EU-Ausstieg Großbritanniens Immer mehr Unternehmen rechnen mit Brexit-Debakel

Eine Studie zeigt, wie nervös der Brexit deutsche Unternehmen macht. Kaum ein Manager glaubt an ein positives Endergebnis der Verhandlungen.
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Brexit: Deutsche Unternehmen verlieren die Geduld Quelle: AFP
Anti-Brexit-Demonstration in London

Nach wie vor protestieren Menschen in Großbritannien gegen den EU-Austritt. Auch deutsche Unternehmen verunsichert das Vorhaben zusehends.

(Foto: AFP)

LondonDeutsche Unternehmen verfolgen die Brexit-Verhandlungen mit immer mehr Skepsis. Dass es nicht vorangeht, macht ihnen Sorgen. Und sie ziehen daraus Konsequenzen. Das ergab eine Umfrage der Unternehmensberatung Deloitte.

Die Verhandlungen zwischen der Europäischen Union (EU) und Großbritannien über den Brexit kommen nicht wirklich voran – und das bereitet immer mehr Managern Sorgen. Dass die beiden Verhandlungsparteien wie ursprünglich geplant bis Herbst ein Abkommen über den Abschied und die weitere Zusammenarbeit treffen, hält fast jedes zweite deutsche Unternehmen für unwahrscheinlich, wie eine aktuelle Umfrage von Deloitte ergab.

„Die Unternehmer werden zusehends skeptischer“, sagte Alexander Börsch, Chefökonom der Unternehmensberatung, im Gespräch mit dem Handelsblatt. Bei einer vorangegangenen Umfrage seien zumindest einige Manager noch voller Hoffnung gewesen, dass der Brexit „am Ende gut ausgehen wird“ und hätten Entscheidungen noch aufgeschoben, aber „die Zuversicht schwindet“, hat Börsch beobachtet.

Eine Einschätzung, die von den Nachrichten der vergangenen Tage bestätigt wird: Großkonzerne aus Deutschland, Europa und den USA warnten vor den Folgen, sollten sich nicht bald die Rahmenbedingungen für den Handel nach dem EU-Austritt abzeichnen. Für Schrecken sorgte auf der Insel besonders die Ankündigung von Airbus, bei einem harten Brexit ohne Handelsabkommen sich möglicherweise aus Großbritannien zu verabschieden.

Derartige Warnungen werden von Brexit-Befürwortern und der britischen Regierung natürlich gar nicht gern gehört – weswegen manche Unternehmen sich bemühen, Investitionsentscheidungen nicht öffentlich mit dem Brexit in Zusammenhang zu bringen. Gleichwohl beschäftigen sich immer mehr Unternehmen mit den Folgen auf ihr Geschäft.

72 Prozent der deutschen, in Großbritannien tätigen Firmen haben sich bereits intensiv vorbereitet, ergab die Deloitte-Umfrage. Knapp die Hälfte (44 Prozent) hat sogar schon die Lieferkette umgestellt. 47 Prozent haben Investitionen auf den Prüfstand gestellt, und ein Drittel der befragten Unternehmen haben Investitionsvorhaben schon gestoppt.

Jedes vierte Unternehmen hält harten Brexit für möglich

„Das sind überraschend hohe Zahlen“, wie Börsch meint. „Der Druck, Entscheidungen zu treffen, steigt, je näher das Austrittsdatum am 29. März 2019 rückt. Wenn sich die Befürchtung vieler Unternehmen bestätigt, dass bis Herbst keine Einigung in den Verhandlungen erzielt wird, gibt es schließlich auch keine Übergangsfrist, die den Unternehmen noch mehr Zeit für Vorbereitungen gäbe.“

Die Zahlen werden von einer anderen Studie untermauert: Auch die Anwaltskanzlei Baker McKenzie kam bei einer europäisch angelegten Umfrage zu dem Ergebnis, dass fast jedes zweite europäische Unternehmen wegen des Brexits seine Investitionen auf der Insel zurückfährt. Vor allem in Deutschland sei die Auffassung verbreitet, dass der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union schlecht für das Geschäft sei.

Immerhin jedes viertes Unternehmen, das von Deloitte befragt wurde, befürchtet, dass ein harter Brexit ohne Deal möglich sein könnte – mit entsprechend negativen Auswirkungen auf die Unternehmen. Vor allem in den Branchen Banken, Chemie, Konsumgüter, Technologie, Automobil und im Maschinenbau ist man besorgt.

Besonders die Aussicht, dass durch den EU-Austritt die Mobilität der Mitarbeiter eingeschränkt wird, macht die Unternehmer nervös, aber auch die Erwartung, dass Zölle eingeführt und neue Vorschriften anfallen, sorgt für Besorgnis. Dass die Firmen schlechteren Zugang zu den Angeboten der Londoner Finanzinstitute haben dürften, ist Punkt drei auf der Negativliste. Jedes achte Unternehmen aus der Automobilindustrie spürt bereits jetzt den Verlust von Aufträgen oder berichtet, dass die Nachfrage aus Großbritannien sinkt.

Die Versprechen einiger britischer Brexit-Befürworter, dass Großbritannien ohne „die Ketten der EU“ vor rosigeren Zeiten steht, wirken zusehends unrealistischer. In den Reihen der Brexiteers hatte man gehofft, dass sich Unternehmer – gerade aus der deutschen Automobilindustrie – für die Briten in den EU-Verhandlungen einsetzen würden und auf möglichst große Zugeständnisse hinwirken.

Aber, auch das zeigte die Umfrage von Deloitte, für die Mehrheit der Unternehmen steht weiterhin fest: Die EU ist der Heimatmarkt, der nicht gefährdet werden darf – auch wenn man dafür erst Abstriche machen muss.

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