Gastkommentar Audi-Chef Stadler glaubt an die Energie-Wende

Die Wende in der Energiepolitik ist eine Herausforderung - für Energieerzeuger, Politik und Gesellschaft. Audi-Vorstandschef Rupert Stadler sieht den Abschied von der Atomkraft als Chance für die deutsche Industrie.
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Audi-Vorstandschef Rupert Stadler. Quelle: Reuters

Audi-Vorstandschef Rupert Stadler.

(Foto: Reuters)

In voller Fahrt vollführt Deutschland ein rasantes Wendemanöver in der Energiepolitik. Treiben wir bald antriebslos dahin, oder macht uns das zum Pionier des Wandels? Die Abkehr von der Atomenergie ist das eine. Das andere ist: Auch fossile Rohstoffe sind langfristig ein Auslaufmodell, weil sie endlich sind, weil der Aufstieg der Schwellenländer diese Ressourcen zusätzlich verknappen wird und der Energiebedarf einer Weltbevölkerung, die in den kommenden Jahrzehnten von heute sechs auf neun Milliarden Menschen anwächst, groß ist.

70 Prozent der Menschen auf diesem Planeten werden künftig in Megacitys wie Schanghai, Mumbai oder Mexico City leben. Schon heute verbrauchen urbane Räume etwa drei Viertel der globalen Energie. Wir brauchen neues Denken, wirksame Gegenmaßnahmen und signifikante Technologiesprünge.

Auch der Traum vom eigenen Automobil treibt den Energieverbrauch weiter an, rund um den Globus wollen immer mehr Menschen an dieser Form von Freiheit teilhaben. Heute fahren weltweit 600 Millionen Autos auf den Straßen. 1,2 Milliarden werden es sein, wenn China auf unser Level mit 500 Automobilen pro 1000 Einwohner nachzieht. Für viele ist das ein beängstigendes Szenario. Aber mit welchem Recht wollten wir den Menschen in diesen Ländern das Grundbedürfnis nach Mobilität verweigern, das wir uns seit Generationen leisten?

Die Lösung liegt darin, dass wir diese Mobilität mit den effizientesten Technologien vornehmen, die wir uns heute vorzustellen vermögen. Ich sehe genau darin eine große Chance. Unsere Branche wird auch in Zukunft ein zentraler Innovationsmotor sein. Allein die deutsche Automobilindustrie investiert rund 20 Milliarden Euro pro Jahr in Forschung und Entwicklung.

Vor allem die Elektromobilität fordert uns massiv heraus – und mit „uns“ meine ich nicht nur die Automobilindustrie, sondern auch die Politik, die Energieerzeuger und natürlich die Gesellschaft. Das Auto an der Steckdose aufzutanken ergibt erst dann Sinn, wenn die Infrastruktur passt und der Strom aus regenerativen Quellen kommt.

Automobile wie in einem Fischschwarm

Ohne ganzheitliches Denken geht es nicht. Deshalb arbeiten wir beispielsweise intensiv daran, die Verkehrsflüsse zu optimieren. Unsere Automobile werden künftig wie in einem Fischschwarm schwimmen, sich untereinander und mit der Umwelt abstimmen. Das reduziert den Verbrauch erheblich. Wir bei Audi gehen auch direkt an die Energiequelle ran und sind in ein Forschungsprojekt eingestiegen, das ein Kernproblem der Windenergie löst: Wind speichern und nutzbar machen, auch wenn dieser nicht weht.

Mit einer neuartigen Anlage wandeln wir den Wind in künstliches Erdgas und in Wasserstoff um. Mir gefällt an diesem E-Gas-Projekt besonders gut, dass wir damit an die in Deutschland gut ausgebaute Erdgas-Infrastruktur andocken, denn die bestehenden Leitungen können als Speicher genutzt werden. Und natürlich: Diese Energie wird auch unsere Autos der Zukunft antreiben. Wir nennen dieses gesamthafte Konzept „balanced mobility“.

Im Jahr 2020 sollen eine Million Elektroautos auf deutschen Straßen fahren. Sie alle mit Ökostrom anzutreiben ist machbar: Im Vergleich zum Stromverbrauch in Deutschland heute würden diese Autos zu einem Mehrverbrauch von deutlich unter einem Prozent führen.

Die internationale Energieagentur geht davon aus, dass erneuerbare Energiequellen bis 2030 mehr als ein Viertel des globalen Energieverbrauchs decken können. Und bis 2050 könnte es bereits die Hälfte sein, antizipiert der Wissenschaftliche Beirat für Globale Umweltveränderungen der Bundesregierung.

Marathon statt Sprint

Ob Energieversorgung oder Elektromobilität – wir erleben einen weltweiten und tiefgreifenden Modernisierungswettlauf. Und das ist ein Marathon, kein Sprint.

In der Zeit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl gab es wenige CO2-reduzierende Alternativen, das ist heute anders. Ob Wind, Sonne, Wasser oder die effiziente Nutzung der Ressourcen: Die Technologien hierfür haben enorme Fortschritte gemacht, und es gibt noch große Potenziale zu heben. Wir müssen allerdings sicherstellen, dass wir sie uns auch ökonomisch leisten können. Dieser Weg muss sehr sorgfältig bedacht und beschritten werden. Sonst stehen die nächsten wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen vor der Tür.

Es gibt also Risiken. Vor allem aber gibt es Chancen: Weil wir hier in Deutschland die Ingenieure, das Know-how und die Technologieunternehmen haben, die diesen Kraftakt schaffen können.

Der Autor ist Vorstandsvorsitzender von Audi.

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  • So argumentieren Gewinner! Die Lust, Herausforderungen zu meistern und Risiken zu Chancen zu machen merkt man an jedem Wort. Bravo! Gut für Audi, Gut für Deutschland,Ihr Christian Mittermeier

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