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Ex-Chef von Nissan und Renault Neuer Ghosn-Verteidiger hält Freilassung gegen Kaution für möglich: „Höhere Mächte am Werk“

Neuer Anwalt, neue Taktik: Der als „der Rasierer“ bekannte Verteidiger Hironaka versucht, Zweifel an den Vorwürfen gegen Carlos Ghosn zu säen. Bald wird sich zeigen, ob er Erfolg hat.
Update: 04.03.2019 - 12:25 Uhr Kommentieren
Der Automanager könnte laut seinem Anwalt schon bald auf Kaution freikommen. Quelle: dpa
Carlos Ghosn

Der Automanager könnte laut seinem Anwalt schon bald auf Kaution freikommen.

(Foto: dpa)

TokioVon der Untersuchungshaft aus geht Carlos Ghosn in die Offensive – mit neuem Anwalt. Junichiro Hironaka vertritt den Ex-Chef von Nissan und Renault. Im Februar hatte Ghosn, der seit November in Untersuchungshaft in Tokio sitzt, seinen bisherigen Anwalt gefeuert.

Der neue Verteidiger ist in Japan unter dem Spitznamen „der Rasierer“ bekannt. Denn in einem Land, in dem 99 Prozent der Angeklagten verurteilt werden, hat der ehemalige Staatsanwalt viele Freisprüche für prominente Klienten erkämpft.

Diese Ausnahmeleistung will er beim Fall Ghosn wiederholen. Das hat Hironaka an diesem Montag auf seiner ersten großen Pressekonferenz als Ghosn-Verteidiger versprochen: „Ich bin 73 Jahre alt geworden. Aber ich will nun testen, wie scharf meine Rasierklinge noch ist.“

Hironakas erste Bewährungsprobe: Die Freilassung des ehemaligen Doppelchefs von Renault und Nissan auf Kaution zu erwirken. Seit Ghosns Inhaftierung ergänzen die örtlichen Staatsanwälte die Anklagepunkte und haben dem Automanager bereits mit zehn Jahren Haft gedroht.

Die Vorwürfe: Ghosn hätte sein Gehalt von Nissan nur zur Hälfte in Unternehmensbilanzen offengelegt. Außerdem ist er der schweren Untreue angeklagt, weil er während der Weltfinanzkrise Verluste aus persönlichen Anlagegeschäfte kurzfristig zu Nissan verschoben haben soll.

Während in anderen Ländern Angeklagte oft auf Kaution entlassen werden, ist das in Japan selbst bei Prominenten die absolute Ausnahme – wie Ghosn am eigenen Leib erfahren musste. Im Gegensatz zum ebenfalls angeklagten Vertrauten Ghosns, Greg Kelly, der auf Kaution freigekommen war, blitzte Ghosns erster Anwalt Motonari Otsuru zwei Mal mit Kautionsanträgen ab. Stattdessen sollte Ghosn wohl noch sechs Monate in Haft bleiben.

Hironaka hat am vergangenen Donnerstag seinen ersten Freilassungsantrag gestellt und stimmte optimistische Töne an: Er denke, dass Ghosn möglicherweise in der nahen Zukunft entlassen würde. Allerdings geizte Hironaka mit handfesten Gründen für seinen Optimismus.

Ghosns neuer Anwalt appelliert an die Öffentlichkeit

Er werde eine neue Strategie verfolgen, versprach er zwar. Aber wie die aussehen könnte, behielt er auch trotz Nachfragen für sich. Hironakas Verhalten legt nahe, dass er ohne Belege mehrere Spuren zu Verschwörungstheorien legt und versucht, Zweifel an der Anklage zu säen. Ghosn selbst hatte bereits in Interviews behauptet, der ganze Fall beruhe auf „Machenschaften und Verrat“.

