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„Einschneidender historischer Vorgang“ Eskalation bei Opel: Autobauer kündigt renitenten Mitarbeitern

Mehr als zwei Dutzend Opel-Fachkräfte haben am Freitag die Kündigung erhalten. Sie weigern sich, zu dem Dienstleister Segula zu wechseln.
Update: 30.08.2019 - 16:35 Uhr Kommentieren
Alle Opel-Mitarbeiter, die gegen ihre geplante Versetzung zu Segula persönlich Widerspruch eingelegt haben, sind nun von ihrer Arbeitspflicht mit sofortiger Wirkung entbunden worden. Quelle: dpa
Opel-Werk in Rüsselsheim

Alle Opel-Mitarbeiter, die gegen ihre geplante Versetzung zu Segula persönlich Widerspruch eingelegt haben, sind nun von ihrer Arbeitspflicht mit sofortiger Wirkung entbunden worden.

(Foto: dpa)

München Es ist vollbracht. Freudestrahlend blicken Christian Müller und Martin Lange in die Kamera. Mit einem kräftigen Händedruck besiegeln der Opel-Entwicklungschef und der Deutschlandstatthalter von Segula ihre strategische Partnerschaft. Zwölf Monate nach der Ankündigung, dass der hessische Autobauer 2000 von 6500 Mitarbeitern in seinem Entwicklungszentrum ITEZ am Stammsitz in Rüsselsheim an den französischen Dienstleister auslagern will, können die beiden Manager nun Vollzug vermelden.

„Wir haben Wort gehalten“, frohlockt Lange. „Mit der strategischen Partnerschaft stellen wir unsere Entwicklungs-Aktivitäten in der Region nachhaltig wettbewerbsfähig auf“, assistiert Müller. Man habe eine „verantwortungsvolle Lösung“ für die Überkapazitäten bei Opel gefunden.

Was die beiden nicht sagen: Die Zusammenarbeit fällt nicht einmal halb so groß aus wie ursprünglich geplant. Lediglich rund 700 Mitarbeiter wechseln zu Segula. Und statt neuer Perspektiven erhalten zumindest 27 renitente Fachkräfte noch an diesem Freitag die Kündigung, heißt es unisono in Unternehmenskreisen. Ein Opel-Sprecher bestätigte die Kündigungen.

Der Grund: Alle Opel-Mitarbeiter, die gegen ihre geplante Versetzung zu Segula persönlich Widerspruch eingelegt haben, sind nun von ihrer Arbeitspflicht mit sofortiger Wirkung entbunden worden. „Leider sehen wir uns veranlasst, Sie ab Freitag, 30.08.2019 unter Fortzahlung Ihrer Bezüge und unter Anrechnung etwaigen Zwischenverdienstes von Ihrer Verpflichtung zur Arbeitsleistung freizustellen“, heißt es in einem Schreiben von Opel-Personalchef Ralph Wangemann an Betroffene, das dem Handelsblatt vorliegt.

Bis 31.12.2019 erfolgt die Freistellung „unwiderruflich“, danach „widerruflich“, erläutert Wangemann mit „freundlichen Grüßen“. So oder so haben schon heute einige Opel-Fachkräfte die Kündigung zugestellt bekommen, bestätigten dem Handelsblatt mehrere mit den Vorgängen vertraute Personen.

Zwar sind die Beschäftigten des Autobauers eigentlich bis 2023 vor betriebsbedingten Kündigungen geschützt, dieser Schutz erlischt allerdings für all jene, die dem Betriebsübergang zu Segula explizit widersprochen haben. So sieht es der von Opel mit der IG Metall geschlossene Zukunftstarifvertrag vor. Mit dem Betriebsrat hat Opel hingegen keine Abmachung getroffen, die den Kündigungsschutz aufhebt. Das stellte der Konzern nun richtig nachdem ein Sprecher zuvor anderes behauptet hatte. So oder so habe Opel allen Beschäftigten die Konsequenzen eines Widerspruchs „in den vergangenen Monaten mehrfach detailliert erläutert“, teilte der Konzern auf Anfrage mit und bestätigt: „Die Anzahl der Widersprüche liegt im niedrigen zweistelligen Bereich“.

