Glyphosat-Prozess Warum die Bayer-Investoren trotz Strafminderung für Monsanto beunruhigt sind

Der Rechtsstreit um glyphosathaltige Unkrautvernichter könnte Monsanto 211 Millionen Dollar weniger kosten. Doch Bayer geht es nicht primär um die Schadensersatzsumme.
Update: 23.10.2018 - 11:24 Uhr 3 Kommentare
Der Zusammenhang zwischen dem Einsatz des Unkrautvernichters Glyphosat und Krebserkrankungen ist umstritten. Quelle: dpa
Landwirtschaft

Der Zusammenhang zwischen dem Einsatz des Unkrautvernichters Glyphosat und Krebserkrankungen ist umstritten.

(Foto: dpa)

San Francisco, New YorkDie Bayer-Tochter Monsanto hat im Glyphosat-Prozess am Superior Court von Kalifornien einen kleinen Erfolg erzielt: Die bisher verhängten Schadenersatzzahlungen für den Saatguthersteller sollen von 289 auf 78 Millionen Dollar sinken. Dennoch hat Bayer Berufung gegen das Urteil angekündigt.

Im August hatte eine Geschworenenjury in San Francisco Monsanto zu einer 289 Millionen Dollar hohen Strafe verurteilt. Geklagt hatte der an Lymphdrüsenkrebs erkrankte Dewayne „Lee“ Johnson. Die Laienrichter sahen es als erwiesen an, dass Monsanto-Produkte mit dem Wirkstoff Glyphosat krebserregend sind und der Hersteller davor nicht ausreichend gewarnt und die Risiken verschleiert hat. Monsanto hatte bereits damals Berufung eingelegt und gefordert, dass der Fall wegen unzureichender Beweise neu verhandelt wird.

Der Fall Johnson ist besonders brisant, da es sich um das erste Urteil handelt, das richtungsweisend für die zahlreichen weiteren Klagen sein könnte. Sein Fall war wegen der Schwere der Erkrankung des Klägers vorgezogen worden. Der ehemals als Platzwart an einer kalifornischen Schule tätige Johnson hatte über Jahre glyphosathaltige Produkte wie Roundup und Ranger Pro von Monsanto eingesetzt und dem Unternehmen vorgeworfen, dadurch an Lymphdrüsenkrebs erkrankt zu sein.

Johnson muss sich nun bis zum 7. Dezember entscheiden, ob er die Zahlung von 78 Millionen Dollar akzeptiert. Sollte er dies nicht tun, kann Bayer ein neues Gerichtsverfahren beantragen.

Die nun beschlossene Strafminderung ist für Bayer einerseits ein Erfolg, zugleich aber auch eine Niederlage. Denn anders als sie in ihren ersten Erläuterungen vor drei Wochen angedeutet hatte, hat die zuständige Richterin Suzanne Bolanos das Urteil der Jury vom August nicht vollständig gekippt. Damit hat sie im Prinzip indirekt bestätigt, dass sich vor Gericht ein Zusammenhang zwischen dem Unkrautmittel und Krebserkrankungen durchsetzen lässt.

In einer Voranhörung hatte Bolanos starke Zweifel an der Verhältnismäßigkeit der im August verhängten Summe geäußert. Die Richterin spielte dabei auch mit dem Gedanken, den Schadenersatz ganz fallenzulassen, da in dem Verfahren keine Beweise vorgelegt worden seien, dass Monsanto-Angestellte Hinweise auf eine angebliche Krebsgefahr durch den Unkrautvernichter ignoriert hätten. Am Montag vollzog Bolanos aber nun eine Kehrtwende und bestätigte das vorangegangene Urteil der Jury.

In ihren Erläuterungen machte die Richterin deutlich, dass es letztlich – ungeachtet mancher Zweifel - nicht Aufgabe des Gerichts sei, diese Frage zu beurteilen, sondern die Aufgabe der Jury. Das heißt, die Möglichkeit des Gerichts, eine solche Jury-Entscheidung komplett zu Fall zu bringen, war von vornherein eng begrenzt. 

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Die deutliche Reduzierung des Strafschadenersatzes durch das Gericht sei „ein Schritt in die richtige Richtung“, doch sei Bayer nach wie vor überzeugt, dass das Urteil im Widerspruch zu den im Prozess vorgelegten Beweisen stehe, teilte der Dax-Konzern am Dienstag in Leverkusen mit. Monsanto und Bayer verweisen auf „mehr als 800 wissenschaftliche Studien, die US-Umweltbehörde EPA, die Nationalen Gesundheitsinstitute und Aufseher weltweit“, die den Unternehmen zufolge besagen, dass Glyphosat keine Krebsrisiken birgt.

Ob der Verkaufsschlager Roundup tatsächlich Krebs verursacht, ist hoch umstritten. Die Internationale Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stufte den Unkrautvernichter 2015 als „wahrscheinlich krebserregend“ für Menschen ein.

Nun muss sich Bayer darauf einstellen, dass die Zahl der Klagen im Zusammenhang mit Glyphosat weiter ansteigen wird. Ende August lag sie bereits bei 8700. Ein Berufungsverfahren vor dem kalifornischen Supreme Court könnte nach Einschätzung von Experten bis zu zwei Jahre dauern. Die Unsicherheit, die sich daraus ergibt, wird den Leverkusener Konzern und seine Bewertung an der Börse vorerst weiter belasten.

Kurz nach der Börseneröffnung am Dienstag brach die Bayer-Aktie um mehr als 8,3 Prozent ein und war damit der schlechteste Wert im Dax. Zuletzt notierte sie noch 7,2 Prozent im Minus. Viele Investoren dürften darauf gesetzt haben, dass der Prozess neu aufgerollt wird und waren dementsprechend enttäuscht über das Urteil.

Mit Agenturmaterial

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3 Kommentare zu "Glyphosat-Prozess: Warum die Bayer-Investoren trotz Strafminderung für Monsanto beunruhigt sind"

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  • Lieber Herr Müller,

    vor der Finanzkrise bestätigten die US Rating Agenturen die amerikanischen Ramschpapiere mit Triple A. Wurden die Rating Agenturen verklagt? Nein. Also kann man auch keine US Gesundheitsbehörden verklagen. So ist das eben.

    Die Risiken hätte das Bayer Management kennen müssen. Viele Aktionäre und Kommentatoren auf den verschiedenen Medien wiesen auf die Risiken hin. Der Vorstand ignorierte die Risiken. Das ist schon in Ordnung so. Bayer muss zahlen!

  • Die USA verklagen!

    Die US-Umweltbehörde EPA bestätigte VOR der Übernahme, dass Glyphosat keine Krebsrisiken birgt.

    Diese Bestätigung war das ausschlaggebende Argument für die Übernahme von Monsanto. Entweder übernimmt die US-Behörde alle Strafzahlungen oder es erfolgt eine Rückabwicklung der Übernahme, wobei die US-Behörde sämtliche Kosten trägt.

    Würde ein US-Unternehmen ein deutsches Unternehmen mit gleiche Sachlage übernehmen, wäre die Rückabwicklung und Schadensersatzforderungen das Mindeste!

  • 78 Millionen Strafe mal 8.700 Klagen macht ca. 680 Mrd Strafzahlungen....

    Da kann Bayer nur HOFFEN, dass zukünftige Strafen deutlich niedriger ausfallen.

    Was ist Bayer wert?

    Wie klug ist der Bayer Vorstand?

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