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Bye, bye EU!

Viele deutsche Unternehmen sind beim Brexit bereits auf das Schlimmste vorbereitet.

(Foto: Bloomberg)

EU-Austritt So träfe ein harter Brexit die deutsche Wirtschaft

Deutsche Unternehmen bereiten sich auf einen ungeordneten EU-Austritt der Briten vor. Nun wird der schlechteste Ausgang immer wahrscheinlicher.
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Düsseldorf Am deutlichsten ist das Votum der Banken ausgefallen. Insgesamt 45 Institute wollten wegen des Brexits zügig ihre Präsenz nach Deutschland verlegen oder hier ausbauen, teilte der Chef der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin), Felix Hufeld, am Dienstag mit. Der Bafin-Chef bereitet sich inzwischen auf einen ungeordneten EU-Austritt der Briten vor – und tut es damit vielen Unternehmen gleich, die sich schon länger mit dem Worst Case beschäftigen.

Bereits in der vergangenen Woche hatten 1300 deutsche Unternehmen in einer Umfrage des Münchner Ifo-Instituts die Wahrscheinlichkeit eines harten Brexits auf 43 Prozent geschätzt. Doch nachdem das britische Parlament am Dienstagabend den Brexit-Deal von Premierministerin Theresa May abgelehnt hat, wird die Sorge um das deutsch-britische Handelsgefüge immer ernster.

„Das Risiko eines Austritts ohne Vereinbarung zwischen der EU und Großbritannien ist zwar immer noch gering, aber für die Wirtschaft nicht mehr zu ignorieren“, erklärte Ulrich Hoppe, Hauptgeschäftsführer der deutsch-britischen Industrie- und Handelskammer, dem Handelsblatt. „Die britische Politik zeigt sich in der Frage nach der Ausgestaltung des Brexits völlig zerstritten.“

Immer näher rückt nun der 29. März, an dem die Briten den europäischen Binnenmarkt verlassen werden – nach bisherigem Stand ohne Abkommen. Experten sind sich einig, dass ein harter Austritt mit zahlreichen Problemen verbunden wäre, die nahezu keines der rund 2500 deutschen Unternehmen in Großbritannien unberührt ließen.

So warnen etwa britische Hafenbetreiber vor kilometerlangen Staus, sollte sich die Abfertigung von Lkws wegen möglicher Zollkontrollen regelmäßig nur um wenige Minuten verzögern. Importeure auf beiden Seiten des Ärmelkanals schützen sich davor, indem sie ihre Lagerbestände erhöhten, beobachtet Hoppe. „Doch im Moment sind alle Kapazitäten ausgebucht.“

Mit einem Anteil von rund 30 Prozent am gesamten deutsch-britischen Exportvolumen von 84,4 Milliarden Euro zählen Autohersteller und -zulieferer zu den am stärksten betroffenen Segmenten. Dabei reagieren gerade die Autobauer besonders empfindlich auf Störungen in der Lieferkette: Oft haben sie aus Effizienzgründen ihre Prozesse so eng getaktet, dass ein Teil unverzüglich nach der Lieferung auch eingebaut wird.

Das dürfte im Falle eines harten Brexits zu einer großen Herausforderung werden. So passieren nach Angaben des Branchenverbands Acea täglich rund 1100 europäische Lkws die Grenze nach Großbritannien, nur um Teile für die Just-in-Time-Produktion der Autobauer zu liefern.

Volkswagen teilte noch am Abend mit, dass der Konzern die Entwicklungen sehr genau prüfe. Das Ergebnis der Abstimmung habe man mit Bedauern zur Kenntnis genommen. Es bedeute eine weitere Phase der Ungewissheit und Planungsunsicherheit.

BMW hatte schon vor einem Jahr bekanntgegeben, die ursprünglich für den Sommer geplanten Wartungsarbeiten am Standort in Oxford auf den April vorzuverlegen, um so mögliche Engpässe vorerst zu vermeiden. Doch dass ein Monat ausreicht, um die offenen Fragen zu klären, ist derzeit unwahrscheinlich.

Denn nicht nur Lieferketten, auch zahlreiche Zulassungen sind bedroht, sollten die Briten die EU im März ohne Abkommen verlassen. Vor allem Chemie- und Pharmafirmen dürfte es vor große Probleme stellen, sollten sie ihre Produkte künftig doppelt zulassen müssen – einmal für den britischen, einmal für den europäischen Markt.

Allein die Zollkosten schätzt der Verband der Chemischen Industrie (VCI) auf 200 Millionen Euro pro Jahr, bei einem Exportvolumen von zuletzt rund 11,2 Milliarden Euro. Noch größere Belastungen erwartet der VCI für den Fall, dass sich die Regulierungen beispielsweise für Pestizide in Großbritannien und der EU künftig unterschiedlich entwickeln.

Insgesamt könnten sich die Kosten eines chaotischen Brexits für die gesamte deutsche Wirtschaft auf neun Milliarden Euro summieren, schätzt die Strategieberatung Oliver Wyman. Der Großteil davon entfällt dabei mit rund drei Milliarden Euro auf die Automobilbranche, gefolgt von den Industriezweigen Chemie, Produktion, Lebensmittel und Konsumgüter, auf die demnach zusammen rund vier Milliarden Euro zusätzliche Kosten zukommen könnten.

Deutlich stärker indes dürfte dieses Szenario die Unternehmen in Großbritannien treffen, für die die Analysten die Kosten auf bis zu 32 Milliarden Euro taxieren. „Von einem harten Brexit profitiert keiner“, gibt auch Ulrich Hoppe von der deutsch-britischen Handelskammer zu bedenken.

Er zeigt sich noch optimistisch – und hofft auf eine Verlängerung der Verhandlungen zwischen der EU und Großbritannien. Zwar bedeute es auch Unsicherheit, das Austrittsdatum immer weiter hinauszuzögern, so Hoppe. „Aber ein ungeordneter Brexit wäre eine größere Unsicherheit.“

Doch dass die EU angesichts der deutlichen Ablehnung des Brexit-Deals durch die britischen Abgeordneten mit 432 zu 202 Stimmen von ihrer Position abweicht, scheint derzeit unwahrscheinlich. Für die Unternehmen heißt es daher bis auf Weiteres: das Beste hoffen – und auf das Schlimmste vorbereiten.

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