Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Führungskrise Drama um Diess: Der VW-Chef verliert den Rückhalt

Die Mitarbeiter bei Volkswagen sind Machtkämpfe und Interessenkollisionen beinahe schon gewohnt. Doch jetzt ist der VW-Chef womöglich zu weit gegangen.
09.06.2020 - 18:31 Uhr Kommentieren
Der Volkswagen-Chef, hier kurz nach seinem Antritt im Frühjahr 2018, hat mit einer harschen Attacke auf den Aufsichtsrat seine Position geschwächt. Quelle: Reuters
Herbert Diess

Der Volkswagen-Chef, hier kurz nach seinem Antritt im Frühjahr 2018, hat mit einer harschen Attacke auf den Aufsichtsrat seine Position geschwächt.

(Foto: Reuters)

Düsseldorf, Frankfurt Offensiver hätte Volkswagen-Chef Herbert Diess seine Nachricht an die Spitzen des Aufsichtsrats kaum platzieren können. Vor 3400 Topmanagern beschuldigte er die Mitglieder des Präsidiums, dass sie Firmeninterna an Medien durchgestochen hätten.

„Das sind Straftaten, die im Aufsichtsratspräsidium passieren und dort offensichtlich zugeordnet werden können“, hatte Diess gesagt. In der Videokonferenz soll der Manager zudem gewarnt haben, dass der Aufsichtsrat das Unternehmen schwäche.

Die Konferenz mit den Führungskräften der Marke Volkswagen fand am vergangenen Donnerstag statt – wenige Tage nach einer Aufsichtsratssitzung, auf der Diess sich wegen operativer Missstände gegenüber den Kontrolleuren hatte erklären müssen. Mehrere Zuhörer bestätigten dem Handelsblatt die Aussagen von Diess.

Zuvor hatte es in den vorangegangenen Wochen immer wieder kritische Medienberichte über Probleme bei den wichtigen Modellen Golf 8 und ID.3 gegeben. Diess sei darüber sehr verärgert gewesen, heißt es.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Noch am selben Tag rief Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch das Gremium zu einer Sondersitzung zusammen, um es über die Anschuldigungen zu informieren. Dabei sei auch über Diess‘ Ablösung gesprochen worden, heißt es aus dem Umfeld des Gremiums. Der Aufsichtsrat vertagte sich auf Montag – auch um die Möglichkeit einer fristlosen Kündigung zu prüfen.

    Bei dem erneuten Treffen entschieden die Kontrolleure, Diess zumindest die Führung der Kernmarke VW zu entziehen. Zudem entschuldigte sich der VW-Chef für seine Worte vor dem Topmanagement. Er habe erklärt, dass die Äußerungen „unangemessen und falsch“ gewesen seien, so ein VW-Sprecher. Der Aufsichtsrat nahm die Entschuldigung an.

    Grafik

    Trotzdem dürfte er jetzt nur noch VW-Chef auf Abruf sein. Dass die Aufseher entgegen ihrer ursprünglichen Überlegung überhaupt an dem 61-Jährigen festhalten, hat auch mit den drängenden Problemen des Konzerns zu tun. Bei wichtigen Modellen wie dem Golf 8 und dem ID.3 hapert es in Produktion und Entwicklung. Zudem muss VW in der Coronakrise massiv sparen.

    Diess falle nun die Aufgabe zu, diese Probleme zu bewältigen. Für einen Nachfolger wäre es eine eher undankbare Aufgabe, wenn er gleich ein neues Sparprogramm auflegen müsste. Als potenzielle Kandidaten gelten unter anderem Porsche-Chef Oliver Blume und Skoda-Boss Bernhard Maier.

    Bogen womöglich überspannt

    Bei Volkswagen sind die Beschäftigten Machtkämpfe, Interessenkollisionen und andere Auseinandersetzungen beinahe schon gewohnt – sehr zum Leidwesen aller Mitarbeiter, die ihr Unternehmen immer wieder in ein schlechtes Licht gerückt sehen.

    Doch jetzt hat der oberste Manager im Streit über die Verantwortung für Fehler den Bogen womöglich überspannt. Zumal die wirtschaftliche Lage des größten Autoherstellers der Welt wegen der Coronakrise schwierig geworden ist. Vorstand und Aufsichtsrat beschäftigen sich mit sich selbst – und nicht mit der aktuellen Marktlage.

    Über einen Punkt hatte sich Diess ganz besonders aufgeregt. Im Vorfeld der Aufsichtsratssitzung von Ende Mai hatte das „Manager Magazin“ berichtet, dass Diess eine vorzeitige Vertragsverlängerung gefordert habe. Er sei damit nach der Einstellung des Strafverfahrens wegen Marktmanipulation im Dieselskandal bei IG-Metall-Chef Jörg Hofmann vorstellig geworden, der als stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats dafür zuständig war.

