Handelsblatt „CFO Summit 2022“: Finanzvorstände rechnen mit längerer Inflationsphase – und baldiger Reaktion der EZB
Die Managerin fürchtet, dass die deutsche Wirtschaft im zweiten Halbjahr in eine technische Rezession rutscht.
Foto: Marc-Andre HergenröderDüsseldorf. Finanzvorstände führender deutscher Konzerne bereiten ihre Unternehmen auf eine längere Phase steigender Preise vor. „Allen muss klar sein, dass Inflation kein kurzfristiges Phänomen mehr ist“, sagt Thomas Toepfer, Finanzvorstand des Kunststoffherstellers Covestro. Er geht davon aus, dass die Europäische Zentralbank (EZB) im Sommer gegensteuern wird. Laut Siemens-Finanzvorstand Ralf Thomas könnte die Reaktion der EZB – etwa ein Zinsschritt – „stärker ausfallen als erwartet“.
Von der kurzfristigen Wirkung verspricht sich der Siemens-Vorstand nicht viel. Thomas kritisierte am Dienstag auf dem „CFO Summit 2022“ des Handelsblatt die zögerliche Haltung der EZB. „Das Thema Inflation ist seit Längerem absehbar, die Kernaufgabe der Preisstabilität aber ist im Hintergrund geblieben“, sagte er in Düsseldorf. „Jetzt reden wir bereits über das Gespenst der Stagflation, dem man nicht mehr nur mit dem klassischen monetären Instrumentarium begegnen kann.“
Viele Topmanagerinnen und Topmanager verstehen zwar das Dilemma, da die Zentralbank zugleich die konjunkturell fragile Lage der Wirtschaft bedenken müsse. Dennoch werde die EZB der Inflation bald etwas entgegensetzen müssen, sagte Astrid Hermann, Finanzchefin des Konsumgüterherstellers Beiersdorf, auf dem „CFO Summit“.
Auf die EZB wollen die Unternehmen aber nicht warten, sondern aktivieren längst interne Pläne. „Wir gehen von einer länger anhaltenden Inflationsphase aus und vertrauen im Umgang damit vor allem den Stellhebeln, die wir selbst in der Hand haben“, sagte Siemens-CFO Thomas. Für ihn gehört dazu ein Mix aus Verbesserung der Produktivität, Sicherung der Lieferketten und der Weitergabe der höheren Kosten über die Verkaufspreise an die Kunden.
Das aber gelingt nicht allen gleichermaßen. Siemens sieht sich als Technologieführer in seinen Kernmärkten wie der digitalen Fabriksteuerung und verfügt dadurch über ausgeprägte Pricing-Power. Ähnliches gilt für Covestro, dessen Kunststoffe in der Elektromobilität, Windkraft und Konsumgüterprodukten weiter gefragt sind.
Weil die Nachfrage der Verbraucher derzeit noch intakt ist, kann auch der Hautpflegespezialist Beiersdorf mit starken Marken wie Nivea die Preise anheben. Doch alle Firmen treibt die Frage um, ob und wann die Inflation auf die Verbraucherstimmung durchschlagen wird.
Der Manager kritisiert die zögerliche Haltung der EZB.
„Man kann und darf sich nicht darauf verlassen, dass man steigende Rohstoff- und Energiepreise problemlos an die Kunden weitergeben kann“, sagte Toepfer. Covestro sucht verstärkt nach Möglichkeiten, die benötigten Vorprodukte in den eigenen Chemieanlagen selbst herzustellen und dadurch weniger am Markt zu Höchstpreisen einkaufen zu müssen. Eigene Wertschöpfung soll den Konzern unabhängiger von der Inflation machen. Zugleich wollen sich die Leverkusener neue Lieferverträge über erneuerbaren Strom mit planbar festgelegten Preisen sichern.
Die Konzerne halten das Geld zusammen
Die Finanzvorstände reagieren aber nicht allein auf die absehbar hohe Inflation. Auf dem „CFO Summit“ des Handelsblatts sprachen sie von einem noch nie da gewesenen Mix aus verschiedenen Krisen: Rohstoffknappheit, teure Energie, Auswirkungen des China-Lockdowns und des Ukrainekriegs.
Die CFOs kommen mit der Szenarioplanung kaum nach. „In den vergangenen Monaten ist immer das schlechteste von uns entworfene Szenario eingetreten“, sagt Beiersdorf-CFO Hermann. Zuletzt habe sich die Situation zwar etwas entspannt. Doch die Managerin fürchtet, dass die Wirtschaft im zweiten Halbjahr technisch gesehen in eine Rezession rutschen wird.
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Deswegen hält Beiersdorf die Kosten unter Kontrolle. Finanziell sieht sich der Konzern wegen seines üppigen Cash-Bestands gut für die Krise aufgestellt. Andere Firmen haben sich vor dem erwarteten Zinsanstieg neues Fremdkapital besorgt und mit dickeren Liquiditätspolstern für unsichere Zeiten gerüstet.
Alle Firmen halten das Geld zusammen und schrauben wo immer möglich an der Produktivität und Effizienz. Für Siemens etwa sei es als Industriegüterhersteller extrem wichtig, weiterhin mit einem starken Cashflow zu punkten – auch bei den Investoren, wie CFO Thomas erläuterte. Ihre Investitionen und Budgets kürzen die meisten Firmen derzeit noch nicht, prüfen aber den Zeitplan der Projekte und priorisieren sie. „Wir fahren bei den Marketingausgaben vorerst auf Sicht“, sagt Michael Söhlke, Finanzchef des Spirituosenherstellers Semper idem Underberg.
Zugleich verstärken die Unternehmen ihre Lagerhaltung, um in den kommenden Monaten lieferfähig zu bleiben. Denn die Lieferketten sind weiter sehr angespannt. Vor allem die schwierige Lage in China nach den Lockdowns bleibt unsicher. Frühestens Ende Juni könnten sich die Lieferketten dort wieder entspannen, erwartet Covestro-CFO Toepfer – vorausgesetzt, die strikte Coronapolitik werde sich nicht auf weitere Regionen Chinas ausweiten.