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Energiewende Stromkonzerne preschen bei Atomkraft vor

Die großen Energiekonzerne gehören zu den Gewinnern der Wahl. Eine künftige schwarz-gelbe Bundesregierung will es ihnen erlauben, die Kernkraftwerke in Deutschland länger als bislang geplant laufen zu lassen. Eon-Chef Wulf Bernotat steht für Gespräche über längere Laufzeiten der Kernkraftwerke bereit. Und RWE-Chef Jürgen Großmann wirbt schon mal für längere Laufzeiten.
  • Jürgen Flauger und Klaus Stratmann
Eon-Chef Wulf Bernotat:

Eon-Chef Wulf Bernotat: "Die Parteien haben sich klar dafür ausgesprochen, die Laufzeiten der Kernkraftwerke zu verlängern."

(Foto: ap)

DÜSSELDORF. Eon-Chef Wulf Bernotat steht für Gespräche mit der künftigen schwarz-gelben Bundesregierung über Gegenleistungen für längere Laufzeiten der Kernkraftwerke bereit. "Natürlich haben wir uns auf dieses Szenario eingestellt und sind darauf vorbereitet, uns einzubringen", sagte der Vorstandvorsitzende des größten deutschen Energiekonzerns im Gespräch mit dem Handelsblatt. "Wenn es solche Gespräche gibt, werden wir konkret werden." Er ist aber davon überzeugt, dass die Kernenergie nach dem Regierungswechsel wieder eine Zukunft im Energiemix haben wird. "Dieses Thema kann jetzt sachlich und ideologiefrei angepackt werden. Die Parteien haben sich klar dafür ausgesprochen, die Laufzeiten der Kernkraftwerke zu verlängern", sagte Bernotat.

Darauf setzt auch RWE-Chef Jürgen Großmann. Der RWE-Chef plädiert angesichts des bevorstehenden Regierungswechsels im Bund für eine Laufzeitverlängerung des Atomkraftwerks Biblis. "Ich glaube, man sollte technische Anlagen so lange nutzen, wie sie sicher sind", sagte RWE-Chef Jürgen Großmann am Dienstag in der ARD. Auf die Frage, ob die beiden seit einiger Zeit in die Kritik geratenen Kraftwerksblöcke Biblis A und B sicher seien, sagte er: "Ja selbstverständlich sind sie sicher." In den Niederlanden gebe es einen baugleichen Reaktor mit einer Laufzeit von 60 Jahren.

Biblis A und B sollen nach den Vorstellungen des bisherigen SPD-Umweltministers Sigmar Gabriel im Laufe dieser Legislaturperiode abgeschaltet werden. "Kernenergie ist Teil einer Energiepolitik, ist Teil eines Energie-Mixes", warb Großmann. "Ich glaube, dass man über die Laufzeitverlängerung aller Kraftwerke reden sollte." Dadurch werde ein Mehrwert generiert, der etwa für die Modernisierung der Leitungsnetze oder für den Ausbau der Windkraft eingesetzt werden könne. Die Betreiber seien bereit, einen Teil der zusätzlichen Gewinne abzugeben, wie dies Union und FDP fordern. Als Größenordnung komme dazu "ein dicker zweistelliger Prozentsatz" infrage, sagte der RWE-Chef. "Das muss eingebettet werden in eine ganzheitliche Betrachtung."

Union und FDP haben sich in ihren Wahlprogrammen eindeutig für eine Änderung des 2002 unter der damaligen rot-grünen Bundesregierung beschlossenen Atomausstiegs ausgesprochen. Um die Bedenken der Bevölkerung abzumildern, rechnen Branchenexperten aber damit, dass die Versorger einen großen Teil der zu erwarteten Zusatzgewinne wieder abgeben müssen.

Die großen Energiekonzerne gehören zu den Gewinnern der Bundestagswahl. Eine künftige schwarz-gelbe Bundesregierung will es ihnen erlauben, die Kernkraftwerke in Deutschland länger als bislang geplant laufen zu lassen. Das beschert den Unternehmen Zusatzeinnahmen in zweistelliger Milliardenhöhe. Aktien der Energiekonzerne legten gestern an den Börsen deutlich zu. Die künftige Koalition erwartet von den Unternehmen allerdings erhebliche Gegenleistungen für die Laufzeitverlängerung.

"Der volkswirtschaftliche Nutzen ist groß", sagte Bernotat. Natürlich sei es von Vorteil, wenn man Anlagen so lange betreiben könne, wie es technisch machbar ist. Ansonsten müsste viel Geld in Ersatzkapazitäten investiert werden. Bernotat ist sich der Erwartungshaltung in der Politik aber bewusst. "Der Erste fordert Investitionen in erneuerbare Energien, der Zweite in CO²-freie Kohlekraftwerke, der Dritte will Sozialtarife und der Vierte Unterstützung für die energieintensive Industrie. Letztlich ist es eine politische Entscheidung. Wir sind jedenfalls gesprächsbereit", sagte der Eon-Chef. Insgesamt erwartet Bernotat von der neuen Regierung eine Versachlichung der Energiepolitik. "Es gibt endlich die Chance, dass wir eine Energiepolitik aus einem Guss bekommen."