Hironaka nimmt nun diese Spur auf. Er hielt eine Kooperation von Nissan und dem japanischen Wirtschaftsministerium für möglich, um Renaults Versuche einer Fusion unter französischer Führung zu vereiteln. Derzeit bereiten sich beide Konzerne auf eine harte Diskussion ihrer Allianz vor, deren Machtverhältnisse in Japan als unfair gelten. Denn Renault hält 43 Prozent an Nissan, während die Japaner doppelt so groß wie Renault und der technische Motor der Allianz sind.

Als Quelle für seine Vermutungen nannte Hironaka allerdings lediglich Zeitungsberichte – und stellte die Vorwürfe gegen seinen Mandanten in Frage. Denn viele davon seien zehn Jahre oder länger zurückdatiert. Zudem hat Nissan Hironaka zufolge teilweise von den Fällen gewusst. Wenn man gesunden Menschenverstand anlege, scheine der Fall keine strafrechtliche Verfolgung zu rechtfertigen, appellierte der neue Anwalt an die japanische Öffentlichkeit.

Diese Taktik ist nicht ungeschickt: Denn in Japan glauben inzwischen viele Rechtsexperten, dass die Anklage auf schwachen Beinen steht. Gleichzeitig hat der Fall im Land die Diskussion über die Reform des Ermittlungssystems mit seinen harten Haftbedingung verstärkt.

Hironaka selbst wies daher darauf hin, dass der Fall Ghosn „sowohl historisch als auch gesellschaftlich große Bedeutung hat“. Denn noch nie zuvor hat die sehr harte Behandlung von Verdächtigen in Japan für derart viel Aufmerksamkeit gesorgt – sowohl international als auch für national.

So haben westliche Medien bemängelt, dass Verdächtige in Japan bis zu 23 Tage ohne Beisein ihrer Anwälte verhört werden können, bevor die Staatsanwälte überhaupt Anklage erheben müssen. Auch die Haftbedingungen gerieten in den Fokus, seit Ghosn dank der kargen Knastkost mehrere Kilogramm an Gewicht verloren hatte.

Durch den Druck der französischen Regierung auf Renault, eine Fusion mit Nissan voranzutreiben, erhielt der Fall zudem eine wirtschaftspolitische Komponente. Dass beide Regierungen diskutieren, ist kein Geheimnis. Ghosns Anwalt wollte daher den Einfluss eines „höheren Willens“ auf den Fall nicht ausschließen.

Nissan wehrt sich gegen Verschwörungstheorien

Nissan wehrt sich allerdings gegen die Anspielungen von Ghosns neuem Verteidigerteam. Neben den strafrechtlichen Ermittlungen hätten Nissans interne Untersuchungen „offenkundiges, unethisches Verhalten“ aufgedeckt, so das Statement des japanischen Autobauers.

Die hätten dazu geführt, dass Nissans Vorstand Ghosn und Kelly von ihren Funktionen als Verwaltungsratsvorsitzenden und repräsentativen Direktor entbunden habe. Inzwischen hat auch Renault Ghosn abgewählt und durch Jean-Dominique Senard als Vorsitzenden und den bisherigen Vize Thierry Bollore als CEO ersetzt.

Zudem deutete Nissan an, dass die Untersuchungen noch mehr Unregelmäßigkeiten zu Tage fördern würden. Gleiches könnte auch bei der Staatsanwaltschaft passieren. Das weiß auch Ghosns Anwalt. Die Möglichkeit einer erneuten Verhaftung Ghosns unter neuen Anklagepunkten könne nicht bestritten werden.

Aber Hironaka vertraue auf die Justiz. „Ich glaube, dass höhere Mächte am Werk sind“, sagte Ghosns neuer Anwalt. Er denke, dass Japans Richter überzeugt werden könnten, dass hinter der Verhaftung auch wirtschaftliche Interessen stecken. Schon diese Woche dürfte feststehen, ob Hironaka recht behält. Die Entscheidung über seinen Kautionsantrag wird in den kommenden Tagen erwartet.

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