Prozent.

Die Wissenschaftliche Gesellschaft für Produktionstechnik rechnet durch die Integration von Künstlicher Intelligenz im produzierenden Gewerbe mit einem zusätzlichen Wachstum von 32 Milliarden Euro bis 2023. Damit entfiele bis dahin rund ein Drittel des gesamten Wachstums auf Softwareentwicklungen.

Der Kampf um Programmierer wird dabei immer härter: Blieben 2013 noch 39.000 Stellen für IT-Experten unbesetzt, waren es 2017 schon 55.000. Dieses Jahr dürfte die Zahl weiter steigen, prognostiziert Juliane Petrich, Leiterin Bildung beim IT-Branchenverband Bitkom.

„Wegen der digitalen Transformation suchen derzeit Unternehmen aus vielen Branchen händeringend nach Fachkräften“, sagte Petrich dem Handelsblatt. „Die ohnehin schon angespannte Situation hat sich dadurch spürbar verschärft.“ Am gefragtesten seien dabei Datenanalysten und Softwareentwickler.

Eine Verschärfung zeigen auch Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. So stieg die Vakanzzeit, also die Anzahl der Tage, nach der Unternehmen eine offene Stelle durchschnittlich besetzen konnten, im Bereich Softwareentwicklung und Programmierung in den vergangenen Jahren kontinuierlich an.

Fanden die Unternehmen im Januar 2013 noch im Schnitt nach 121 Tagen einen geeigneten Bewerber, waren es im November 2017 schon 143 Tage. Inzwischen sind es wieder ein paar mehr: 163 Tage verzeichnete die Statistik im Oktober 2018.

Unternehmen wie der Bosch-Konzern, der jährlich rund 10.000 Stellen mit Softwarebezug ausschreibt, treten dabei in direkte Konkurrenz mit globalen IT-Unternehmen wie Google, Microsoft oder Zalando. Und mit ihnen auch der Mittelständler vom Land, der beispielsweise die Daten seiner Produktionsanlage lokal analysieren will.

Er hat es vermeintlich am schwersten im „War for Talents“, der allerdings längst nicht mehr über Gehalt, Dienstwagen und große Namen ausgefochten wird – sondern auch über schicke Büros, flexible Arbeitszeiten und viel Gestaltungsfreiraum.

Flexibilität ist Fluch und Segen

Bei ihm habe am Ende „die Aufgabe“ entschieden, berichtet Hüseyin Yildiz: „Ich will vor allem Probleme lösen.“ Das macht der Entwickler heute bei der SMS Digital, einem Start-up, das von der Düsseldorfer SMS Group als Digitalisierungs-Beschleuniger gegründet wurde.

Der Mutterkonzern beliefert die Metallindustrie mit Verarbeitungsanlagen, Hochöfen und Gießereien – das Jungunternehmen entwickelt unter anderem verschiedene Software-Anwendungen, die sich dafür nutzen lassen. So sollen die Maschinen der SMS Group künftig ihre Besitzer bei Auffälligkeiten automatisch warnen, bevor es zu einem Stillstand kommt: ein Fall für akribische Datenanalyse.

„Der technische Unterbau meiner früheren Tätigkeit, wo ich unter anderem Wettquoten mit Sportergebnissen verknüpft habe, ist mit dem meiner jetzigen Arbeit vergleichbar“, erklärt Yildiz. In beiden Fällen gehe es um die Auswertung und Verknüpfung von Daten: „Dafür muss ich nicht in allen Details wissen, wie Stahl produziert wird.“

Diese Flexibilität ist für die Unternehmen Fluch und Segen zugleich: Weil es für das Sammeln und Auswerten von Daten prinzipiell egal ist, wo und wie sie entstehen, solange sie korrekt sind, sind Menschen wie Yildiz in praktisch jeder Branche sofort einsetzbar. Das Problem wiederum: Sparkassen, die Deutsche Bahn, Daimler und zahlreiche andere Unternehmen haben deshalb viele offene Stellenangebote für denselben Beruf – den des Datenspezialisten.

Der hohe Bedarf öffnet Quereinsteigern die Tür. Infrage kommen dabei vor allem wissenschaftliche Disziplinen, bei denen ebenfalls regelmäßig große Datenmengen ausgewertet werden, wie in der Biologie oder in der Physik.

So hat etwa der Detmolder Elektrotechnik-Hersteller Weidmüller einen Neurobiologen verpflichtet, der ebenfalls an einer Software für vorausschauende Wartung arbeitet – und dafür von der US-Universität Stanford im Silicon Valley in seine Heimat nach Ostwestfalen zurückgekehrt ist.

Dabei könne er eigentlich überall auf der Welt arbeiten, erklärt Daniel Kress. „Ich bekomme über die einschlägigen Jobportale pro Woche mindestens fünf Angebote aus ganz Europa, oft aus London oder München.“ Dass er den Rufen nicht folgt, begründet er vor allem mit den Lebenshaltungskosten: „Eine Familie als Alleinverdiener zu versorgen ist in vielen Metropolen heutzutage auch bei gutem Gehalt kaum noch möglich.“

Neben günstigen Mieten können industrielle Mittelständler wie Weidmüller nach Ansicht von Kress zudem mit weiteren handfesten Vorteilen wuchern: „Ich bekomme hier direktes Feedback für meine Arbeit. Wenn ich direkt nebenan sehen kann, wie mein Programm eine Produktionsanlage verbessert, die 80 Meter lang ist und aus mehr als 20.000 Zahnrädern besteht, dann macht mich das stolz.“

Um weitere IT-Experten zu gewinnen, gibt sich Kress‘ Arbeitgeber reichlich Mühe – und setzt einerseits auf enge Kooperation mit Hochschulen, andererseits aber auch auf eine angenehme Arbeitsatmosphäre. Gerade erst hat das Familienunternehmen den Bau eines mehrere Millionen Euro teuren Glasgebäudes nahe der Uni Paderborn beschlossen – und hofft, Absolventen damit früh zu überzeugen.

Zuweilen führt die Industrieunternehmen die Suche nach Entwicklern auch in fremde Gefilde: So suchte die SMS Group im Sommer ausgerechnet auf der Entwicklerkonferenz zur Videospielemesse Gamescom nach neuem Personal. Erfolgreich, wie es aus dem Unternehmen heißt: In einigen Wochen treten die ersten Bewerber ihre Stelle in der Entwicklung sogenannter digitaler Zwillinge an, also dreidimensionaler Pläne von Stahlwerken. Wie auch Hüseyin Yildiz dürften die wenigsten von ihnen vor dem Recruiting-Prozess gewusst haben, was die SMS Group überhaupt macht.

Und so heißt es für die Unternehmen vorerst weiterhin werben, werben, werben. Denn dass sich der Fachkräftemangel in der IT allein durch das nachwachsende Angebot lösen wird, glaubt Branchenexpertin Juliane Petrich nicht. „Es gibt ein Nachwuchsproblem: zu wenige Studierende, zu viele Abbrecher.“ Schlecht für die Unternehmen, aber gut für Menschen wie Hüseyin Yildiz und Daniel Kress: Sie können weiterhin zu den Bedingungen arbeiten, zu denen sie möchten – sei es in Düsseldorf, London oder eben in Detmold.

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