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Digitalisierung Trotz und wegen Corona: Die deutsche Industrie investiert kräftig in neue Technologien

Eine Studie zeigt: Der Handlungsbedarf ist groß. Es geht vor allem um die Digitalisierung von Marketing, Vertrieb und Produkten. Nachhaltigkeit spielt auch eine Rolle.
01.04.2021 - 14:41 Uhr Kommentieren
Die Hälfte der Befragten Unternehmen aus Deutschland will sich insbesondere auf die Digitalisierung des Marketings und des Vertriebs konzentrieren. Quelle: dpa
Industrie

Die Hälfte der Befragten Unternehmen aus Deutschland will sich insbesondere auf die Digitalisierung des Marketings und des Vertriebs konzentrieren.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Gesundheitsschutz, Lieferkettenmanagement, Produktionsunterbrechungen: Im vergangenen Jahr hatten viele Unternehmen genug damit zu tun, ihren Betrieb während der Pandemie überhaupt aufrechtzuerhalten. Doch langsam dreht sich die Situation: Die deutsche Wirtschaft stellt sich auf einen Aufschwung ein und will in den kommenden zwei Jahren wieder kräftig in neue Technologien investieren.

So planen die deutschen Konzerne aus dem produzierenden Gewerbe, ihre Investitionsbudgets für neue Technologien bis 2023 um durchschnittlich 4,2 Prozent zu erhöhen. Das zeigt eine noch unveröffentlichte Umfrage der Beratungsgesellschaft Pricewaterhouse-Coopers (PwC) unter 585 Entscheidern aus Großunternehmen weltweit, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. Noch stärker ist der Zuwachs nur in den USA, wo die Firmen derzeit mit einer Steigerung von 4,4 Prozent planen.

„Wir sehen, dass viele Unternehmen weltweit trotz eines unsicheren wirtschaftlichen Umfelds ihre Budgets für neue Technologien ausweiten wollen“, sagte PwC-Partner Klaus-Peter Gushurst, der die Studie mitverantwortet hat, dem Handelsblatt. „Dahinter steht die Erwartung, dass sich die Investitionen schnell rechnen – weil die Digitalisierung die Produktion effizienter und flexibler macht, was gerade in solch herausfordernden Zeiten einen spürbaren Wettbewerbsvorteil bedeuten kann.“

Dabei will sich fast die Hälfte der Befragten aus Deutschland insbesondere auf die Digitalisierung des Marketings und des Vertriebs konzentrieren (48 Prozent). Auch Investitionen in nachhaltige Technologien spielen hierzulande eine wichtige Rolle (46 Prozent) – ebenso wie die Digitalisierung von Produkten und Dienstleistungen (46 Prozent).

In allen drei Fällen schätzen deutsche Unternehmen den Handlungsbedarf deutlich größer ein als der globale Durchschnitt, der sich vor allem auf zunehmende Cyberrisiken und steigenden Wettbewerbsdruck einstellt.

Diese Unterschiede in der Bewertung könnten darauf hindeuten, dass Deutschland einen deutlichen digitalen Nachholbedarf gegenüber China und den USA hat, heißt es in der Studie. Insgesamt hat PwC mehr als 580 Entscheider aus dem produzierenden Gewerbe nach einer Einschätzung gefragt. „Gerade in Deutschland wollen viele Firmen in die Digitalisierung ihrer Vertriebskanäle investieren“, so die Einschätzung von Studienautor Gushurst. „Da sind Firmen in den USA und China oft deutlich weiter.“

Corona-Pandemie als digitaler Beschleuniger

Dennoch haben viele deutsche Firmen das Corona-Jahr 2020 und die damit verbundenen Einschränkungen genutzt, um diesen Rückstand spürbar abzubauen. So meldete der IT-Branchenverband Bitkom bereits Ende des vergangenen Jahres als Ergebnis einer Umfrage, dass die Digitalisierung für 84 Prozent der Unternehmen infolge der Pandemie an Bedeutung gewonnen hat. Dabei empfanden 71 Prozent der Befragten ihr Unternehmen eher als Nachzügler. Nur jedes vierte Unternehmen sah sich hingegen als Vorreiter bei der Digitalisierung.

Neben klassischen Technologien fürs Homeoffice, wie Videotelefonie oder VPN-Zugängen, spielen – gerade im produzierenden Gewerbe – insbesondere auch Industrie-4.0-Anwendungen eine immer größere Rolle. Sie sollen die Produktion effizienter und flexibler machen – und in der Folge den Unternehmen dabei helfen, auf kurzfristig auftretende Verwerfungen wie eine globale Pandemie oder plötzliche Änderungen von Handelsbedingungen zu reagieren.

Ein Beispiel dafür ist der Pumpenhersteller Wilo, der in diesem Jahr seinen neu errichteten Hauptstandort in Dortmund eröffnet hat. Kern der Investition war auch eine völlig neue Fabrik, die dank eines hohen Grades an Automatisierung und Daten-Monitoring deutlich effizienter arbeitet als die vorherige. So stieg die Produktvielfalt um 20 Prozent, auch die Auslastung hat sich deutlich erhöht. Für 2021 hat sich der Konzern ein ähnliches Projekt vorgenommen: den Bau einer Hightech-Fabrik im Westen Chinas.

