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Flugzeugbauer Airbus will zum Google der Luftfahrt werden

Der Konzern baut die Plattform Skywise mit aller Kraft aus und wandelt sich zum Datenkonzern. Hilfe erhält Airbus vom US-Datenspezialisten Palantir.
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Airbus will mit Skywise zum Google der Luftfahrt werden Quelle: mauritius images
Bodencrew an einem A380

Airbus will mit der Datenplattform Skywise die Kosten für Flugzeugbetreiber deutlich senken.

(Foto: mauritius images)

ParisEuropas Vorzeigeunternehmen Airbus durchläuft eine radikale Veränderung. Noch besteht das Geschäft nur darin, Rumpfteile, Flügel, Motoren und Elektronik zu Flugzeugen und Hubschraubern zusammenzufügen. Doch unter der Hand wandelt sich der deutsch-französisch-spanische Konzern zum Betreiber einer Datenplattform und Verkäufer von Apps. Aus dem Industriekonzern könnte in wenigen Jahren ein Datenunternehmen werden.

Damit verwirklicht sich, was der scheidende Airbus-Chef Tom Enders vor knapp drei Jahren angestoßen hat. In einem Brief forderte er alle Mitarbeiter auf, „die Zukunft der Luftfahrt vor dem Hintergrund eines immer schnelleren technologischen Wandels zu definieren und zu verwirklichen“.

Damals dürfte er selbst nicht genau gewusst haben, was das bedeutete: Irgendwas zwischen flacheren Hierarchien, schnellerer Entwicklung neuer Produkte und der Abwehr gefräßiger Digitalkonzerne aus Kalifornien war gemeint.

Heute hat die Zukunft einen Namen: Skywise. Offiziell vor anderthalb Jahren gestartet, stellte Airbus anfangs vor allem eine Leistung dieser Plattform heraus. Sie analysiert die Millionen von Daten, die während des Betriebs eines Flugzeugs gesammelt werden, um eine Nahaufnahme seines Zustands zu bekommen. Damit wollte man herausfinden, wie sich durch vorbeugende Wartung Defekte und Ausfallzeiten vermeiden ließen.

Mittlerweile macht Airbus deutlich, dass der eigene Ehrgeiz darüber hinausgeht. Skywise wird zu einer neuen Form, Flugzeuge zu entwickeln, zu bauen, und zu betreiben. Mit einer frühen Version davon hat Airbus seine neuen Modelle A 350 und A 320 neo designt. Inzwischen integriert das Unternehmen auch Zulieferer. Damit können Lieferprobleme früh erkannt und kostspielige Zeitpuffer aus der Lieferkette genommen werden.

Der Airbus-Chef hat das Datenprojekt vor knapp drei Jahren angestoßen. Quelle: AFP
Tom Enders

Der Airbus-Chef hat das Datenprojekt vor knapp drei Jahren angestoßen.

(Foto: AFP)

Ausrüster, die komplexe Komponenten an Airbus liefern, sehen oft eine um mehrere Tage verlängerte Lieferfrist vor. Im Falle von Schwierigkeiten wollen sie noch Spielraum haben. Ein kompletter Überblick über die Kette in Echtzeit macht das überflüssig und beschleunigt die Herstellung.

Die Skywise-Plattform ist die Antwort von Airbus auf die Gefahr, von Datengiganten wie Google oder ganz neuen, schnellen Marktteilnehmern erschüttert zu werden. „Wir wollen nicht das Rad neu erfinden, Google oder andere kopieren“, sagt Marc Fontaine, für den digitalen Wandel zuständiges Vorstandsmitglied von Airbus. „Unser Ziel ist es, die wichtigsten Applikationen und die Architektur der Plattform zu kontrollieren.“

Die wichtigste Daten-Drehscheibe der kommerziellen Luftfahrt

Der Start von Skywise war ungewiss. Wie viele Airlines würden wohl bereit sein, ihre Daten – die ihr Eigentum sind und bleiben – auf die Plattform hochzuladen und damit einen Schatz zu gründen, den sich alle teilen, die mitmachen? Anfangs, also Mitte 2017, war es nur ein knappes Dutzend. Doch mittlerweile sind laut Fontaine 30 Fluggesellschaften mit 3000 Jets auf Skywise vertreten.