    Bei wichtigen Modelle wie dem Golf 8 und dem ID.3 haken Produktion und Entwicklung. Quelle: Bloomberg
    Produktion bei VW in Wolfsburg

    Bei wichtigen Modelle wie dem Golf 8 und dem ID.3 haken Produktion und Entwicklung.

    (Foto: Bloomberg)

    Dass dieser Vorstoß in den Medien landete, führte Diess offensichtlich auf eine Indiskretion im Kontrollgremium zurück und wertete die Veröffentlichung als Gesetzesbruch und Verstoß gegen Vertraulichkeitsregeln.
    Für den Volkswagen-Chef hatte die Anschuldigung in Richtung des eigenen Aufsichtsrats ernste Folgen.

    Die Mitglieder des Präsidiums seien erzürnt gewesen, heißt es aus deren Umfeld. Sie wurden noch am Tag des Managementtreffens über die Vorwürfe von Diess informiert. Dem Gremium gehören außer dem Vorsitzenden Hans Dieter Pötsch noch Wolfgang Porsche, Stephan Weil, IG-Metall-Chef Jörg Hofmann sowie die Betriebsratschefs Bernd Osterloh (Volkswagen) und Peter Mosch (Audi) an.

    Auf einen Schlag brachte der 61-jährige Diess, der den Volkswagen-Konzern seit April 2018 führt, damit die wichtigsten Akteure aus dem Aktionärskreis und aus dem Betriebsrat gegen sich auf. Wolfgang Porsche ist Vertreter des größten Anteilseigners, der Familie Porsche/Piëch, und Weil (SPD) vertritt als Ministerpräsident von Niedersachsen die Interessen des Landes, des zweitgrößten Aktionärs.

    Am vergangenen Donnerstag war das Präsidium zudem um zwei Vertreter erweitert worden. Jetzt gehört auch Hans Michel Piëch als Sprecher des Piëch-Stamms diesem inneren Zirkel des Aufsichtsrats an. Außerdem ist Bertina Murkovic nachgerückt, die Betriebsratsvorsitzende der VW-Nutzfahrzeugsparte in Hannover.

    Entscheidende Kompetenz entzogen

    Auf einer eilig einberufenen Sitzung beriet der Aufsichtsrat am Donnerstag dann über Diess’ Zukunft. Die Aufregung wegen der Äußerungen des VW-Chefs über die vermeintlichen Verfehlungen von Aufsichtsräten war groß. Einige Aufseher hätten einen sofortigen Rauswurf favorisiert. Da das Gremium allerdings so kurzfristig einberufen worden sei, habe es formale Bedenken gegen einen solch einschneidenden Schritt gegeben.

    Am Montagnachmittag schließlich kamen die Aufsichtsräte dann zu einer weiteren außerordentlichen Sitzung zusammen, in der noch einmal über die weitere Zusammenarbeit mit dem VW-Chef verhandelt wurde. Die kurzfristige Trennung war vom Tisch.

    Diess musste sich aber damit abfinden, dass ihm der Aufsichtsrat eine entscheidende Kompetenz entzog. Das Kontrollgremium entschied, dass er die Leitung über die Kernmarke VW abgeben muss – dort, wo das Unternehmen aktuell seine größten operativen Probleme hat. Der Aufsichtsrat brach damit auch mit einer Wolfsburger Tradition: Eigentlich sollen Konzern und Marke in Personalunion stets vom selben Manager geführt werden.

    Mit der Leitung der Marke Volkswagen wurde Ralf Brandstätter betraut, der VW bereits seit knapp zwei Jahren im Tagesgeschäft als COO („Chief Operating Officer“) leitet. Offiziell begründete VW den Wechsel damit, dass Diess mehr Freiraum als Vorstandsvorsitzender erhalten solle. Der eigentliche Grund sei aber der Vorwurf des Rechtsbruchs, wie es in Kreisen ergänzend hieß.

    Brandstätter ersetzt Diess als Chef der VW-Kernmarke

    Auch bei Experten wird die Behauptung des Konzerns angezweifelt, Volkswagen wolle Diess mit der Trennung der Funktionen zusätzliche Freiräume für die Konzernstrategie verschaffen. „Zurück bleibt mehr als zerbrochenes Porzellan. Der größte Autobauer der Welt fährt erneut in eine selbst verschuldete Krise“, sagt Ferdinand Dudenhöffer, Professor am CAR-Institut in Duisburg.

