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Carlos Ghosn

Architekt der französisch-japanischen Autoallianz.

(Foto: Bloomberg)

Gehaltsskandal Der brutale Sturz von Carlos Ghosn

Carlos Ghosn hielt die Allianz Renault-Nissan zusammen. Er gilt als gierig, doch sein Sturz erfüllt sogar die Kritiker mit Sorge.
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Paris Drei schwere Geländewagen preschen über die schmale Landstraße, die sich vom libanesischen Küstenort Batroun aus in die Berge windet. Nach zehn Kilometern biegen sie ab, durchqueren ein Tal und halten vor einem Haus aus hellem Sandstein. Carlos Ghosn steigt aus einem der schwarzen SUVs.

Der Kies knirscht unter seinen Schuhen, ansonsten herrscht absolute Ruhe. Sein Blick streift über die Weinreben an den Hängen, die zum Meer hinabfallen. Der Frankolibanese, Schöpfer der weltweit mächtigsten Autoallianz Renault-Nissan-Mitsubishi, steht auf dem Terroir von Château Ixsir. Es ist einer der wenigen Orte, an denen der Überflieger noch geerdet ist.

Von der Zelle eines japanischen Gefängnisses aus, in dem er seit Montag sitzt, ist die Aussicht deutlich schlechter. Aus dem Jet heraus hat ihn die Staatsanwaltschaft verhaftet, wartet täglich mit neuen Vorwürfen auf: Er soll Steuern in Millionenhöhe hinterzogen haben, auf Kosten Nissans Wohnungen in Japan, Brasilien und Beirut gekauft haben. Sogar seine Scheidung habe er sich vom Unternehmen bezahlen lassen.

Eine lange Haftstrafe droht ihm. Am Donnerstag entzog der Nissan-Verwaltungsrat ihm den Vorsitz.
Ein brutaler Sturz, der an die Fälle eines Michail Chodorkowski oder eines Dominique Strauss-Kahn erinnert. Noch ist es zu früh, den Stab über ihn zu brechen. Man kennt nur die Version seiner Ankläger – und auch die lediglich aus Informationshäppchen, mit denen die Medien gezielt gefüttert werden.

Doch die passen für viele Leute in Frankreich gut ins Bild. Ghosn gilt seit Langem als Raffzahn, weil er je ein Gehalt von Nissan und von Renault kassierte, insgesamt 13 Millionen Euro im vergangenen Jahr. Das sind gut 50 Prozent mehr, als Dieter Zetsche bei Daimler mit nach Hause nimmt. Der französische Staat, knapp vor Nissan wichtigster Aktionär von Renault, drängte seit Jahren auf mehr Zurückhaltung, konnte sich aber nur begrenzt durchsetzen.

Ghosn hatte so viel Macht angehäuft, dass ihn die Kritik wichtiger Aktionäre kaum scherte. Nur er schien die Allianz von Renault, Nissan und Mitsubishi führen zu können.

Schon jetzt zeigen sich Fliehkräfte in seiner Autounion. Wer die Ehrfurcht, ja Furcht mitbekam, die er seinen Mitarbeitern einflößte, hatte nicht den besten Eindruck von ihm. Doch im Umgang mit Journalisten war er stets korrekt, sachlich, manchmal humorvoll. Keiner Frage wich er aus, keinerlei Hybris war ihm anzumerken.

Seine Autorität beruht nicht auf schierer Macht, sondern auf seinem Erfolg. 1996 stieg er, von Michelin kommend, in wichtiger Funktion bei Renault ein, damals noch ein Hersteller, der vor dem Abstieg stand. 1999 wurde der heute 64-Jährige zusätzlich verantwortlich für Nissan, dem die Pleite drohte. Ein paar Jahre später waren beide Autokonzerne wieder profitabel.

Der Zehnjahresvergleich bei Renault ist beeindruckend: Statt 2,4 Millionen verkauft die Gruppe heute 3,8 Millionen Autos, der Umsatz hat sich nahezu verdoppelt, die Rendite um den Faktor sieben erhöht. „Das sind historische Werte“, sagte Ghosn Anfang 2017.

Und nicht nur die Aktionäre können sich freuen. Im streikfreudigen Frankreich erreichte Ghosn Kostensenkungen im sozialen Konsens. Das hat sich ausgezahlt: Renault zählt heute 10.000 Mitarbeiter mehr als vor zehn Jahren.

Anfang 2018 ernannte Ghosn die Allianz zum „größten Autohersteller der Welt“ – vor Volkswagen, wenn man Lkws außen vor lässt. Hatte er da, im Februar 2018, seinen Zenit schon überschritten? „Der Verwaltungsrat geht davon aus, dass ich sterblich bin“, scherzte er noch, weil man ihm aufgetragen hatte, die Ära nach ihm vorzubereiten. Die scheint nun schneller und auf völlig andere Weise zu kommen, als alle erwartet hatten.

Sogar die radikalen Gewerkschaften beunruhigt sein Sturz. „Die Affäre geht zu weit, da droht eine Fronde, vielleicht zieht Nissan sich zurück“, fürchtet ein Vertreter der stramm linken Force Ouvrière. Könnte er diese Sorgen in seiner Zelle mitbekommen, würden sie bei Ghosn wohl die Überzeugung bekräftigen: Ich bin unverzichtbar.

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