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Finanzierung Warum sich immer mehr deutsche Biotechs ihr Kapital in den USA besorgen

Deutsche Biotechs orientieren sich bei der Finanzierung stark in Richtung USA. Hierzulande fehlen finanzielle Mittel und politische Unterstützung.
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Deutsche Biotech-Konzerne suchen Geldgeber im Ausland. Quelle: DigitalVision/Getty Images
Auf Investorensuche

Deutsche Biotech-Konzerne suchen Geldgeber im Ausland.

(Foto: DigitalVision/Getty Images)

FrankfurtAuf den ersten Blick sieht die Statistik der deutschen Biotechbranche gut aus: Umsätze und die Mitarbeiterzahlen wachsen, bei der Finanzierung wird sogar ein neues Rekordniveau erreicht. Rund 1,24 Milliarden Euro flossen im vergangenen Jahr in die hiesige Branche, fast doppelt so viel wie im Jahr zuvor. Das zeigt der neue Branchenreport der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY und des Verbands Bio Deutschland.

Doch schon der zweite Blick zeigt die Misere der deutschen Biotechbranche. Für den hohen Anstieg bei den Investitionen sind vor allem wenige Ausnahmetransaktionen verantwortlich – wie etwa bei der Mainzer Firma Biontech (228,8 Millionen Euro), Qiagen (424 Millionen Euro) und Morphosys (203 Millionen Euro). Diese herausgerechnet, sank die Finanzierungssumme in Deutschland 2018 um 38 Prozent. Das heißt: In der Breite bekommen die rund 650 Unternehmen der Branche also weiterhin nicht genügend Mittel.

Das Grundproblem der Branche: „Es fehlt ein Kapitalökosystem, durch das Innovation in Deutschland systematisch in die Spur gebracht wird“, erläutert Studienautor Siegfried Bialojan, Leiter des deutschen Life Science Centers von EY. Im Vergleich zu den USA, wo der Kapitalmarkt traditionell eine wesentlich bedeutendere Rolle spielt, fällt Deutschland bei der Finanzierung immer weiter zurück. Jenseits des Atlantiks erreichten die Investitionen in Biotechnologiefirmen im vergangenen Jahr ein neues Allzeithoch von 46,2 Milliarden Dollar – ein Wachstum von 34 Prozent.

Das positive Umfeld in den USA bewegt inzwischen immer mehr deutsche Unternehmen, sich ihr Kapital in den USA zu besorgen. Dort bringen Investoren nicht nur weitaus größere Finanzressourcen und Risikobereitschaft mit. Geldgeber und Analysten verfügen auch über deutlich tiefere Kenntnisse in der Biochemie und Medizin – und damit auch größeres Know-how in der Beurteilung junger Biotech-Unternehmen. Tendenziell sind die Bewertungen für vergleichbare Biotechfirmen in den USA damit höher als in Deutschland und Europa.

Höhere Risikobereitschaft

Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund hat die Mainzer Biontech ihre Investorenbasis im vergangenen Jahr ganz gezielt in den USA verstärkt. Im Zuge der bisher größten privaten Finanzierungsrunde eines deutschen Biotechunternehmens holte Biontech Anfang 2018 auf einen Schlag umgerechnet knapp 229 Millionen Euro.

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Neben den bisherigen Hauptfinanciers, den Brüdern Strüngmann und den MIG-Fonds, waren daran maßgeblich US-Investoren wie Redmile, Janus Henderson und Fidelity beteiligt. Ziel war laut dem Aufsichtsratsvorsitzenden Helmut Jeggle, langfristig orientierte Investoren hereinzunehmen, „die von Biontech überzeugt sind und die Technologie des Unternehmens verstehen“. Zugleich ging es dem Unternehmen aber auch darum, mit diesem Schritt bereits einen Gang an den US-Kapitalmarkt vorzubereiten, der Ende 2019 oder 2020 erfolgen könnte. 

Biontech arbeitet an völlig neuartigen Immuntherapien gegen Krebs und andere Erkrankungen und versteht sich als Plattformunternehmen. Wie gut die Technologie der Mainzer funktioniert, muss sich erst noch in diversen klinischen Studien zeigen. Aber schon heute sind hohe Investitionen für die Forschung und die Vorbereitung der Produktion erforderlich. Investoren müssen daher relativ hohe Risiken tragen, bevor klar ist, ob die Technologien kommerziell erfolgreich sein können. 

