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Ferdinand Piëch sagt im VW-Prozess aus Ein König und zwei lästige Untertanen

Der Prozess um Korruption bei VW geht in die nächste Runde. Am Mittwoch war Firmenpatriarch und Autokönig Ferdinand Piëch als Zeuge geladen und sagte aus. Die Angeklagten hofften auf Strafmilderung, falls sich der Verdacht auf Piëchs Mitwisserschaft erhärten sollte.
Autokönig Ferdinand Piëch sagt vor dem Landgericht Braunschweig aus. Quelle: Reuters

Autokönig Ferdinand Piëch sagt vor dem Landgericht Braunschweig aus. Quelle: Reuters

BRAUNSCHWEIG. Dies ist eine kleine Geschichte, die von Größe handelt. Man könnte auch sagen: von Maßen und Maßstäben. Sie handelt von einem, der oft König genannt wird eines Reiches von ordentlichen Ausdehnungen, der sich aber nun, da sich in diesem Reich böse Dinge zugetragen haben, in die Provinz herab begeben und sich dort fragen lassen muss, ob er von den Machenschaften wusste (oder ob er sie gar befohlen hat). Und der jetzt, am Mittwoch, vom Rücksitz einer schwarzen Tiguan-Limousine, auf einen einfachen, farblosen Zeugenstuhl wechselt - wo er zu schweigen oder aber die Wahrheit zu sagen hat. "Wenn nicht", belehrt ihn Richterin Gerstin Dreyer, "machen Sie sich strafbar".

Die Rede ist von Ferdinand Piëch, dem Großen, dem VW -Aufsichtsratschef und Porsche -Enkel, dem deutschen Autokönig. Im großen Saal des Landgericht Braunschweigs wirkt er einfach nur wie ein kleiner Mann im edlen, dunkelblauen Zwirn. Vielleicht ein Meter dreiundsiebzig. Wenn der 70-jährige lächelt, und das tut er mechanisch, sieht es so aus, als blecke er die Zähne. Die Augen schauen dabei wolf-wachsam in die Menge. Auf Zurufe der Fotografen reagiert er nicht. Er gibt sich nicht zum Abschuss frei.

Der VW -Korruptionsprozess geht in die nächste Runde, Piëch ist als Zeuge geladen, aber es wird auch darum gehen, ob er selbst von Huren auf Firmenkosten und Bakschisch für Betriebsräte wusste. Keine Frage, er empfindet seinen Auftritt hier als Belästigung. "Die Volkswagen AG", gibt er gleich seinen Maßstab für dieses Verfahren zum besten, "hat eineinhalb Mal so viele Mitarbeiter wie Braunschweig Einwohner."

Aber so ist das nun mal in Gerichtssälen, in Strafprozessen: Sie zwingen auch Könige ins Normalmaß. Angeklagte, einst mächtig, oder Zeugen, noch mächtig - hier sind sie ihrer Unantastbarkeit beraubt. Hier können sie vielleicht schweigen oder lügen: aber sie müssen auf dieselben unbequemen Bänke und Stühle, auf die jeder muss. Und sie müssen sich Zurechtweisungen gefallen lassen, auch wenn sie diese nur äußerst selten erfahren. "Nun lassen Sie mich mal", unterbricht Anwalt Wolfgang Kubicki einmal Piëchs Redefluss. Da schaut der Firmenlenker indigniert.

Das Maß dieses Tages, das Maß der Herabschrumpfung, sind aber eher die geschätzten zehn Meter in vertikaler und einen Meter in horizontaler Richtung: Richterin Dreyer, immer mit der ihr eigenen leicht unsicher klingenden Stimme, sitzt weit weg von Piëch. Und sie thront - trotz eines Einkommensunterschiedes von sicher vielen Millionen - weit über ihm. Die Richterbank ist hoch gebaut. Dreyer fragt, wenn auch höflich, von oben herab.

Herrn Piëch aber, den König, stört das nicht sonderlich. Er hat auf alles eine Antwort parat, wenn auch vieles im Ungefähren bleibt. "Kann sein, weiß ich nicht", sagt er oft mit gefrierendem Grinsen, "ist mir nicht bekannt" oder "in meiner Erinnerung nie."

Kein Wissen über das, was los war in seinem Reich, bei VW? Kleine Gedächtnisstütze: Da sind die beiden Angeklagten zur rechten, die reichlich mit Geld und Frauen hantiert haben, und das alles auf Konzernkosten. Untreue im Juristendeutsch. Der eine, der Ex-Betriebsratschef Klaus Volkert, soll unter anderem Sonderboni in Millionenhöhe verlangt und erhalten haben. Seine Geliebte wurde zugleich per Scheinvertrag von VW ausgehalten. Der andere, Klaus-Joachim Gebauer, organisierte Lustreisen, um die Betriebsräte "kooperationsbereit" zu halten.

Doch beide behaupten, dass sie nur bessere Knechte waren, dass der König, von 1993 bis 2002 Vorstandsvorsitzender, höchstselbst zumindest Bescheid wusste, was sie trieben. Strafmilderung ist die Strategie der Angeklagten, denn dem Hochwohlgeborenen seien jedenfalls auch die Niederungen seines Reiches bekannt gewesen.

