Elektromobilität Bosch stellt Batteriezellen-Forschung komplett ein

Bosch will nicht mehr an Batteriezellen forschen und auch keine Produktion in Deutschland aufbauen. Die finanziellen Risiken seien zu groß.
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Bosch will keine Batteriezellen in Deutschland bauen. Quelle: dpa
Bosch-Chef Volkmar Denner im Rückwärtsgang

Bosch will keine Batteriezellen in Deutschland bauen.

(Foto: dpa)

StuttgartBosch baut keine Batteriezellenproduktion auf. Die wohl größte Investition der 132-jährigen Firmengeschichte fällt aus. Die Überbringung der defensiven Botschaft überließ Konzernchef Volkmar Denner seinem Auto-Mann Rolf Bulander, zuständig für den größten Konzernbereich „Mobility-Solutions“.

„Bosch will weiter Partner Nummer eins der Fahrzeugindustrie bei der Elektromobilität bis 2020 werden“, sagte Bulander. Darum werde man an der Produktion von Batteriesystemen festhalten, die reine Zellfertigung sei nicht ausschlaggebend.

„Für eine angestrebte führende Position mit einem Marktanteil von 20 Prozent hätte es ein Investment von 20 Milliarden Euro gebraucht“, sagte Bulander. Es geht um eine strategische Richtungsentscheidung für die nächsten zwei Jahrzehnte. Die jetzige Entscheidung gegen eine Batteriezellenfertigung der nächsten Generation zeichnete sich in den vergangenen Wochen bereits ab.

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Klar war schon vorher: Bosch will keinen Cent in Fabriken investieren, die Batteriezellen herstellen, die heute schon auf dem Markt sind. Gegen die etablierte asiatische Konkurrenz und deren Kostenvorteile hätte Bosch als Newcomer keine Chance gehabt.

Eigentlich hatte man bei Bosch auf einen Einstieg mit der nächsten Batteriegeneration kalkuliert. Dazu hatte man zum einen in eine deutliche Verbesserung und Weiterentwicklung von Lithium-Ionen-Zellen und zum anderen in die Herstellung von so genannten Feststoff-Batterien im mittleren dreistelligen Millionen-Euro-Betrag investiert.

Nun steigt Bosch aus der Forschung beider Technologien aus, bestätigte Bulander. Das Joint-Venture mit japanischen Partnern werde jetzt aufgelöst. Und auch das übernommene Start-up Seeo für Feststoffzellen wollen die Schwaben verkaufen. Der Wettbewerbsdruck für einen Newcomer sei finanziell zu riskant. „Es ist nicht nur eine Frage der Technik, sondern vor allem eine wirtschaftliche Entscheidung“, hatte Bosch-Chef Denner zuletzt angedeutet.

Denn der Markt ist hart umkämpft: Bei neuen Batterietechnologien droht ein Preiskampf mit den fünf bestehenden Batterieherstellern. Die Dominanz asiatischer Anbieter ist erdrückend: Neun von zehn Batteriezellen auf dem Weltmarkt werden in den Werken von Unternehmen wie Samsung, Panasonic oder CATL aus China produziert.

Erschwerend kommt hinzu, dass drei Viertel der Wertschöpfung auf Materialkosten entfällt. „Da bleibt nur ein geringer Teil, in dem Wettbewerbsvorteile erarbeitet werden können“, betonte Bosch-Chef Denner vor wenigen Wochen. Auch Subventionen für Batteriefabriken, wie sie die EU bei der Halbleiterproduktion ermöglicht hat, seien für die Entscheidung der Schwaben irrelevant gewesen.

Bosch zieht zurück, Europa investiert

Am Ende sei es bei der Entscheidung vor allem darum gegangen, wie wichtig eine eigene Produktion von Batteriezellen für den Erfolg von Bosch im Bereich der Elektromobilität gewesen wäre. Auch ohne Zellfertigung sei kein Automobilzulieferer beim Thema Elektromobilität so breit aufgestellt wie Bosch, betont Denner. „Wir werden Zellen zukaufen. Wir sagen Nein zur Zellfertigung aber ja zu Batterien“, betont auch Bulander. Die Aktivitäten für die Batteriesysteme, vor allem für 48-Volt, würden im Konzern in einem neuen Kompetenzzentrum gebündelt.

Während Bosch einen Rückzieher macht, wird in Europa in Batteriezellenforschung investiert. Am vergangenen Donnerstag hatte der französische Spezialist Saft, eine Tochter des Ölkonzerns Total, ein Bündnis zur Entwicklung und Fertigung von Batteriezellen gegründet: Siemens soll die Automatisierungstechnik für die Produktion liefern, der Reutlinger Anlagenbauer Manz die Maschinen und der belgische Konzern Solvay die benötigten Chemikalien.

