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Frans van Houten im Interview Philips-CEO: „Ein Google-Modell wird es im Gesundheitsbereich nicht geben”

Philips musste eine Gewinnwarnung aussprechen. CEO Frans van Houten erklärt, wie er mit Software-Lösungen den Verwerfungen durch den Handelsstreit begegnen will.
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Der Niederländer hat aus Philips einen reinen Gesundheitstechnologie-Konzern gemacht. Quelle: Reuters
Frans van Houten

Der Niederländer hat aus Philips einen reinen Gesundheitstechnologie-Konzern gemacht.

(Foto: Reuters)

Berlin Der niederländische Medizintechnik-Konzern Philips will in Zukunft vermehrt auf regionale Produktionsstätten setzen. „Das wird Teil unserer Strategie, ob in Europa, den USA oder China“, sagte CEO Frans van Houten im Gespräch mit dem Handelsblatt. Dies mache man in erster Linie, um sich den Wünschen der Kunden besser anpassen zu können – aber auch, um sich vor dem Handelsstreit zwischen China und den USA zu schützen.

Jener Konflikt hatte die Geschäftsaussichten des Konzerns arg geschmälert, Philips musste kürzlich eine Gewinnwarnung aussprechen. Auch die Zahlen im dritten Quartal hatten enttäuscht: Die Ebita-Marge sank im Vergleich zum Vorjahr um 0,8 Punkte auf 12,4 Prozent. Dass man im dritten Quartal so weit weg von den eigenen Zielen sei, „ist absolut eine Enttäuschung“, erklärte van Houten.

Deshalb will sich Philips von seiner Aufstellung als reiner Hersteller von Medizintechnik weiter lösen. „Früher haben wir Maschinen gebaut. Heute bauen wir Maschinen, Software und kümmern uns um die Analyse von Daten“, so van Houten. Digitalisierung biete die Möglichkeit der „Demokratisierung von Spezialwissen“ – dank Datenerhebung und -analyse.

Deshalb fordert van Houten eine umfassende Regulierung für Gesundheitsdaten: „Die Datenerhebung muss der Versorgung des Patienten dienen, nicht finanziellen Beweggründen: Ein Google-Modell wird es im Gesundheitsbereich nicht geben.“

Auch wenn van Houten also nicht an datengetriebene Geschäftsmodelle im Gesundheitssektor glaubt, erwartet er trotzdem, dass die US-Digitalkonzerne weiter in den Gesundheitsmarkt vordringen: „Wir müssen es in Europa schaffen, die US-Digitalkonzerne nicht als Gefahr zu sehen. Vielmehr sollten wir versuchen, zu verstehen, wie wir deren Innovationen am besten in unser System integrieren können.“

Lesen Sie hier das ganze Interview:

Herr van Houten, Sie haben Teile Ihrer Produktion von den USA nach China verlagert. Glauben Sie nicht an ein Ende des Handelsstreits?
Es gibt Punkte, an denen man eine Entscheidung treffen muss. 25 Prozent Einfuhrzoll sind wirklich hoch und die Kunden wollen diesen Aufschlag logischerweise nicht zahlen. In Zukunft werden wir vermehrt auf regionale Produktionsstätten setzen. Das wird Teil unserer Strategie, ob in Europa, den USA oder China. Einmal, um uns den Wünschen unserer Kunden besser anpassen zu können. Aber auch eben zum Schutz vor Handelskriegen.

Der Handelsstreit zwischen den USA und China hat ihr Geschäft so sehr belastet, dass Sie kürzlich eine Gewinnwarnung aussprechen mussten. Dabei klangen Sie im zweiten Quartal noch recht euphorisch. Woher kam dieser Umschwung?
Von euphorisch war damals keine Rede. Auch das erste Halbjahr war nicht leicht für uns, aber wir hatten ein stärkeres zweites Halbjahr erwartet. Dass wir das nicht geschafft haben und insbesondere im dritten Quartal so weit weg von unseren Zielen sind, ist absolut eine Enttäuschung.

Vor einigen Monaten hatten Sie noch erwartet, dass die Nachfrage in den Industriestaaten wieder deutlich zunehmen würde. Warum ist das nur teilweise passiert? Liegt das nur am Handelsstreit?
Nein, die gesamte Wirtschaftsleistung in Europa wird aktuell insgesamt eher schwächer. China hingegen baut weiter stark seine Kapazitäten im Gesundheitswesen aus, sodass dieser Markt für uns immer wichtiger wird. Chinas Wirtschaft wächst – wenn auch mittlerweile langsamer – immer weiter. Entsprechend wachsen die Kapazitäten. Europas Wirtschaftsleistung dagegen stagniert eher.