US-Geldgeber haben damit wenig Probleme, wie etwa der Rekord-Biotechbörsengang der US-Firma Moderna zeigt. Moderna arbeitet an ähnlichen Technologien wie Biontech und bewegt sich ebenfalls in einem frühen Forschungsstadium. Die US-Firma holte beim Börsengang im vergangenen Dezember rund 600 Millionen Dollar frisches Kapital herein und wird nun mit insgesamt 8,5 Milliarden Dollar bewertet.

Paradebeispiel für die Attraktivität der US-Technologiebörse Nasdaq ist auch das erfolgreiche Listing der Morphosys AG. Der Münchener Antikörper-Spezialist, der in Deutschland bereits seit den 90er-Jahren an der Börse notiert ist, ging im April 2018 zusätzlich an die Nasdaq. Es wurden weitere Aktien im Volumen von knapp 200 Millionen Euro ausgegeben. Morphosys konnte diese bisher größte Kapitalerhöhung in der Firmengeschichte nicht nur mühelos platzieren. Auf den Gang an die New Yorker Börse folgte vielmehr auch noch ein mehr als 20-prozentiger Kursanstieg. 

Auch für die Jenaer Biotechfirma Inflarx erwies sich die Notierung an der Nasdaq als klarer Erfolg. Das junge Unternehmen, das an neuartigen Medikamenten gegen Entzündungen arbeitet, holte im November 2017 im Zuge eines IPOs umgerechnet rund 90 Millionen Euro an frischem Kapital herein und bringt an der Nasdaq inzwischen einen Börsenwert von knapp 1,1 Milliarden Dollar auf die Waage.

Auf eine ähnliche Erfolgsstory hofft nun das 2016 gegründete Münchener Arzneiunternehmen Immunic. Über eine Fusion mit der an der Nasdaq gelisteten Firma Vital Therapies wollen die Münchener voraussichtlich noch diese Woche auf dem US-amerikanischen Börsenparkett starten.

Nachdem Viral Therapies im vergangenen September das Scheitern seines Wirkstoffkandidaten bekanntgeben musste und über Nacht quasi vor dem Nichts stand, schlüpfte Immunic im Zuge eines sogenannten Reversed Mergers unter das Dach von Vital Therapies. So kommt die deutsche Biotechfirma auf schnellem und vergleichsweise kapitalschonendem Weg zur Börsennotierung.

Per Fusion an die Nasdaq

„Wir haben im vorigen Jahr über verschiedene Optionen nachgedacht, wie wir unseren weiteren Finanzierungsbedarf sichern können“, sagt Immunic-CEO Daniel Vitt. Das selbsterforschte Leitmolekül an eine Pharmafirma per Lizenz zu vergeben war damals keine Option. Der Fokus lag darauf, die Pipeline selbst weiterzuentwickeln. Der langfristige Finanzierungsbedarf für die nächsten klinischen Studien war für eine zweite klassische europäische Finanzierungsrunde mit Venture Capital allerdings eher zu hoch. Und auch mit einem europäischen Börsengang an der Euronext in Amsterdam hätte Immunic wohl nicht das nötige Kapital bekommen.

Über Kontakte im Netzwerk bahnte sich dann das Gespräch mit Vital Therapies an. Die Vital-Aktionäre, die vergangenen Freitag diesem Deal mit einer Quote von fast 99 Prozent zugestimmt haben, halten an dem fusionierten Unternehmen rund elf Prozent, 89 Prozent entfallen auf die Aktionäre der bisherigen deutschen AG.

Die neue Firma wird Immunic Inc. heißen. Das junge Biotechunternehmen ist auf die Entwicklung von oralen Therapien für chronische Entzündungs- und Autoimmunerkrankungen spezialisiert und hat mittlerweile drei Wirkstoffkandidaten im Portfolio. Der am weitesten erforschte Kandidat wird in der zweiten klinischen Studienphase gegen die Darmerkrankungen Morbus Crohn sowie Collitis Ulcerosa erforscht.

