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Wolfgang Reitzle

Der Linde-Aufsichtsratschef wollte mit dem 60-Milliarden-Euro-Deal sein Lebenswerks bei dem Münchener Gasekonzern krönen.

(Foto: dpa)

Gasekonzerne Linde und Praxair Schock um Mitternacht – Reitzles Megadeal droht das Aus

Nicht nur unerwarteter Widerstand der US-Kartellbehörden gefährdet die Fusion von Linde und Praxair. Den Konzernen läuft die Zeit davon.
05.08.2018 - 19:12 Uhr Kommentieren

München Wolfgang Reitzle hat viel riskiert. Gegen den Widerstand der Arbeitnehmer drückte der Linde-Aufsichtsratschef die Fusion von Linde mit Praxair durch den Aufsichtsrat. Der 60-Milliarden-Euro-Deal sollte die Krönung seines Lebenswerks bei dem Münchener Gasekonzern sein. Der Weg war mühsam. Im Streit über den Zusammenschluss verschliss Linde mehrere Führungskräfte, Reitzle wurde persönlich angegriffen. Doch am Ende schien alles auf einem guten Weg.

Und nun das: Kurz vor dem Ziel könnte Reitzle doch noch scheitern. Die US-Kartellbehörde (FTC) stellt überraschend hohe Zusatzforderungen. Zwar hatte Linde – in Abstimmung mit den Wettbewerbshütern – angekündigt, große Teile seines US-Geschäfts an den deutschen Konkurrenten Messer zu verkaufen. Doch die FTC verlangt nun „zusätzliche Veräußerungszusagen“ und hat laut Industriekreisen auch bezüglich des Käufers auf einmal andere Vorstellungen.

In Branchenkreisen wird spekuliert, dass der neue Kurs der US-Kartellbehörde mit der „America first“-Politik von US-Präsident Donald Trump zusammenhängen könnte. Mit den neuesten Entwicklungen sei „ein Scheitern nun eine realistische Möglichkeit“, hieß es im Umfeld beider Unternehmen.

Die Zeit drängt

Linde und Praxair haben sich nämlich eine Schmerzgrenze gesetzt: Wenn sie sich aus Wettbewerbsgründen von mehr als 3,7 Milliarden Dollar Umsatz oder 1,1 Milliarden Dollar Betriebsergebnis trennen müssen, können sie die Fusion noch stoppen. Linde sieht nun „eine höhere Wahrscheinlichkeit“, dass die Grenze überschritten wird. Zum anderen drängt die Zeit.

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    Die womöglich größere Gefahr sei, so ist aus den Kreisen zu hören, dass sich die Zusagen der Wettbewerbshüter so lange verzögern, bis es zu spät ist. Denn bis zum 24. Oktober müssen alle Genehmigungen vorliegen, sonst platzt der Deal. Noch hofft Linde, in Gesprächen einen Kompromiss zu finden. „Reitzle ist immer kämpferisch“, heißt es aus seinem Umfeld.

    Wie unerwartet die Hiobsbotschaft aus den USA die Linde-Führung und die Zentrale des Dax-Konzerns im Herzen der Münchener Innenstadt getroffen hat, zeigt das Timing. Wenige Minuten nach Mitternacht verschickte der Gasekonzern in der Nacht zum Sonntag eine Börsenpflichtmitteilung. Es gebe „erhöhte Anforderungen an die kartellrechtlichen Freigaben“ für den geplanten Zusammenschluss mit dem US-Konkurrenten Praxair zum weltgrößten Gasekonzern, teilte Linde darin mit.

    Am Sonntag wollte zwar niemand aus Vorstand und Aufsichtsrat kommentieren, wie hoch die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns wirklich ist. Schließlich geht das Pokern um die Zugeständnisse gegenüber den Wettbewerbshütern jetzt erst so richtig los. Doch galt bis zum Freitag ein Aus des Vorhabens bei Linde eher als theoretische Möglichkeit. Schließlich hatte man die größten Hürden aus dem Weg geräumt.

    Neben den Arbeitnehmern wähnten Linde und Praxair auch das Kartellamt im Griff. Für die Münchener war es ja nicht das erste Mal. Auch die Übernahme des Konkurrenten BOC 2006 für mehr als zwölf Milliarden Euro war wettbewerbsrechtlich heikel, bekam aber grünes Licht.

