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Echtzeitmobilfunk Autobauer Ego entwickelt 5G-Produktion

Der Aachener E-Auto-Bauer Ego präsentiert eine 5G-Produktion. Noch wird das Werk aber mit 4G betrieben – denn ein 5G-Netz gibt es dort noch nicht.
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Der Aachener Autobauer verkauft mit dem Ego Life einen Elektrokleinwagen für unter 20.000 Euro. Quelle: Reuters
Ego Mobile

Der Aachener Autobauer verkauft mit dem Ego Life einen Elektrokleinwagen für unter 20.000 Euro.

(Foto: Reuters)

Berlin, Dresden, AachenUm eine normale Autofabrik am Stadtrand von Aachen in die Fabrik der Zukunft zu verwandeln, reichen 36 Antennen aus. Im Werk 1 von „Ego Mobile“, der Elektroautofirma von Post-Scooter-Erfinder Günther Schuh, wurde am Mittwoch gezeigt, wohin die Reise für die Industrie im Zeitalter des Echtzeitmobilfunks 5G gehen soll.

In der 8500 Quadratmeter großen Werkshalle arbeiten an den 26 Montageeinheiten nur noch vereinzelt menschliche Mitarbeiter. Den Rest übernehmen Computer und Maschinen, die alle miteinander vernetzt sind.

Hat in Aachen denn wirklich schon die 5G-Zukunft begonnen? Noch nicht so ganz, räumt ein Vodafone-Sprecher ein. Zwar seien in Aachen schon viele der Techniken im Einsatz, wie etwa eine besonders geringe Latenz, die eine Datenübertragung nahezu in Echtzeit möglich macht. Oder neuartige Cloud-Dienste, die nicht in Serveranlagen weit entfernt bearbeitet werden, sondern direkt am Rand des Netzes, Edge-Computing genannt.

Aber noch werde das Werk mit dem etablierten Mobilfunkstandard 4G betrieben. „Im August starteten wir auch mit 5G“, sagte der Sprecher.

Also eine 5G-Präsentation ohne 5G? Die Presseveranstaltung von Vodafone, Ericsson und Ego in Aachen zeugt von einem Wettrennen, das zwischen den Netzbetreibern gestartet ist. Jeder will der Erste sein. Auch wenn das bedeutet, dass die Formulierungen, was 4G und was 5G ist, deutlich großzügiger ausgelegt werden. „Wir sprechen von 5G-Technologien“, sagte der Vodafone-Sprecher.

Die reichen bereits aus, um eine neue Form der Produktion möglich zu machen. Autonom fahrende Transportsysteme nehmen die Ware auf, funken ihre Fahrroute und bringen sie automatisch zur Montage. Dort nutzen Mitarbeiter vernetzte Werkzeuge, wie zum Beispiel Drehmomentschlüssel, die Daten empfangen können.

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Sie werden mit dem richtigen Drehmoment eingestellt, je nachdem, in welcher Montageinheit sich der Mitarbeiter aufhält und welche Schraube montiert werden muss. „Unser Werk 1 ist eine echte Industrie-4.0-Fabrik“, sagte Schuh.

Für Industrieunternehmen, egal ob Mittelständler oder Großkonzern, ist 5G das große Versprechen, die Produktion zu revolutionieren. Mit dem Echtzeitmobilfunknetz können einzelne Produktionsschritte überwacht und miteinander vernetzt werden, die Produktion wird auf diese Weise effizienter und günstiger. Kurzum: Wer seine Fabrik mit 5G vernetzt, kann sich enorme Wettbewerbsvorteile verschaffen.

Vergangene Woche endete die Versteigerung der Frequenzen für den 5G-Mobilfunk in Deutschland. Rund 6,5 Milliarden Euro zahlten die Netzbetreiber Deutsche Telekom, Vodafone, Telefónica (O2) sowie der Herausforderer United Internet (1&1) bei der Auktion. Jetzt wetteifern die Firmen um die ersten Lösungen auf 5G-Basis.

Zwar verkauft Vodafone das Projekt als Vorzeigemodell für die 5G-Technologie. Doch so weit war die Deutsche Telekom schon vor Monaten. Am Beispiel der Firma Osram zeigte der Dax-Konzern, welche Vorteile 5G künftig bieten soll. Bislang basieren die Testmodelle alle noch auf der 4G-Technologie. Die wahren Effizienzgewinne und die besonders schnelle Datenübertragung soll erst das Update auf 5G bieten.

