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Erst angespannt, später souverän: Wie Jürgen Schrempp das Kreuzverhör im Kerkorian-Prozess meisterte. Erfolgreiche Rückkehr am dritten Tag

Etwas entnervt erhebt sich Jürgen Schrempp, 59, von seinem Platz. Fünf Stunden Kreuzverhör hat er hinter sich, fünf Stunden bohrende Fragen von Anwalt Terry Christensen, und jetzt soll es auch am Donnerstag weitergehen. So hat Richter Joseph Farnan eben entschieden. „Ich wäre gerne pünktlich zur Aufsichtsratssitzung nach Stuttgart gefahren“, klagt Schrempp.
  • Steffi Augter (Wilmington)
Jürgen Schrempp musste sich stundenlang den Fragen der Anwälte stellen. Foto: dpa

Jürgen Schrempp musste sich stundenlang den Fragen der Anwälte stellen. Foto: dpa

HANDELSBLATT. Also genehmigen die Daimler- Kontrolleure am nächsten Tag in Abwesenheit des Vorstandschefs, dass der Konzern seine 43- Prozent-Beteiligung am japanischen Nutzfahrzeughersteller Mitsubishi Fuso aufstockt. Und Schrempp muss erneut in den Zeugenstand, muss erneut Platz nehmen in einem Bezirksgericht in Wilmington, US-Bundesstaat Delaware. Es gilt, eine Schadensersatzforderung von 1,2 Milliarden Dollar abzuwehren. Kirk Kerkorian, ein früherer Chrysler-Großaktionär, fühlt sich betrogen, weil Schrempp den Zusammenschluss mit dem US-Autobauer als „Fusion unter Gleichen“ angekündigt hatte (siehe Beitrag „Die Akte Chrysler“).

Gerichtssaal 4B lädt nicht zum Verweilen ein: Künstliches Deckenlicht erhellt den fensterlosen Raum, die Luft ist stickig. Von den mit dunklem Holz getäfelten Wänden blicken drei in Öl gemalte Richter auf den Daimler-Chef herab. In seinem Rücken thront die Gerichtsbarkeit aus Fleisch und Blut – eine neue Position für den Hünen, der es gewohnt ist, alle zu überragen.

Aber es lohnt sich für Schrempp, dass er noch einmal für eine Stunde zurückkehrt. Gut gelaunt und ausgeruht meistert er das Kreuzverhör am Donnerstagmorgen. Anwalt Christensen dagegen wirkt überheblich und unkonzentriert. Etwa, als es um den ehemaligen Chrysler-Chef James Holden geht, der heute für einen Automobilzulieferer arbeitet. „Ist das ein Zulieferer von Daimler-Benz?“, fragt Christensen. „Sir, Daimler-Benz existiert nicht mehr“, antwortet Schrempp.

„Ich bin sehr zufrieden (dass ich dem Richter die Fakten präsentieren durfte)“, sagt Schrempp anschließend in einem kurzen Statement vor dem Gerichtsgebäude. „Ich bedauere die Fusion in keiner Weise.“ Der Fall liege jetzt in den Händen des Richters, „und „ich kann wieder an die Arbeit gehen“.

An den Tagen zuvor hatte das noch anders ausgesehen, vor allem während des Kreuzverhörs am Mittwoch. „Ein wenig nervös war er zu Beginn schon“, kommentiert Schrempps Frau Lydia in einer Gerichtspause. Den Plastikbecher mit Wasser vor ihm führt er oft nur für einen kurzen Schluck zum Mund, manchmal scheint er ihn vor Anspannung zerdrücken zu wollen. Findet er die gerade angesprochene Seite in den beiden Aktenordnern vor ihm nicht sofort, beugt er sich über den Tisch zum Bildschirm, auf dem Dokumente eingeblendet werden. „Damit wir keine Zeit verschwenden“, sagt er.

Doch Anwalt Christensen lässt sich nicht zur Eile antreiben. Er lächelt süffisant, setzt bewusst Pausen, genießt das Kreuzverhör: Da sitzt der Chef des Autogiganten Daimler-Chrysler, Schöpfer der „Welt AG“ und kämpft um seine Managerehre.

