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Großaktionäre fordern Rückabwicklung gescheiterter Fusionen – Milliardenwerte vernichtet Firmenehen vor der Scheidung

Auf Druck von Großaktionären lösen sich viele fusionierte Großunternehmen wieder in ihre Bestandteile auf.
Daimler-Chrysler ist eines der Negativbeispiele.

Daimler-Chrysler ist eines der Negativbeispiele.

DÜSSELDORF. „Hier sehen wir ganz klar einen Trend“, sagt Franz-Josef Seidensticker, Deutschlandchef der Strategieberatungsfirma Bain & Company. Der wilde Expansionsdrang vieler Konzerne jenseits des Kerngeschäfts habe dazu geführt, dass rund 70 Prozent der Großfusionen gescheitert seien.

Der Aufstand der Aktionäre ist gut begründet: Durch überhöhte Kaufpreise und misslungene Integration der übernommenen Firmen verloren die Anteilseigner Milliardenwerte. Allein die zehn spektakulärsten Fusionsflops der letzten zehn Jahre, über deren Rückabwicklung derzeit verhandelt wird, haben Börsenkapital in Höhe von 268 Mrd. Euro vernichtet. Das geht aus Berechnungen des Handelsblatts hervor. Der Schaden entspricht damit drei Viertel der Summe, die Verbraucher jährlich im deutschen Einzelhandel ausgeben.

Die Irrtümer aus jüngster Zeit sind erschreckend. Innerhalb von nur vier Jahren vernichtete der Internetkonzern AOL durch seine Fusion mit Time Warner 145,8 Mrd. Euro an der Börse. Der US-Medienkonzern Viacom, der sich im Mai 2000 CBS für 48,9 Mrd. Dollar einverleibte, büßte 45,7 Mrd. Euro ein. Daimler-Benz und Chrysler verloren seit ihrer Fusion Ende 1998 rund 37 Mrd. Euro an der Börse. Bezeichnend: Fast alle Konzerne, die sich bei Großfusionen verhoben, schnitten an der Börse deutlich schlechter ab als ihre direkten Wettbewerber.

Viele Firmenchefs müssen jetzt die Notbremse ziehen. „Manchmal ist Scheidung besser als Heirat“, gab Sumner Redstone, Großaktionär und Aufsichtsrat von Viacom, dem Management die Richtung vor. Nun wird der Konzern wieder in zwei Unternehmen aufgespalten. Bei Hewlett-Packard war es Großaktionär Walter Hewlett, der die Wende erzwang. Der vor drei Jahren erworbene PC-Hersteller Compaq ist nun organisatorisch wieder vom Kerngeschäft getrennt. Wohl nur der erste Schritt: Bald schon könnte sich Konzernchef Mark Hurd komplett von dem Zukauf seiner Vorgängerin Carly Fiorina verabschieden. Auch AOL-Time-Warner muss zurückrudern: 2006 will sich der Konzern per Spin-off vom Internetgeschäft trennen.

Weitere Scheidungen werden folgen. Eine Rückabwicklung ihrer Fusion erwägen seit langem die Spitzen des niederländisch-britischen Industriekonzerns Corus, die 1999 aus British Steel und Koninklijke Hoogovens den damals größten europäischen Stahlkonzern formten. Eine Zerschlagung dürfte auch Karstadt-Quelle bevorstehen. Analysten erwarten, dass Großaktionärin Madeleine Schickedanz den Handelskonzern aufteilt, sobald ihre Familie durch die aktuellen Aktienzukäufe die 75-Prozent-Beteiligungsgrenze erreicht hat. Selbst eine Zerschlagung von Daimler-Chrysler ist noch nicht vom Tisch. Im April bemühten sich angeblich Finanzinvestoren um die Aktienpakete einiger Großaktionäre, um den Konzern anschließend zu zerlegen.

„Viele Unternehmen erkennen jetzt, dass sie einzeln effizienter sind als innerhalb eines Konglomerats“, sagt KPMG-Fusionsexpertin Martina Ecker. Der Grund aus ihrer Sicht: Eigenständig kann das Management schneller auf geänderte Marktanforderungen reagieren.

Die Beratungsgesellschaft Bain & Company kommt in einer aktuellen Studie zu alarmierenden Ergebnissen. Zwei von drei Konzernmanagern erklärten dort, die realisierbaren Synergien überschätzt zu haben. Jeder Zweite entdeckte zu spät, dass der Verkäufer das Akquisitionsobjekt trickreich herausgeputzt hatte.

Besonders eklatant gehen Wunsch und Wirklichkeit in der Kreditbranche auseinander, wie Kirsten Bremke von der Unternehmensberatung A. T. Kearney in einer Studie herausgefunden hat. „Obwohl über 80 Prozent die Steigerung der Profitabilität als Fusionsziel angaben“, sagt sie, „erreichten nur 30 Prozent tatsächlich eine deutliche Verbesserung.“ Bei der Hypo-Vereinsbank beispielsweise, berichten Insider, sollen bis heute die EDV-Systeme der einstigen Fusionspartner Bayerische Hypothekenbank und Vereinsbank nicht vollständig miteinander kommunizieren. Doch hier kam ein Konkurrent den unzufriedenen Aktionären zuvor und nutzte die fehlgeschlagene Fusion von 1998: Die italienische Unicredito übernimmt jetzt die Münchener Bank.

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