Allerdings räumte die Telekom freimütig ein, dass sie noch auf eine Vorstufe setzt. „Wir wollen zeigen, was möglich ist“, sagte T-Systems-Chef Adel Al-Saleh bei der Vorstellung des Projekts. „Noch setzen wir 4G ein. Aber wir wollen schnellstmöglich auf 5G umstellen.“

Die Netzbetreiber sind in einem Wettrennen. Jeder will der Erste sein. Denn in 5G-Lösungen für Unternehmen steckt aus ihrer sich das größte Potenzial. Dort lässt sich Geld verdienen. Der flächendeckende Ausbau der Technik in ganz Deutschland wird zunächst ein finanzieller Kraftakt. Aber einige gezielt neben Fabriken errichtete Antennen können sich schnell rechnen, so das Kalkül der Netzbetreiber.

Genau in diesem Bereich bringen sich jedoch zahlreiche Konkurrenten in Stellung. In Deutschland wurden nicht nur Frequenzen versteigert, sondern auch lokale Frequenzen für die Wirtschaft reserviert (siehe Artikel Seite 19). Bei der Bundesnetzagentur können sie beantragt werden. Damit können Unternehmen auch eigene Netze aufbauen, ohne auf die Netzbetreiber angewiesen zu sein.

Für diese Lösungen stellen sich die Ausrüster Ericsson und Nokia auf. Bislang setzen sie vor allem auf die Zusammenarbeit mit Netzbetreibern. Aber schon bei der Hannover Messe im April machten die beiden Ausrüster klar, dass sie sich auch ohne die Netzbetreiber in der Lage sehen, Lösungen für Firmenkunden anzubieten.

„Wir versuchen, bestmöglich auf die Ansprüche unserer Kunden einzugehen“, kündigte Ericsson-Deutschlandchef Stefan Koetz an.

Der Technologiekonzern Bosch will zu einem Taktgeber im Bereich 5G werden. Zum einen will die Firma ihre eigenen Fabriken besser vernetzen. Zum anderen kann sie sich auch vorstellen, Lösungen auf Basis von 5G an Kunden zu verkaufen. Und dabei sieht sie sich nicht an die Mithilfe von Mobilfunkern gebunden.

Bosch offen für alle

„Die möglichen Betreibermodelle reichen vom kompletten Selbstbetrieb eines privaten 5G- Netzes durch den Fabrikbetreiber bis hin zu einer kompletten Fremdvergabe“, sagte Andreas Müller, Head of Communication and Network Technology bei Bosch.

Viele Konzepte seien möglich. Ein Fabrikbetreiber könnte beispielsweise die Netzplanung und die Wartung an einen Dienstleister vergeben, sich aber selbst um das eigentliche Management des Netzes kümmern. „Bosch prüft diese unterschiedlichen Modelle und wird sich mit seiner IT-Kompetenz selbst umfassend einbringen“, sagte Müller. Eine Entscheidung gebe es noch nicht.

Entscheidend ist das Geschäftsmodell. Die Industriekonzerne hoffen auf Effizienzgewinne durch 5G. Sie wollen aber auch möglichst wenig zahlen, um ihre Fabriken fit für die Zukunftstechnik zu machen.

Daher lotet Bosch viele Optionen aus. „Sowohl etablierte Marktteilnehmer als auch neue Anbieter, zum Beispiel aus der Start-up-Community, werden die Nachfrage mit Angeboten bedienen“, ist Müller überzeugt.

Selbst bei Angeboten der Netzbetreiber sind noch viele Fragen offen. Das zeigt das Beispiel in Aachen. Schuhs Werk ist mit seinen 8500 Quadratmetern zudem vergleichsweise klein und nicht mit den großen Produktionshallen von VW und Co. vergleichbar.

Es gibt nur wenige Maschinen, wenige Mitarbeiter und wenig Werkzeug, die mit dem 5G-Netz verbunden werden müssen, und jährlich werden im Ein-Schicht-Betrieb lediglich 10.000 Fahrzeuge produziert. Offen ist auch, wie sicher 5G-Netze gegen Hackerangriffe sind.

Für Günther Schuh waren diese Fragen am Mittwoch zweitrangig. „Während die 5G-Auktion lief, haben wir hier heimlich unser eigenes 5G-Netz aufgebaut“, sagte er stolz. Für ihn ist die 5G-Vernetzung seiner Fabrik der nächste Coup gegen die großen Autobauer in Deutschland. Das sein „5G-Netz“ bislang eigentlich ein 4G-Netz ist, sagt er nicht.