Im kommenden Jahr erwartet der Manager den großen Sprung. „Wir denken, dass wir Ende 2019 etwa 60 bis 70 Prozent der weltweiten Flotte (von derzeit rund 23.500 Passagierjets) auf der Plattform haben werden“, sagt der Bretone fast beiläufig. Darunter wären dann auch viele Flieger des Erzrivalen Boeing. Dessen Daten darf Airbus einstellen, aber selbst nicht einsehen.

Was Fontaine nicht hervorhebt: Wenn Airbus wirklich in einem Jahr zwei Drittel der Zivilflugzeuge auf die eigene Plattform gezogen haben sollte, wäre Skywise die wichtigste Daten-Drehscheibe für den kommerziellen Luftverkehr. Die altehrwürdige Flugzeugschmiede würde zu einer Art Google der Fliegerei, ein Datenunternehmen, an dem niemand vorbeikommt.

Wir denken, die Industrie kann ihren jährlichen Aufwand um 50 Milliarden Euro verringern. Marc Fontaine, Airbus-Digitalvorstand

Möglich ist dieser rasante Aufstieg nur durch ein Bündnis, das manche Beobachter als Pakt mit dem Teufel ansehen. Airbus hat für die Datenanalyse das US-Unternehmen Palantir gewählt. An dessen Wiege stand der US-Geheimdienst CIA als Geldgeber. Noch heute arbeitet Palantir eng mit verschiedenen Diensten zusammen, darunter auch mit der französischen DGSI.

Fontaine weicht der Auseinandersetzung über diesen heiklen Punkt nicht aus. „Wir sehen die Kritik daran, dass wir Palantir gewählt haben, aber was die Analyse großer Datenmengen angeht, sind sie allen Wettbewerbern zwei bis drei Jahre voraus.“

Konkurrent Boeing ist früher gestartet

Das liege nicht zuletzt auch an der Kooperation mit Geheimdiensten. Denn die sammelten sehr heterogene Daten, aus denen sie relevante Informationen herausfiltern müssen. Vor einem ähnlichen Problem stehe man bei Aufzeichnungen während des Flugbetriebs verschiedener Unternehmen, die aus völlig unterschiedlichen IT-Systemen stammen.

Airbus fühle sich gegenüber Palantir, dessen Name aus „Herr der Ringe“ stammt, völlig sicher, meint Fontaine. Man habe die eigenen Bedingungen durchgesetzt. Die Daten lagerten auf Servern in Europa, Palantir habe sich in Frankreich und Deutschland niedergelassen. „So bleiben die Talente, die an Skywise arbeiten, in Europa.“ Airbus selbst habe seine Kompetenz verbessert und 400 Spezialisten eingestellt.

Und nicht zuletzt ist der Frankreichchef von Palantir ein alter Bekannter: Fabrice Brégier, der frühere Stellvertreter von Tom Enders. Im vergangenen Jahr verlor er einen Machtkampf gegen den Deutschen und schied im Februar 2018 aus. Nun ist er wieder da, leitet seit September Palantir in Paris.

Ob die Erwartungen in Erfüllung gehen, die man in Toulouse hegt, das hängt auch von Boeing ab. Die Amerikaner sind mit ihrem Konkurrenzangebot «AnalytX» ein paar Monate früher gestartet. Auf der Farnborough Airshow im Juli 2017 gaben sie eine Kooperation in Sachen Datenanalyse mit sechs Airlines für 500 Flugzeuge bekannt, darunter All Nippon Airways, British Airways und Delta. Bei manchen ging es um prädiktive Wartung, bei anderen um Treibstoffmanagement.

Heute bietet Boeing „drei verschiedene Produkte und Services an, die unsere Kunden kombinieren können“, heißt es in Seattle. „Digital Logistics“ sei eine Software, um den Einsatz von Crews und Flugzeugen, Wartungsarbeiten und die Logistik zu managen.