Ihr schwaches Quartalergebnis fußt vor allem mit einer Abschreibung von 78 Millionen Euro in der Sparte Connected Care, bei der Geräte und Software zur Fernüberwachung von chronisch Kranken produziert werden, zusammen. Warum ist gerade diese Sparte so stark betroffen?
Das hängt mit der Akquisition des Beatmungsgeräteherstellers Wellcentive in den USA im Jahr 2016 zusammen, die sich anders entwickelt hat, als gewünscht. Ich würde das nicht als allzu dramatisch betrachten wollen. Die meisten unserer Akquisitionen sind erfolgreich. Die Angesprochene ist die einzige, die hinter den Erwartungen zurückbleibt. Und in einem so weit entwickelten Bereich wie Connected Care muss man manchmal die Richtung grundlegend verändern. Aber 78 Millionen Euro sind relativ wenig im Vergleich zum Gesamtwert von Philips, also hat das keine allzu große Bedeutung.

Wie lange werden Sie diese Richtungsänderung noch in der Bilanz spüren?
Bis wir wieder bei voller Performance für Connected Care sind, wird es sicher noch einige Quartale dauern. Aber wir erwarten, dass wir bereits im vierten Quartal in der Sparte wieder ein komplett positives Ergebnis erzielen werden. Der Wiederaufbau startet genau jetzt.

Wie soll dieser Wiederaufbau aussehen?
Wir werden künftig besser mit den Zöllen umgehen können und gleichzeitig unseren Produktmix ausbauen. Dabei wird Software im Vergleich zu Hardware immer wichtiger für uns.

Dabei war Philips in der Vergangenheit bekannt als Gerätehersteller für Krankenhäuser.
Eine zukunftsfähige Versorgung braucht integrierte Lösungen. Wir kombinieren dafür Produkte und Systeme aus der Medizintechnik und der IT. Früher haben wir Maschinen gebaut. Heute bauen wir Maschinen, entwickeln Software und kümmern uns um die Analyse von Daten. In Deutschland wird viel über Industrie 4.0 gesprochen. Im Gesundheitswesen ist das nicht anders: Gesundheitsfürsorge in Krankenhäusern ist teuer. Deshalb wollen wir, dass Menschen durch Prävention ein gesünderes Leben führen oder durch bessere Versorgung zu Hause bleiben können. Wenn sie doch ins Krankenhaus müssen, sollen sie dort besser versorgt werden können.

Die Qualität der Versorgung ist oft sehr unterschiedlich an verschiedenen Orten. Universitätskliniken zum Beispiel haben oft eine ganz andere Qualität der Versorgung als Häuser in kommunaler Trägerschaft. Aber vernetzte Plattformen können das Wissen in diese Häuser übertragen. Das ist eine Demokratisierung des Spezialwissens, von dem sonst nur einzelne Orte profitieren würden. Und dafür sind Datenerhebung und -analyse die wichtigsten Grundlagen.

Nicht nur der Betrieb von Krankenhäusern ist teuer, auch Daten werden wegen ihrer steigenden Bedeutung zunehmend wertvoller. Muss die Datenregulierung deshalb verschärft werden?
Ich glaube, dass es eine umfassende Regulierung für Gesundheitsdaten geben wird. Denn die Datenerhebung muss der Versorgung des Patienten dienen, nicht finanziellen Beweggründen: Ein Google-Modell wird es im Gesundheitsbereich nicht geben.

Selbst wenn es ein solches datengetriebenes Geschäftsmodell nicht geben wird, werden die US-Digitalkonzerne wie Google trotzdem Einfluss auf den Gesundheitsmarkt haben.
Diese Konzerne verändern das System schon jetzt. Banale Dinge, wie seine Symptome zu googeln, wandeln das Arzt-Patient-Verhältnis seit Jahren. Einige Ärzte werden nervös durch diese Player im Gesundheitsmarkt…

… Sie auch?
Nein. Ich glaube vielmehr, dass dieser neue Wettbewerb eine gute Sache ist. Innovationen werden angetrieben, sei es beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Diagnostik oder bei der Individualisierung von Pharmazie. Wir müssen es in Europa schaffen, die US-Digitalkonzerne nicht als Gefahr zu sehen. Vielmehr sollten wir versuchen, zu verstehen, wie wir deren Innovationen am besten in unser System integrieren können.

Wie kann das gelingen?
Wir müssen konkurrenzfähig bleiben. Vor allem muss ein skalierbarer Daten-Pool aufgebaut werden, damit Europa in diesem Bereich wachsen und sich weiterentwickeln kann. Wenn das nicht gemacht wird, wird man in der Gesundheitsversorgung hinter Staaten wie den USA und China zurückfallen. Natürlich hat dabei die Privatsphäre die höchste Priorität, aber vor lauter Sorge um den Schutz der Daten sollten wir uns nicht vor der Erhebung und Nutzung der Daten fürchten. Ich hoffe, dass diese Erkenntnis sich nun in Deutschland durchsetzt und so auf ganz Europa ausstrahlen kann.

Vielen Dank für das Interview, Herr Van Houten.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus unserem neuen Newsletter „Handelsblatt Inside Digital Health“. Zweimal in der Woche analysieren wir dort die neuesten Entwicklungen im Bereich digitale Gesundheit.
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Mehr: Statt Kunde-Lieferant-Beziehung wollen Philips und das Klinikum Stuttgart gemeinsam Innovationen integrieren – insbesondere digitale Lösungen.

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