    Ein Volkswagen-Sprecher bestätigte am Dienstag auf Anfrage, dass Diess sich gegenüber dem Aufsichtsrat wegen seiner umstrittenen Äußerungen auf dem Managementtreffen entschuldigt habe. Aufsichtsrat und Vorstandschef hätten sich am Montag über die Äußerungen ausgesprochen. Diess habe auch erklärt, dass seine Äußerungen „unangemessen und falsch“ gewesen seien, so der VW-Sprecher weiter.

    Die Mitglieder des Aufsichtsrats hätten die Entschuldigung angenommen. Sie würden „ihn auch künftig bei seiner Arbeit unterstützen“. Für den späten Dienstagnachmittag war zudem ein firmeninterner Webcast für das Management von Volkswagen angesetzt, auf dem sich Diess noch einmal zu den jüngsten Vorgängen äußern wollte.

    Ein anderer Konzernsprecher hatte zuvor gesagt, dass Diess nicht habe zum Ausdruck bringen wollen, dass sich Mitglieder des Aufsichtsrats strafbar gemacht hätten. Diese Äußerungen seien „im Kontext von Presseberichten“ getätigt worden, für deren Grundlage in wiederholten Fällen offensichtlich vertrauliche Informationen auch zu Themen des Aufsichtsrats an Medien gelangt waren.

    Die Familien Porsche und Piëch halten mehr als 53 Prozent der Stammaktien von Volkswagen und sind damit die wichtigsten Anteilseigner des Wolfsburger Autoherstellers. Sie haben ihre Anteile in der Stuttgarter Holding Porsche SE gebündelt. Die Familien bemühten sich am Dienstag, die Wogen des aktuellen Konflikts zu glätten.

    „Probleme müssen gelöst werden“

    „Die Kapitalseite steht weiter hinter ihm“, heißt es bei den Mehrheitseignern von Volkswagen. Es sei jedoch höchste Zeit, zur Sacharbeit zurückzukehren. „Das Unternehmen muss jetzt in ruhigeres Fahrwasser kommen.“ Diess sei zwar ein erfolgreicher Manager, der mit der Elektrifizierung und der Digitalisierung wichtige Themen zum Konzernumbau vorangetrieben habe, betonte der Hauptaktionär Porsche-Holding. „Aber Probleme müssen auch gelöst werden.“

    Damit fällt die Hauptaufgabe, die Probleme bei der Marke VW in den Griff zu bekommen, jetzt deren neuem Vorstandsvorsitzenden Brandstätter zu. Vor dessen Ernennung zum neuen VW-Markenchef hatte Diess noch versucht, die akuten Probleme auf Brandstätter abzuwälzen. Als COO habe er es im Tagesgeschäft versäumt, rechtzeitig gegenzusteuern und die Schwierigkeiten zu beseitigen.

    Doch der Aufsichtsrat hat sich von dieser Kritik nicht beeinflussen lassen – und bewusst Brandstätter zum neuen Markenchef ernannt. Vor zwei Jahren war er bei der Marke zum COO berufen worden, davor arbeitete er als Einkaufsvorstand von VW.

    Im sächsischen Zwickau hat die Produktion der ersten reinen Elektromodellreihe von VW begonnen. Quelle: dpa
    Elektroauto ID.3

    Im sächsischen Zwickau hat die Produktion der ersten reinen Elektromodellreihe von VW begonnen.

    (Foto: dpa)

    Dadurch kenne er sich bestens mit der Marke aus und bringe alle Voraussetzungen mit, die Probleme bei der Kernmarke zu bewältigen, heißt es aus Aufsichtsratskreisen. „Brandstätter ist eine gute Entscheidung“, sagte eine andere einflussreiche Wolfsburger Führungskraft.

    Volkswagen tut sich schwer damit, die neue, umfangreichere Software zum Laufen zu bringen, die in aktuellen Modellen wie dem Golf 8 und dem neuen Elektromodell ID.3 zum Einsatz kommt. Softwareprobleme hatten im vergangenen Jahr dafür gesorgt, dass vom neuen Golf-Modell gerade einmal rund 8500 statt der ursprünglich geplanten 100.000 Fahrzeuge produziert worden waren.

    Wie stark Herbert Diess auf Entscheidungen bei der Marke Volkswagen künftig Einfluss nehmen wird, scheint im Moment noch unklar. Auch seine Rolle als Konzernchef ist beschädigt, weil er die Marke VW verloren hat. So mancher in Wolfsburg meint, dass es auch an der Spitze des Konzerns bald einen Wechsel geben könnte.

    Mehr: Der Riss zwischen Diess und dem VW-Aufsichtsrat ist kaum mehr zu kitten

    Startseite
    Mehr zu: Führungskrise - Drama um Diess: Der VW-Chef verliert den Rückhalt
    0 Kommentare zu "Führungskrise: Drama um Diess: Der VW-Chef verliert den Rückhalt"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%