Airbus setzt auf Breite

„Analytics Consulting Services“ bestehe aus einer Gruppe von Boeing-Experten, die das operative Geschäft von Fluggesellschaften effizienter machen können. Und unter „Self-Service Analytics“ liefen von Boeing bereitgestellte Datenwerkzeuge, die „neue Einsichten und Möglichkeiten eröffnen“.

Zu den Analysetools zählten auch Treibstoff- und Emissionsrechner und vorausschauende Wartung. Dieses „Airplane Health Management“ nutzten aktuell 100 Kunden mit 5000 Flugzeugen.

Die beiden Rivalen verfolgen nicht denselben Ansatz. Boeing setzt den Akzent auf bezahlte Services oder Apps für die jeweilige Fluggesellschaft. „Unser Wahlspruch lautet: Es geht nicht um die Daten, sondern um das, was man damit macht“, sagt eine Sprecherin. Boeing erwähnt mehrere Milliarden Euro Umsatz mit digitalen Dienstleistungen.

Airbus dagegen rückt nicht den Verkauf von Apps, sondern die Breite seiner Datenplattform in den Vordergrund – also genau das entgegengesetzte Herangehen. In Toulouse nennt man keine Zahl für die mit Skywise verbundenen Erlöse.

„Die Plattform selbst ist vollkommen gratis“, hebt Fontaine hervor. Der Kern der Überlegung sei, „Daten für jeden frei verfügbar zu machen, sie zu teilen“, auch wenn jeder Partner der Eigentümer seiner auf Skywise anonymisierten Angaben bleibe.

Ausfallzeiten sollen deutlich sinken

Jeder Teilnehmer werde dadurch in die Lage versetzt, sich an den Besten zu messen. Ein Beispiel? Eine Airline könne etwa „der Frage nachgehen, warum bei ihr ein Höhenmesser früher ausfällt als bei anderen“.

Manche Anwendungen wie vorausschauende Wartung seien dagegen bezahlpflichtig, je Flugzeug und Jahr werde ein Preis berechnet, der sich nach den Kosten für den Stillstand des Flugzeugs richte.

Den kann Skywise offenbar in verblüffendem Maß verringern. „Easyjet beispielsweise hat die Ausfallzeiten um 20 Prozent gesenkt, bei allen Kunden erreichen wir Verbesserungen im zweistelligen Bereich“, sagt Fontaine. In einer Industrie, die froh ist über marginale Verbesserungen, ist das gewaltig.

Verbrauchs- und Emissionsminderung zählen ebenfalls zu den Zielen. Dank Skywise müssen die Airlines ihre Tankfüllung nicht mehr nach Durchschnittswerten richten, sondern können sich an den echten Verbrauchswerten der individuellen Motoren orientieren. Einige seien mit so wenig Treibstoff unterwegs, „dass man früher befürchtet hätte, sie kämen nie an“, wundert sich Fontaine.

Die starken Verbesserungen im Betrieb sind für den Airbus-Manager erst der Anfang. „Unser realistisches Ziel ist es, zu null Ausfallzeiten zu kommen“, stellt Fontaine fest. Nicht nur die Airlines sollen profitieren. Durch die Optimierung aller Abläufe von der Produktionsvorbereitung bis zum Einsatz der Flieger will Airbus die Kosten auch aufseiten der Industrie senken.

„Wir denken, die Industrie kann ihren jährlichen Aufwand um 50 Milliarden Euro (von insgesamt 800 Milliarden Euro) verringern“, schätzt der Bretone. Das wäre ein deutlich größerer Betrag als der gesamte deutsche Verteidigungshaushalt.

Die neue Welt der Luftfahrt benötige allerdings einen Akteur, der die Daten sammele und bereitstelle, überlegt Fontaine und gibt gleich die Antwort: „Das ist Airbus.“ Ambition oder Übermut ? In knapp einem Jahr wird man es sehen.

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