Binnen sieben Jahren wollen die Partner eine neue Generation von Batterien entwickeln und zugleich Prozesse für deren Massenproduktion. Angaben zur Höhe der geplanten Investitionen machen sie allerdings nicht.

Die Batteriezellen-Produktion ist deshalb so wichtig, weil bei den Elektroautos ein Milliardenmarkt winkt. Die Batterie ist die teuerste Komponente des Elektroautos. Bei Benzin- und Dieselfahrzeugen war das traditionell der Motor. Elektromotoren sind aber deutlich einfacher aufgebaut, haben viel weniger Komponenten  als Verbrennungsmotoren.

Solarzellen-Trauma verfolgt Bosch bis heute

Dass die Schwaben bei der Batteriezellenproduktion vorsichtiger sind, hat mit ihren Erfahrungen in der Solarindustrie zu tun. Chinesische Unternehmen hatten den Markt mit günstigen Solarzellen geflutet. Darum ließ Bosch-Chef Denner alle Solaraktivitäten zu Beginn seiner Amtszeit vor fünf Jahren schließen oder verkaufen. Das kostete Bosch damals fast vier Milliarden Euro. Das Trauma verfolgt den Konzern bis heute.

Noch heute bezeichnet der ehemalige Bosch-Chef und heutige Vorsitzende des Aufsichtsrats, Franz Fehrenbach, den Solareinstieg als seinen größten Fehler. Die Abwicklung überließ er seinem Nachfolger Volkmar Denner.

Auch damals unterschätzte Bosch die Dynamik des Marktes mit Preisverfall, ausgelöst auch durch Dumping asiatischer Konkurrenten. Aber auch der eigene erwartete technische Fortschritt beim Wirkungsgrad der Solarzellen stellte sich nicht so schnell ein wie gewünscht. Auch bei Batterien hätte man sich auf ein riskantes Investment in Technologien eingelassen, die jenseits der Kernkompetenz von Bosch liegen.

Diese Firmen setzen die Autobauer unter Strom
Platz 5: Lishen
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Der chinesische Batteriehersteller betreibt sechs große Werke und liefert seine Batterien vor allem für heimische Elektroautos und Unterhaltungselektronik. Innerhalb weniger Jahre wollen die Chinesen es in die Weltspitze schaffen. Mit 388.000 Lithium-Ionen-Zellen im Jahr 2016 sind sie auf einem guten Weg.

Platz 4: ATL
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Die Amperex Technology Limited kommt aus Hongkong, liefert aber auch Akkus für etliche westliche Marken, darunter BMW. 660.000 Batteriezellen lieferte das Unternehmen im Jahr 2016 aus.

Platz 3: LG Chem
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Die Chemietochter des südkoreanischen Mischkonzerns LG ist der wahrscheinlich aggressivste Zellhersteller im Markt. Mit Kampfpreisen ergatterte LG Chem in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe neuer Aufträge. Geld verdient die Firma mit ihrer Offensive wohl nicht. Mit 830.000 Batteriezellen im Jahr 2016 gehören sie zu den größten Herstellern.

Platz 3: LG Chem
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„Alle großen Zellhersteller haben in der Vergangenheit mit dem Zellgeschäft Verluste gemacht oder an der Nulllinie entlang gewirtschaftet“, sagt Wolfgang Bernhart. Der Automobilexperte der Unternehmensberatung Roland Berger erwartet eine „Konsolidierung des Marktes auf voraussichtlich vier bis fünf große Player“. Nach der Marktbereinigung will LG Chem ganz vorne dabei sein – um dann satte Profite zu erwirtschaften. Der Ingolstädter Autobauer Audi ist etwa einer der Geschäftspartner in Europa.

Platz 2: Panasonic
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Die Nummer Zwei unter den Zellherstellern ist Panasonic. Die Japaner statten die Elektroflitzer des kalifornischen Autoherstellers Tesla mit zylindrischen Batteriezellen aus. 2016 kamen die Japaner auf eine Produktion von 1,06 Millionen Lithium-Ionen-Zellen.

Platz 2: Panasonic
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Zuletzt haben die Japaner aber einige Aufträge an die südkoreanischen Konkurrenten verloren. Auf lange Sicht könnte die Abhängigkeit von Tesla für die Japaner zum Problem werden.

Platz 1: Samsung
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Denn innerhalb weniger Jahre ist Konkurrent Samsung an Panasonic vorbeigezogen. Mit 1,17 Millionen produzierten Lithium-Ionen-Zellen sind die Koreaner der größte Batteriezellenhersteller der Welt. Vor allem bei Unterhaltungselektronik ist der Konzern führend.

Dabei steht der Zulieferer insgesamt wirtschaftlich gut da. Bosch hatte 2017 ein starkes Jahr mit einem Umsatzplus von 6,7 Prozent und 78 Milliarden Euro. Das operative Ergebnis (Ebit) verbesserte sich um eine Milliarde Euro auf 5,3 Milliarden Euro. Das entspricht einer Erhöhung der Umsatzrendite von 5,8 auf 6,8 Prozent.