    Und so stimmten die beiden Fusionspartner ihre Verhandlungen mit potenziellen Käufern von Unternehmensteilen mit den Wettbewerbshütern ab. In den vergangenen Wochen meldeten sie dann Vollzug. Der Großteil des Praxair-Europageschäfts soll an den japanischen Industriegasehersteller Taiyo Nippon Sanso gehen.

    Auf der anderen Seite des Atlantiks soll das US-Geschäft von Linde mehrheitlich an den deutschen Konkurrenten Messer verkauft werden. Ein „Ja“ aus Brüssel und den USA schien da in Sicht. „Beide Unternehmen glaubten fest daran, dass sie im Zielkorridor sind“, heißt es im Konzernumfeld.

    Zeitplan in Gefahr

    Doch die nun hohen Nachforderungen der FTC – nach monatelangen Abstimmungen – kommen ungewöhnlich spät. Linde will sie nun analysieren, um „deren Reichweite einzuschätzen und zu bewerten, inwieweit sie sich schnell genug umsetzen ließen, um eine rechtzeitige Freigabe des Zusammenschlusses zu erreichen“, wie es das Unternehmen ausdrückt.

    Unverblümt heißt das: Der Zeitplan, bis zum 24. Oktober die Genehmigung aller Kartellbehörden zu haben, ist akut in Gefahr. Wenn er nicht eingehalten werden kann, platzt die Fusion – und das scheint auch die FTC zu wissen. Falls die US-Behörden den Zusammenschluss verhindern wollten, müssten sie nur auf Zeit spielen, sagt ein Branchenkenner.

    Fusion im Juni 2017 beschlossen. Quelle: Reuters
    Linde-Vorstandsvorsitzender Aldo Belloni (l.), Linde-Chefaufseher Wolfgang Reitzle (M.) und Praxair-Chef Steve Angel

    Fusion im Juni 2017 beschlossen.

    (Foto: Reuters)

    Zudem könnte die selbst gesetzte Schmerzgrenze für die Kosten der Fusion überschritten werden. Laut Linde gibt es nun „eine höhere Wahrscheinlichkeit“, dass die Obergrenze überschritten wird.

    Ohnehin war über die passende Formulierung für die Schmerzgrenze Linde-intern intensiv gerungen worden. Schließlich geht es um Milliarden: Der Linde-Aktienkurs war in Erwartung der Fusion seit 2016 um etwa 50 Prozent gestiegen. Scheitert der Zusammenschluss, könnte es erst einmal einen Kursabschwung geben, auch wenn in Industriekreisen betont wird: „Linde ist auch allein stark genug.“

    Linde und Praxair kamen bei Ankündigung der Fusion gemeinsam auf einen rechnerischen Umsatz von etwa 29 Milliarden Dollar. Bei der Obergrenze von 3,7 Milliarden Dollar Umsatz, von denen sie sich maximal trennen wollen, dürften Linde und Praxair flexibel sein. Solange sich die Synergien weiter rechneten, sei auch ein Überschreiten denkbar, hieß es in Industriekreisen. Allerdings gebe es natürlich rote Linien. Sie müssten nun aber neu berechnet werden.

    Heikler Zusammenschluss

    Es war klar, dass der Zusammenschluss wettbewerbsrechtlich vor allem in den USA und Europa, also in den Heimatmärkten der beiden Fusionspartner, heikel sein würde. Der Gasemarkt ist bereits oligopolistisch von wenigen großen Anbietern geprägt. Eine weitere Marktkonzentration sehen die Wettbewerbshüter daher kritisch.

    Linde wollte die Lage auf Anfrage des Handelsblatts nicht weiter kommentieren. Dies gilt auch für die Frage, ob die aktuellen transatlantischen Spannungen bei den überraschenden Nachrichten aus den USA eine Rolle gespielt haben könnten. „Linde und Praxair setzen ihre konstruktiven Gespräche mit den Wettbewerbsbehörden und miteinander über die erforderlichen Veräußerungen fort“, hieß es lediglich.