Die Corona-Pandemie habe in letzter Zeit protektionistische Tendenzen und eine stärkere Regionalisierung gefördert, begründet das Unternehmen die millionenschwere Investition. „Wenn man diese geopolitischen Rahmenbedingungen und unsere bisherige Erfolgsgeschichte in China berücksichtigt, ist es definitiv die richtige Entscheidung, in unsere neue Hightech-Fabrik in Changzhou zu investieren“, sagte Vorstandssprecher Oliver Hermes bei der Vertragsunterzeichnung.

Auch der Antriebstechnikhersteller SEW Eurodrive will seine Produktionskapazitäten ausbauen und investiert 150 Millionen Euro in die Erweiterung seines Standorts im baden-württembergischen Graben-Neudorf – trotz Corona, wie das Unternehmen betonte.

Digital aufrüsten will auch der Autohersteller Audi: Am Standort in Neckarsulm will die VW-Tochter bei der Fahrzeugidentifikation in der Produktion als erstes Werk im Konzern vollständig auf RFID-Chips umsteigen. Der Standort lege damit eine wichtige Grundlage für eine vollvernetzte Fertigung, teilte das Unternehmen mit.

Cloud-Industrie baut Vertriebsaktivitäten aus

Einen wesentlichen Treiber für den rasant steigenden Digitalisierungsgrad in der Industrie sieht PwC-Berater Gushurst auch in der zunehmenden Gewöhnung an digitale Arbeitsprozesse. So beschäftige die Transformation zur digitalen Fabrik die Industrie schon seit ein paar Jahren, doch erst während der Pandemie habe das Thema deutlich an Fahrt aufgenommen. Ein Grund dafür dürfte sein, dass die gezwungenermaßen zunehmende Verbreitung von digitalen Arbeitsplätzen bisherige Vorbehalte abgebaut hat“, so der Experte. „Ein weiterer ist, dass die großen Cloud-Anbieter ihre Vertriebsaktivitäten stark ausgebaut haben.“

Zu den wichtigsten Cloud-Anbietern für die Industrie zählen dabei die US-Techriesen Amazon (AWS) und Microsoft (Azure), die den Großteil des Markts unter sich aufteilen. Dabei rückte Amazon zuletzt sogar in die Domäne der Maschinenbauer vor – und präsentierte im Dezember neben einer eigenen Software für die vorausschauende Wartung von Maschinen auch ein physisches Industrie-4.0-Starterkit mit den wichtigsten Sensoren. Microsoft hingegen verpartnerte sich mit SAP, deren Software bereits bei vielen produzierenden Unternehmen im Einsatz ist.

Mit ihren Angeboten treffen die Cloud-Konzerne wohl einen Nerv: So gaben in der PwC-Befragung knapp 80 Prozent der deutschen Entscheider an, in den kommenden sechs Monaten ihr Augenmerk verstärkt auf Cloud-Technologien zu richten, um die eigenen Prozesse stärker zu digitalisieren. Der Trend gilt weltweit, ist aber in Deutschland am stärksten. Global betrachtet gaben „nur“ knapp 70 Prozent der Entscheider die Cloud als eine ihrer Hauptprioritäten für das nächste halbe Jahr an.

Doch der Innovationsdruck kommt nicht nur von den Techkonzernen, sondern auch aus dem Maschinenbau selbst: So versuchen die Hersteller, die Vernetzung ihrer Maschinen immer weiter voranzutreiben und bieten dabei auch eigene Software etwa für vorausschauende Wartung oder Qualitätskontrollen an, für die wiederum oft eine Cloud-Infrastruktur benötigt wird. Ein Beispiel dafür ist der Bielefelder Werkzeugmaschinenhersteller DMG Mori, der im Zuge von Industrie 4.0 auch mit neuen Geschäftsmodellen experimentieren will.

Neue Geschäftsmodelle verkürzen Innovationszyklen

„Innovationen sind der einzige Weg aus der Krise“, so die Devise von Vorstandschef Christian Thönes. „Seit Jahren halten wir unser Entwicklungsbudget stabil auf einem hohen Niveau und investieren massiv in Automatisierung und Digitalisierung.“ Als Beispiel dafür nennt er eine neue Bezahlvariante, die wie ein Abonnement funktioniert. Statt die ganze Maschine zu kaufen, können Kunden ab dem Sommer auch ein sogenanntes „Subscription“-Modell wählen. Dabei wird nach Nutzung abgerechnet, was den Kapitalbedarf für und das Risiko von Neuinvestitionen deutlich senkt.

„Was bei Filmen und Musik längst nicht mehr wegzudenken ist, forcieren wir auch im Maschinenbau“, so Thönes. Dadurch ließen sich auch die Innovationszyklen im produzierenden Gewerbe erhöhen. Denn statt 15 oder 20 Jahre lang dieselbe Maschine zu verwenden, könnte deren Technologie physisch oder digital über den gleichen Zeitraum sukzessive erneuert werden – ohne dass gleich in eine komplette Maschine investiert werden müsste.

Mehr: Der Cloud-Marktführer AWS will mit eigenen Sensoren und smarten Geräten die Industrie effizienter machen – und macht damit Siemens Konkurrenz.

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