Sein bestes Argument bringt der Anwalt gleich zu Beginn: das umstrittene Interview der „Financial Times“ vom Oktober 2000. Christensen hat es auf Tonband, und jeder im Saal hört einen selbstbewussten Schrempp sagen, dass der Zusammenschluss „aus psychologischen Gründen“ als „Fusion unter Gleichen“ deklariert worden sei. Dass man sonst schließlich nicht ins Geschäft gekommen wäre. Und dass er als Schachspieler üblicherweise nicht über den zweiten und dritten Zug rede.

Er habe das alles so nicht gemeint, sagt Schrempp nun unter Eid. Und nein, eine Richtigstellung habe es trotzdem nicht gegeben. Mühsam versucht er, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. In dem Interview sei es ihm allein um die Struktur des operativen Geschäfts gegangen. Als der Deal bekannt gegeben wurde, hätten beide Seiten zunächst betont, dass die Unternehmensführungen als gleichberechtigte Partner zusammengeschlossen werden. Diese „Fusion unter Gleichen“ sei, als er mit der Zeitung sprach, bereits erfolgreich abgeschlossen gewesen.

Immer wieder versucht Christensen, Widersprüche zwischen Schrempps Aussage und denen anderer Zeugen nachzuweisen. „Ich weiß nicht, in welchem Zusammenhang das gesagt wurde“, sagt Schrempp darauf, oder „da müssen Sie die Person selbst fragen, wie sie das gemeint hat.“

Die früheren Chrysler-Manager James Holden und Robert Eaton hatten die Version Schrempps in der Vorwoche im wesentlichen bestätigt. Bis zum Prozessende am 17. Dezember sollen nun unter anderem Daimler-Chrysler-Finanzchef Manfred Gentz sowie der damalige Strategie- und derzeitige Nutzfahrzeug-Chef Eckhard Cordes aussagen. Das Urteil wird allerdings erst im Frühjahr erwartet.

Das Kreuzverhör ist für Schrempp keine Eigeninszenierung wie die Befragung durch Daimler-Anwalt Tom Allingham am Dienstag. Der hatte ihm brav die Bälle zugespielt. Ließ Schrempp berichten, wie er über den zweiten Bildungsweg die Grundlagen für seinen Aufstieg legte. Und dass ihm Nelson Mandela für seine Verdienste im Kampf gegen die Apartheid in Südafrika einen Orden überreichte.

Seinen Gegner im Duell des Jahres bekommt Schrempp nicht zu Gesicht. Der ehemalige Boxer Kerkorian stand bereits in der ersten Woche im Zeugenstand, und der Auftritt der beiden hätte unterschiedlicher kaum sein können. Wo sich Schrempp charmant, fast anbiedernd gibt, verstellt sich Kerkorian nicht: Kämpferisch, fast unverschämt blockt er die Fragen von Daimler-Anwalt Jonathan Lerner im Kreuzverhör ab.

Schrempp taut erst im Lauf der dreitägigen Befragung langsam auf. Er gestikuliert, um die Führungsstrukturen zu erklären, holt dabei weit aus und referiert minutenlang über die Fusionsgespräche. Immer wieder betont er, dass die ursprüngliche Besetzung des Vorstandes nicht ewig bestehen konnte. „Schließlich handelt es sich hier um ein globales Unternehmen“, sagt Schrempp. „Wir schauen uns den Vorstand nicht unter dem Gesichtspunkt von Nationalitäten an.“

Schrempp bleibt seiner Linie drei Tage lang treu, auch bei seinem Abgang: „Ja, ich habe immer an eine Fusion unter Gleichen geglaubt, daran gibt es gar keinen Zweifel“, beantwortet er eine einzige Frage. „Ich sage besser weiter nichts“, ruft er den Journalisten zu, die sich um ihn drängen. Dann steigt er in seinen Dodge Durango ein, natürlich ein Modell der Chrysler-Familie und lässt sich zum Firmenjet fahren. Der Mann ist vorsichtiger geworden.

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