    Eigentlich sollten der Großteil des Linde-US-Geschäfts sowie weitere Standorte in Südamerika mit insgesamt 1,4 Milliarden Euro Umsatz für 2,8 Milliarden Euro an den deutschen Konkurrenten Messer und den Finanzinvestor CVC verkauft werden. Dem Vernehmen nach hat die FTC aber auch in Sachen Käufer Nachforderungen gestellt.

    Das Unternehmen Messer, das mit dem Deal den Umsatz verdoppeln könnte, wollte sich am Sonntag auf Anfrage nicht äußern. Man wolle die weitere Entwicklung und die Gespräche abwarten.

    Bislang hatten Linde und Praxair gehofft, sich unterhalb des Radars von US-Präsident Donald Trump bewegen zu können. Schließlich sei das Geschäft mit Industriegasen nicht gerade von hoher strategischer Bedeutung, hieß es in Kreisen. Zwar werden Gase wie Stickstoff, Sauerstoff und Edelgase in vielen Branchen bei der Produktion eingesetzt. Ob sie nun von Linde, Praxair oder Air Liquide kommen, ist aber weniger entscheidend, das Produkt ist dasselbe.

    Allerdings wird in Industriekreisen darauf verwiesen, dass nicht nur der Standort Deutschland leide: Der neue fusionierte Konzern soll von Praxair-Chef Steve Angel aus den USA heraus operativ geführt werden. Arbeitnehmervertreter fürchteten daher eine heimliche Übernahme durch die Amerikaner.

    Doch gibt es auch aus US-Sicht unangenehme Zugeständnisse: Der neue Großkonzern soll Linde heißen und nicht Praxair. Und der offizielle Sitz der neuen Holding soll Dublin sein und nicht mehr in den USA. Das könnte bei US-Präsident Trump nicht gut ankommen, hat er sich doch schon mehrmals gegen Unternehmen ausgesprochen, die ihren steuerlichen Sitz ins Ausland verlagern. Nach der Neubesetzung der FTC durch Trump hat sich die Haltung der Wettbewerbsbehörde jedenfalls deutlich verschärft.

    In mehreren Ländern stehen die Genehmigungen aus

    Ärger gibt es aber nicht nur in den USA. Laut der Linde-Mitteilung gibt es Hinweise auf höhere Anforderungen von „verschiedenen Wettbewerbsbehörden“. Neben Brüssel und den USA steht unter anderem noch die Genehmigung in Indien, China und Südkorea aus.

    Mit grünem Licht aus Brüssel hatten Linde und Praxair nach der abgestimmten Ankündigung, den überwiegenden Teil des europäischen Gasegeschäfts von Praxair an den japanischen Industriegasehersteller Taiyo Nippon Sanso zu verkaufen, eigentlich gerechnet. Der Kaufpreis für die Geschäfte mit einem Umsatz von rund 1,3 Milliarden Euro beträgt fünf Milliarden Euro.

    Es sei davon auszugehen, dass eine informelle Sondierung mit der EU-Kommission stattgefunden habe und positiv verlaufen sei, sagte Werner Berg, Partner bei Baker McKenzie, dem Handelsblatt. Daher müssten der Verkauf an die Japaner und der Ausstieg Praxairs aus einem Gemeinschaftsunternehmen eigentlich ausreichen, die Bedenken der Kommission auszuräumen.

    In Branchenkreisen wird aber auch nicht ausgeschlossen, dass die EU-Kommission nun noch einmal nachlegen könnte. Die Kartellbehörden beobachteten genau, was Kollegen in anderen Regionen machen, hier gebe es Wechselwirkungen.

    Noch sind keine Vorentscheidungen gefallen, es ist weiterhin möglich, dass eine Einigung mit den Kartellbehörden rechtzeitig gelingt. Falls nicht, dürften Linde allerdings turbulente Monate bevorstehen. Gesucht werden müsste in jedem Fall ein neuer Vorstandschef, denn Aldo Belloni war eigens aus dem Ruhestand zurückgekehrt, um die Fusion über die Bühne zu bringen.

    In Branchenkreisen wird auch spekuliert, dass Aufsichtsratschef Reitzle, der als Chairman des fusionierten Konzerns vorgesehen ist, Konsequenzen ziehen würde, falls sein großer Deal auf der Zielgeraden platzt. Weder Praxair noch die FTC haben bis Redaktionsschluss auf eine Anfrage des Handelsblatts geantwortet.

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