Allerdings zeigte sich Denner für dieses Jahr vorsichtig und plant nur mit einem Wachstum zwischen zwei und drei Prozent. „Wir haben mehr Ideen als Geld“, sagte Bulander. Das für das Thema Batteriezellen nicht mehr benötigte Geld werde jetzt lieber für Themen wie Vernetzung, Automatisierung und künstliche Intelligenz investiert.

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4 Kommentare zu "Elektromobilität: Bosch stellt Batteriezellen-Forschung komplett ein"

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  • "„Wir haben mehr Ideen als Geld“, ... Das für das Thema Batteriezellen nicht mehr benötigte Geld werde jetzt lieber für Themen wie Vernetzung, Automatisierung und künstliche Intelligenz investiert“

    Genauso wie klar ist, dass ein Unternehmen heute nicht mehr auf einem Wirtschaftsgebiet die „volle Bandbreite“ abdecken kann – und sich daher schon aus ökonomischen Gründen bezüglich seiner Produktpalette auf seine wirklichen Stärken (also seine „Kernkompetenzen“, die es ihm ermöglichen, sich auch in einem weniger freundlichen Marktumfeld zu behaupten) fokussieren und ansonsten auf Synergieeffekte und Kooperation mit anderen (dafür auf ihrem jeweiligen Gebiet kompetenteren) Marktteilnehmern setzen muss, muss auch klar sein:

    Was man nicht selbst macht, machen andere.

    Und weil Mono- und Oligopole erwiesenermaßen nicht nur wettbewerbs-, sondern insbesondere auch demokratiefeindlich sind - und dadurch per se jedem gesunden Fortschritt entgegenstehen - müssen beizeiten (also JETZT!) - und auf dezentraler Ebene - geeignete Maßnahmen ergriffen werden, um zuverlässig verhindern zu können, dass die Weltbevölkerung in eine fatale Abhängigkeit von irgendwelchen „Kompetenz-Monopolen“ (bzw. Machtzentren) geraten kann.

  • Es sagt ja auch schon viel über Herr Denner aus, dass er eine solche Nachricht nicht selbst überbringt.

    Die meisten deutschen Mittelständler haben mehr Rückrad und Courage wie unsere Dax-Vorstände, bei denen wohl eher die Boni im Vordergrund stehen.

    Ich verstehe heute noch immer nicht, was an Vodafone besser sein soll als an Mannesman.

    Desgleichen ist mir ein Rätsel wie man 60 Milliarden in Monsanto vergraben kann.

  • Das ist das Problem mit Deutschland insgesamt.
    Man verschläft die Zukunftstechnologien wegen des aktuellen Paybacks.

    Die Deutschen waren führend auf dem Solarmarkt und haben die Technologien, mit denen die Chinesen heute produzieren, vielfach entwickelt und deren Anlagen auch gebaut.
    Hätten Bosch und vor allem Siemens ein bischen über den Tellerrand geschaut, dann wären sie heute Führer am Weltmarkt für Solarenergie.

    Selbst Bayer würde besser in Batterietechnologie investieren, als Monsanto zu kaufen.
    Mit Payback-Strategien kann man nicht in die Zukunft investieren. Dazu braucht man Visionen.

    Nun gut. Heute braucht man keine Visionen mehr, da der Markt schon existiert und jeder sehen kann, wo die Entwicklung hingeht. Wenn man es natürlich jetzt immer noch nicht sehen will, dann kauft man eben später von den Chinesen.

    Armes Deutschland.
    Es ist nichts, aber auch wirklich nichts mehr übrig von der Mentalität, die einmal ein Wirtschaftswunder vollbracht hat. Arbeit, Leistung und Erfolg sind verpönt.

    Viele Ingenieur verbrauchen hier mehr Zeit, um ihre Arbeit zu dokumentieren, als tatsächlich etwas zu schaffen. Und das Heer von Juristen gibt dem noch Auftrieb.

    Es wird mehr Aufwand getrieben, sich gegenseitig zu verwalten, als dass man Projekte einfach durchzieht.

    Und zurück zu Bosch:
    Vielleicht hätte man mit der Investition eines Jahresgewinnes, also 5 statt 20 Milliarden, verteilt auf drei oder vier Jahre zumindest mal 5 % vom Weltmarkt erreichen können.
    Und mit etwas mehr Effizienz eventuell auch mehr.

    Zumindest hätte man den Fuss in der Tür und könnte diese danach eventuell ganz aufstossen, wenn man merkt, dass der Markt es hergibt.

    Aber sicherlich ist es einfacher zu sagen, wir können zu den Preisen von Panasonic im Moment nicht konkurrieren, also Kopf in den Sand.

  • Ist hier ein Gläubiger vom Akku abgefallen ?

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