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Dennoch sind betriebsbedingte Kündigungen ein Affront. In Rüsselsheim brodelt es gehörig. „Es ist ein einschneidender historischer Vorgang bei Opel, da seit Jahrzehnten trotz aller Krisen bei Opel niemand betriebsbedingt gekündigt wurde“, kritisiert der Betriebsrat in einem Flugblatt, das dem Handelsblatt vorliegt. Während sich das Management für die Besiegelung der strategischen Partnerschaft mit Segula feiere, sei dies ein „trauriger Tag“ für die Beschäftigten.

Die Arbeitnehmervertreter betonen ihre Solidarität mit den Wechselnden und Gekündigten. „Wir verstehen den Unmut, dass Euch von der Geschäftsleitung nicht für Eure Arbeit bei und für Opel gedankt wurde“. Dem Betriebsrat missfällt zudem, laut eigenem Bekunden zu den Kündigungen nicht angehört worden zu sein: „Auch das ist ein einmaliger Vorgang“, heißt es in dem Flugblatt. Die Opel-Geschäftsführung vertritt dagegen eine andere Rechtsauffassung: „Eine Anhörung war in diesem Fall nicht erforderlich“, erklärte ein Unternehmenssprecher.

Bereits zuvor hatten die Arbeitnehmer in einem anderen Rundschreiben den von der Geschäftsführung „überhastet eingeleiteten Betriebsübergang“ scharf kritisiert. „Um Ordnung in das Chaos zu bringen, die Arbeitsfähigkeit sicherzustellen und die Projektanläufe nicht zu gefährden“, haben die Arbeitnehmer vorgeschlagen, dass alle Beschäftigten, die „gegen ihren Willen in den Teilbetrieb versetzt wurden“, bei Opel verbleiben und stattdessen an Segula verliehen werden. „Die Umsetzung würde zur Befriedung beitragen, die Arbeitsfähigkeit beider betroffenen Unternehmen sicherstellen, Konflikte mit den Beschäftigten vermeiden und gegebenenfalls langwierige Gerichtsverfahren erledigen“, schrieben die Betriebsräte.

Sogenannte Arbeitnehmerüberlassungen an Segula lehnt die Geschäftsführung um Opel-Chef Michael Lohscheller allerdings entschieden ab. Stattdessen werden etwa 150 Opel-Mitarbeiter für grob ein halbes Jahr bestimmte Dienstleistungen für Segula erbringen, um eine reibungslose Übergabe von 120 Motoren- und Rollenprüfständen, 20 Gebäuden und dazugehöriger Aufträge zu gewährleisten. „Wir bestätigen, dass es in der Startphase der Partnerschaft mit Segula sogenannte Transitional Service Agreements (TSA) geben wird“, erklärte ein Opel-Sprecher: „Transitional Service Agreements sind in der Industrie absolut üblich“.

Weiters erhält Segula von Opel eine Anschubfinanzierung von insgesamt 190 Millionen Euro, die in mehreren Tranchen ausgezahlt wird. Das geht aus einem Betriebsübergangsvertrag hervor, der dem Handelsblatt vorliegt. Demnach sind bereits zehn Millionen Euro an Segula geflossen. Mit dem nun erfolgten Abschluss der strategischen Partnerschaft wandern weitere 80 Millionen Euro auf das Konto der Franzosen, in 13 Monaten sollen 37 Millionen fließen, in 25 Monaten 33 Millionen und in 37 Monaten nochmal 30 Millionen Euro.

Mehr: In Eisenach rollt nun erstmals ein SUV vom Band. Viel hängt an dessen Erfolg. Denn der Absatz des eigentlichen Opel-Flaggschiffs geht stark zurück.

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