Schuh baute bereits 2014 in Aachen einen kleinen Elektrolaster, als die Post diese Fahrzeuge nachfragte und die deutschen Autokonzerne sie nicht liefern konnten.

Schuh verkauft mit dem Ego Life zudem einen Elektrokleinwagen für unter 20.000 Euro, während VW, Daimler und BMW noch daran arbeiten, die Kosten ihrer E-Auto-Produktion zu senken, damit ihre E-Autos massenmarkttauglich werden. Und bei der vernetzten Fabrik ist Schuh den Großen wieder einen Schritt voraus.

Denn während Mercedes und Telefónica Anfang der Woche ein ähnliches 5G-Projekt in einer Fabrik in Sindelfingen angekündigt haben, zeigt der Aachener Professor in seiner Fabrik bereits erste Anwendungen.

Fabrik ohne Fließbänder

„Das erste 5G-Netz in der Automobilproduktion ist ein Quantensprung, ein Befähiger, E-Autos qualitativ hochwertig und preisgünstig herzustellen“, sagt Schuh. So verzichtet er in seiner Fabrik auf Fließbänder. Die seien in einer modernen Produktion nicht nötig. Stattdessen nutzt er ein fahrerloses Transportsystem von Antriebshersteller SEW.

Der deutsche Antriebshersteller hatte auf der Hannover Messe im April zusammen mit Ego Mobile das auf 5G basierende System präsentiert. Sensoren erfassen dabei die Umgebungsinformationen, die per Mobile Edge Computing, also kleinen Echtzeitrechenzentren direkt vor Ort, ausgewertet und per Echtzeitfunk an das Fahrzeug zurückgesendet werden.

Dadurch ist die Produktion nicht nur flexibler. Schuh kann mit diesem System auch Personal einsparen und damit die Kosten drücken. Für den Ego-Chef ist das geschäftsentscheidend. Denn nur wenn Elektromobilität bezahlbar sei, habe sie Sinn. Deswegen optimiert Schuh die Produktionsprozesse.

Allerdings bekommt er dabei nennenswerte Unterstützung von Vodafone. Der Mobilfunkbetreiber dürfte nämlich einen Großteil der Kosten für das eingesetzte Funksystem, das sich laut Schuh auf einen höheren einstelligen Millionenbetrag beläuft, selbst tragen.

Schuh überweist Vodafone nur eine monatliche Projektgebühr, die deutlich geringer ist. „Wenn Sie ein kleiner Fisch im Haifischbecken sind, brauchen sie einen großen Partner“, sagt Schuh.

Vodafone-Deutschlandchef Hannes Ametsreiter wollte sich nicht festlegen, ob sie Industriepartner künftig gegen eine monatliche Gebühr oder über eine Einmalzahlung bei der Vernetzung von Fabriken mit 5G unterstützen werden.

Für ihn ist auch klar, dass es deutlich einfacher ist, eine Fabrik wie die von Günther Schuh zu vernetzen. „Allen, die jetzt mit einer 5G-vernetzten Produktion starten, fällt es wahrscheinlich leichter, weil sie alte Strukturen nicht berücksichtigen müssen“, sagt der Vodafone-Manager.

So ist die Ego-Fabrik in Aachen vielmehr ein Showroom und Versuchslabor als ein praktisches Anwendungsbeispiel. Denn für vieles, was in Aachen präsentiert wurde, bedarf es nicht zwingend einer Gigabit-Verbindung. Auch mit einer 4G- oder eine WLAN-Verbindung ließe sich beispielsweise ein Drehmomentschlüssel anfunken.

Außerdem zahlt Vodafone drauf, um Erfahrungen für weitere Industriekooperationen zu sammeln. Denn künftig sieht der Mobilfunkbetreiber in der Vernetzung von Fabriken ein neues Geschäftsfeld. Derzeit testet Vodafone beispielsweise auch den Einsatz von Augmented Reality auf Basis der 5G-Technologie in der Produktion.

Der Antriebshersteller SEW wiederum hofft, über Schuhs Vorzeigeprojekt weitere Kunden für sein autonomes Transportsystem zu gewinnen. Bislang ist Ego Mobile nämlich der einzige industrielle Kunde.

Mehr: Die Bundesnetzagentur hat ein Viertel der 5G-Frequenzen für lokale Anwendungen wie Campuslösungen reserviert. Das sorgt für Ärger bei Netzbetreibern.

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