Und es sind tatsächlich Dokumente aufgetaucht, die Fragen nach Piëchs Mitwisserschaft zumindest aufwerfen. Warum steht seine Unterschrift unter einer exorbitant hohen Rentenzusage an Volkert? Was ist mit dem Brief des Ex-VW -Mitarbeiters Holger Sprenger an Piëch, in dem sich schon 2003 Hinweise auf das dubiose Spesenkonto 1860 finden, über das Bordellbesuche und sonstiges abgerechnet wurden? Und der anonyme Zeuge, der von einer Einweihung Piechs wissen will?

Der König liest seine Erwiderung vom Blatt ab. Sein Maßstab - 5 000 bis 7 000 Kostenstellen im Konzern. "Angesichts dessen gab es keinerlei Anlass, sich jemals mit dem Konto 1860 zu beschäftigen", sagt Piëch. Und Volkerts Geliebte? Es gab Gerüchte. "Aber Gerüchten über Privates gehe ich nicht nach." Und die Sonderboni an Volkert? "Keinerlei Kenntnis."

Es stimme es zwar, dass Volkert ihn einmal um mehr Geld angegangen sei, fügt Piëch an. Er habe dem auch zugestimmt, dass Volkert "wie ein Topmanager" bezahlt werden sollte. Aber alles weitere habe der mittlerweile verurteilte Ex-Personalvorstand Peter Hartz erledigt. Delegieren, lautet das Stichwort, auf das der König sich zurückzieht - ungeachtet dessen, dass er im Konzern den Ruf eines Kontrollfreaks hat.

"Delegieren", betont Piëch, dass erkläre auch seine Unterschrift neben der von Hartz unter der Rentenerhöhung für Volkert: "Ich habe in den 10 Jahren als Vorstand tausende Briefe unterschrieben." Und viele davon ohne nähere Prüfung, "wenn ich zum zuständigen Mann Vertrauen hatte." Den Brief von Ex-Mitarbeiter Sprenger habe er im übrigen nie erhalten. Er trage ja auch keinen Stempel seines Büros.

Piëch pariert die Fragen von Gericht, Staatsanwaltschaft und den Verteidigern der Angeklagten zunehmend entspannt, mal mit kühler Arroganz, mal mit schneidendem Witz. Als Gebauer-Anwalt Wolfgang Kubicki einmal von der Auto-Marke "Lambordschini" spricht, korrigiert Piëch: "Das heißt Lamborghini". Später fügt er hinzu: "Wer sich einen leisten kann, kann den Namen natürlich aussprechen, wie er will."

Der König ist längst Herr der Lage, und deshalb braucht er auch seinen Prinz nicht. Der sitzt neben ihm im Zeugenstand und ist zwei Köpfe größer. Matthias Prinz, Medien-Anwalt und Verteidiger von Promi-Ehren ist bekannt für sein scharfes Schwert, das er vornehmlich gegen Journalisten führt. Auch für Piëch hat er schon gestritten, beispielsweise um die Beschreibung des Königs Kleider in Gestalt einer Krawatte oder gegen unautorisierte Biographien. Deshalb ist Vorsicht geboten, hier und heute - auch mit Vergleichen - dergestalt etwa, dass Prinz ein wenig an Schlagerbarde Jürgen Marcus erinnern könnte, ob seiner blonden Fönfrisur (was hier mitnichten behauptet werden soll).

Prinz muss niemanden auf Distanz halten, dass erledigt Piëch selbst. Was er getan hätte, wenn er von den Vorgängen im Reich gewusst hätte? Er hätte seine "schärfte Polizei reingeschickt" in den Konzern, die Revision. Und wie wäre Piëch mit demjenigen umgegangen, der offensichtlich das Abrechnen von Vertrauensspesen ohne Gegenzeichnung eines Vorstands erlaubte? "Dem hätte ich ein gutes Zeugnis gegeben und zum Wettbewerber geschickt." Strafe ist schlau und bittemandelsüß im Reich des Ferdinand Piëch.

Um 12 Uhr geben die Verteidiger von Gebauer und Volkert auf, allerdings nicht, ohne auf einen Personenschützer Piëchs im Saal hinzuweisen. Köpfe schnellen herum. Ein ehemaliger Kriminalkommissar, einst Sicherheitschef bei VW, nun des Königs persönliche Leibgarde. "In meiner Heimat", sagt der in Salzburg lebende Piëch, und es ist einer seiner letzten Sätze, "brauch ich den nicht".

Dann entschwindet der König in die Katakomben der Justiz, raus aus dem Saal durch die Seitentür, zurück auf den bequemen Rücksitz seiner großen Limousine. Vor ihm geht der Prinz, hinter ihm sein Ritter.

Später wird sein ehemaliger Vorstandskollege, Jens Neumann, ebenfalls behaupten, von den Machenschaften im Volkswagen -Reich nichts gewusst oder geahnt zu haben. "Keine Kenntnis", hallt es Piëch hinterher.

Und so bleibt am Ende dieser kleinen Geschichte der Eindruck, dass das kein ganz großer Auftritt des Auto-Königs war, aber zumindest einer, der viel Abstand zwischen ihn, die Angeklagten und die Strafverfolger gebracht hat.

Sollte es ein Korruptionssystem Piëch gegeben haben, dann jedenfalls ist nichts bewiesen, aber viel behauptet worden. Im Landgericht Braunschweig ist es nicht sichtbar geworden.

Und das ist wohl der einzige echte Maßstab für ein Gericht - und auch für einen Konzernlenker. Dass bald wieder Ruhe einkehrt in seinem Reich und er unbehelligt weiterregieren kann.

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