Für Katherina Reiche (CDU) ist der Fall klar: "Wir kommen an der Kernkraft als Brückentechnologie nicht vorbei. Die Kernenergie kann dazu beitragen, die Strompreise stabil zu halten", sagte die stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion dem Handelsblatt. Außerdem ließen sich ohne die Kernkraft ambitionierte Klimaschutzziele nicht erfüllen. Die FDP vertritt dieselbe Meinung.

Im Bundestagswahlkampf hat das Thema eine entscheidende Rolle gespielt. Insbesondere Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) hatte für ein striktes Festhalten an der Ausstiegsvereinbarung gekämpft. Die von der ersten rot-grünen Bundesregierung ausgehandelte Vereinbarung sieht vor, dass in Deutschland spätestens im Jahr 2022 das letzte Kernkraftwerk vom Netz geht. Allein in der neuen Legislaturperiode wären voraussichtlich sieben der insgesamt noch 17 Kernkraftwerke in Deutschland abgeschaltet worden. In der jetzt endenden Legislaturperiode konnten mehrere Reaktoren nur vor dem Aus gerettet werden, weil sich Revisionsarbeiten oder ungeplante Pausen in die Länge zogen.

Pannen im Kernkraftwerk Krümmel, aber auch die Diskussion um das Endlager Gorleben hatten den Argumenten der Kernkraftgegner zuletzt Auftrieb gegeben. Nun sieht dennoch alles danach aus, als würde der "Ausstieg aus dem Ausstieg" Realität.

Für die vier Kernkraftwerksbetreiber in Deutschland geht es um viel Geld. Die Anlagen sind abgeschrieben, sie produzieren Strom zu geringen Kosten. Die Unternehmen selbst halten sich mit Angaben zurück. Analysten haben versucht, Licht ins Dunkel zu bringen. Die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) hat für verschiedene Szenarien den aktuellen Wert einer Laufzeitverlängerung für die drei börsennotierten Betreiber Eon, RWE und Energie Baden-Württemberg (EnBW) errechnet. Selbst unter konservativsten Annahmen - einer Verlängerung der Laufzeit um zehn Jahre bei einem Strompreis von 51 Euro je Megawattstunde - würde sich der Wert für Eon auf 8,3 Mrd. Euro summieren, für RWE auf 6,1 Mrd. Euro und für EnBW auf 3,8 Mrd. Euro. Sollte die Laufzeit dagegen um 25 Jahre verlängert werden und der Strompreis 80 Euro betragen, wären es für Eon sogar 31,5 Mrd. Euro, für RWE 22,8 Mrd. Euro und für EnBW 14,6 Mrd. Euro.

Zwar erwarten auch die LBBW-Analysten, dass die Politik direkt oder indirekt einen großen Teil der Zusatzeinnahmen abschöpfen wird. Unter dem Strich sehen sie aber einen deutlich positiven Effekt für die Aktien. Auch die Analysten der Privatbank Sal. Oppenheim kalkulieren mit entsprechenden Modellen und hoben gestern ihre Bewertungen für die Eon - und RWE-Aktien an.

Wie viel Geld die Politik am Ende konkret einfordern wird, ist noch offen. Lediglich eine Größenordnung zeichnet sich ab: Man rede "auf jeden Fall über zweistellige Milliardenbeträge", sagte der energiepolitische Koordinator der Unionsfraktion, Joachim Pfeiffer (CDU). Das Geld soll in einen Fonds fließen. "Dieser Fonds soll dazu dienen, die erneuerbaren Energien voranzubringen sowie in die Erforschung der kerntechnischen Sicherheit zu investieren", sagt Unionsfraktionsvize Reiche. Pfeiffer fordert zusätzlich, dass die Verbraucher profitieren - etwa durch eine Senkung der Stromsteuer.

Bei Eon, RWE und EnBW herrscht Einigkeit, dass die Branche für die Fehler von Vattenfall beim Umgang mit der Panne im Kernkraftwerk Krümmel in diesem Sommer bezahlen muss. Das mache für Union und FDP die Revision des Atomausstiegs schwieriger, sagt ein Manager: "Uns drohen knallharte Verhandlungen." Unions-Experte Pfeiffer will den Betreibern jedenfalls keine Blankoschecks ausstellen: "Die Laufzeitverlängerung orientiert sich am Sicherheitsniveau jeder einzelnen Anlage", sagt Pfeiffer. Schwierige Verhandlungen sind somit programmiert.

Wettbewerbshüter betrachten die Laufzeitverlängerung mit Sorge. "Gerade für kleinere Energiekonzerne wird es deutlich unattraktiver, neue Kraftwerke zu bauen", sagte Justus Haucap, Vorsitzender der Monopolkommission, dem Handelsblatt. Die Monopolkommission berät die Bundesregierung in Wettbewerbsfragen. Tatsächlich stehen die vier Kernkraftwerksbetreiber für mehr als 80 Prozent der Stromversorgung hierzulande. Diese große Marktmacht wird von vielen Fachleuten als Wettbewerbshindernis betrachtet. Die Politik hat sich daher in den vergangenen Jahren bemüht, Hürden für den Markteintritt von Newcomern aus dem Weg zu räumen. Bislang sind die Resultate bescheiden. Allerdings ist die abschreckende Wirkung einer Laufzeitverlängerung für Newcomer auch den Politikern bewusst. Der Wettbewerb dürfe durch die Verlängerung "nicht negativ beeinflusst werden", sagt Pfeiffer, ohne jedoch Details zu nennen.

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