Im Rahmen der Transaktion mit Viral Therapies geben auch die bestehenden Investoren von Immunic weitere Mittel in Höhe von 26 Millionen Euro, darunter Life Science Partners, der High Tech Gründerfonds, Omega Funds und Fund+. Die Entwicklung der Pipeline ist damit laut dem Unternehmen bis ins dritte Quartal 2020 gesichert. Hinzu kommen dann neue Möglichkeiten der Kapitalbeschaffung an der Nasdaq.

Ein echter IPO in den USA hätte vermutlich sechs bis sieben Millionen gekostet, meint Immunic-CEO Vitt. So kann das Unternehmen die Kosten für die Transaktion aus den Barmitteln von Viral Therapies finanzieren, die auf etwa fünf Millionen Dollar beziffert werden. Allerdings muss Immunic nun noch in den USA auf Roadshow gehen, um sich bei den Investoren bekannter zu machen.

„Wir halten die Idee, die Immunic mit dem Reversed Merger entwickelt hat, für außerordentlich clever. Und für den gesamten Markt auch für sehr wichtig“, sagt Michael Brandkamp, Geschäftsführer des High-Tech-Gründerfonds und ergänzt: „Wir brauchen Alternativen zu den klassischen Verkäufen der Wirkstoffkandidaten an die Pharmaunternehmen. Auch um in den Verhandlungen mit den Pharmaunternehmen gute Karten zu haben sind Alternativen wie ein Börsengang wichtig“, so der Investor weiter.

Grundsätzlich gibt es seiner Meinung nach genügend Finanzierungsmittel in Europa. „Das Problem ist, dass es zu viele Börsenplätze gibt, an denen die Liquidität dann zu versickern droht.“ In den USA konzentrieren sich die Finanzmittel auf ein bis zwei Börsenstandorte, in China auf drei. „So kann die Liquidität auch in Orchideenwerte fließen, die dann die Chance haben, sich vernünftig entwickeln zu können, und dann eben auch vernünftig bewertet werden“, sagt Brandkamp.

Die Entscheidung von Unternehmen, sich bei der Suche nach Kapital in der vielversprechenden US-Szene umzutun, kann Biotechexperte Bialojan von EY im individuellen Fall sehr gut nachvollziehen. Gleichwohl sieht er ein schwerwiegendes volkswirtschaftliches Problem: Mit jedem IPO einer deutschen Firma an der Nasdaq wird Know-how aus Deutschland exportiert – die Branche kommt hierzulande selbst nicht voran.

Weniger Neugründungen

Als alarmierend wertet Peter Heinrich, Vorstandsvorsitzender des Branchenverbands Bio Deutschland, dass die Zahl der Neugründungen in der deutschen Biotechbranche weiter zurückgeht. Nach 27 Firmen im Jahr 2017 gingen im vergangenen Jahr gerade noch 15 Unternehmen neu an den Start. Die meisten davon mit einer Dienstleistung als Geschäftsmodell. Auf die kapitalintensive Entwicklung von Therapeutika ließen sich gerade mal drei der neugegründeten Firmen ein.

„Wir brauchen in Deutschland wieder eine Kultur des Mutes und der Risikobereitschaft“, fordert Heinrich auch mit Blick auf die Politik. Ein echter politischer Wille zu Investitionen in Technologieunternehmen sei nötig, ebenso wie klare Anreize für anlagesuchendes privates Kapital – etwa steuerfreie Erlöse bei langfristiger Bindung, so die Autoren des Biotechreports.

Den nationalen Kapitalmarkt weiter austrocknen zu lassen und statt dessen mit halbherzigen staatlichen Förderprogrammen zu agieren bezeichnen die EY-Experten als Holzweg. „Auch noch so ambitionierte politische Ziele wie die Schaffung einer Agentur für Sprunginnovationen werden ohne innovationsorientierten Kapitalmarkt ins Leere laufen müssen“, sagt Holger Zinke, Gründer des mittlerweile börsennotierten Biotechunternehmens Brain.

 Dass deutsche Biotechunternehmen grundsätzlich in der Lage sind, Innovationen auf Spitzenniveau zu liefern, zeigt laut Biotechreport der deutliche Anstieg der Allianzen mit Pharma- und Biotechfirmen. Gegenüber 2017 hat sich das Volumen mehr als verdoppelt und lag im vergangenen Jahr bei insgesamt 7,4 Milliarden Euro.

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