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Handelsblatt-Industriegipfel Revolution auf leisen Sohlen – So soll die Fabrik der Zukunft aussehen

Automatisierung, Künstliche Intelligenz, Big-Data-Analysen: Beim Handelsblatt-Industriegipfel diskutierten 250 Teilnehmer über die Fabrik der Zukunft.
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Die Telefónica-Vorständin berichtete von den Möglichkeiten des Highspeed-Netzes 5G. Quelle: Vogt für Euroforum und Handelsblatt
Valentina Daiber

Die Telefónica-Vorständin berichtete von den Möglichkeiten des Highspeed-Netzes 5G.

(Foto: Vogt für Euroforum und Handelsblatt)

Duisburg, Stuttgart Mit kleinen, rechteckigen Zetteln fängt alles an. Im Stuttgarter Autoteile-Werk von Bosch, dem ältesten des Unternehmens, hängen sie an jedem Bauteil, in jeder Halle, an jedem Karton. Sie sollen dem Produktionsleiter dabei helfen, die Menge der hergestellten Motorpumpen tagesaktuell zu überwachen. Der Logistik sollen sie zeigen, ob sie ein bestimmtes Bauteil in Zukunft häufiger nachbestellen muss – etwa, weil es besonders oft verwendet wird.

Lange Zeit war das eigentlich sinnvolle Zettelsystem bei Bosch ein quälend ineffizienter Prozess: Ein Mitarbeiter zählte die Zettel, übertrug die Daten auf seinem Computer in eine Tabelle, die wiederum am nächsten Tag ausgedruckt und für die Morgenbesprechung an einer Pinnwand aufgehängt wurde. Heute erledigt all diese Arbeiten ein Zusammenspiel aus Sensoren, Software und Touchscreens automatisch. Die Zeit- und Nervenersparnis ist riesig.

Die vierte industrielle Revolution, sie kommt eher unauffällig daher. Nicht Arbeitsplätze, sondern monotone Nebentätigkeiten fallen ihr als Erstes zum Opfer. Für die Unternehmen bedeutet das zunächst einmal mehr Effizienz und Flexibilität – für die Mitarbeiter oft eine Erleichterung im Arbeitsalltag. „Industrie 4.0 soll den Mitarbeitern dabei helfen, einen besseren Job zu machen, und sie nicht ersetzen“, sagt Stefan Aßmann, Leiter der Digitalisierungseinheit Connected Industry bei Bosch.

Das Projekt ist typisch für die Vernetzung der industriellen Produktion. Die Fabrik der Zukunft stand am Montag ganz im Zentrum des Handelsblatt-Industriegipfels. NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) hatte die Veranstaltung in der alten Gebläsehalle des ehemaligen Stahlwerks im Duisburger Landschaftspark Nord eröffnet, rund 250 Teilnehmer diskutierten dort über die technologischen Trends.

Europa im Zwiespalt

Technologien wie Künstliche Intelligenz, Big-Data-Analysen und Automatisierung werden für die deutsche Industrie im globalen Wettbewerb immer wichtiger. Unternehmen aus China und den USA gelten beim Thema Künstliche Intelligenz oft deutlich weiter als deutsche Firmen.

Europa sei in einer Zwischenposition, erklärte der Deutschlandchef des Beratungsunternehmens Capgemini, Michael Schulte, den Teilnehmern. „China will den USA erklärtermaßen im IT-Geschäft den Rang ablaufen.“ Schon heute seien die bestfinanzierten KI-Start-ups allein in den USA und China zu finden – „während es in Deutschland noch Buddelvereine gibt, bei denen Verbraucher den Breitbandausbau selbst in die Hand nehmen“.

Dabei ist das Potenzial der neuen Technologien riesig: Allein Bosch will bis 2020 eine Milliarde Euro durch die Digitalisierung seiner Fabriken einsparen. Schon jetzt hätten Softwarelösungen an einigen Standorten dafür gesorgt, die Produktion um 25 Prozent zu steigern – bei einer Senkung der Lagerbestände um 30 Prozent. Dafür verantwortlich sind auch Technologien wie die digitalisierten Zettel am Standort Feuerbach.

Capgemini-Deutschlandchef Michael Schulte erklärt den Teilnehmern des Industriegipfels, wie China den USA im IT-Geschäft den Rang ablaufen will. Quelle: Vogt für Euroforum und Handelsblatt
Michael Schulte

Capgemini-Deutschlandchef Michael Schulte erklärt den Teilnehmern des Industriegipfels, wie China den USA im IT-Geschäft den Rang ablaufen will.

(Foto: Vogt für Euroforum und Handelsblatt)

Zudem will der Konzern eine Milliarde Euro zusätzlichen Umsatz generieren, indem er seine Industrie-4.0-Lösungen verkauft. „Wir haben schon jetzt einen großen Teil davon geschafft und rechnen damit, beide Ziele sogar zu übertreffen“, sagte Aßmann dem Handelsblatt.

Wie Bosch gehört auch der Düsseldorfer Konsumgüterhersteller Henkel zu den Pionieren bei der digitalen Transformation der Fabrik. Der Klebstoff-, Waschmittel- und Beauty-Konzern verarbeitet in seinem Einkauf mehr als 250 Millionen Datensätze täglich – zunehmend auch mit Künstlicher Intelligenz. In der Produktion wiederum erfassen sogenannte Highspeed-Kameras die korrekte Befüllung von Behältern und die Etikettierung. Und Sensoren messen überall den weltweiten Ressourcenverbrauch – an der gesamten Lieferkette entstehen so eine Milliarde Datenpunkte.

Transformation braucht Kulturwandel

Um all diese Innovationen in die eigenen Prozesse zu integrieren, brauche es „im Unternehmen einen Kulturwandel und ein Umdenken“, so erklärte Henkel-Chef Hans Van Bylen den Teilnehmern des Gipfels den Transformationsprozess. Das gilt auch für die Organisation als Ganzes: Nach Ansicht des Managers bietet die Digitalisierung „nicht nur die Chance, sondern geradezu die Notwendigkeit, Innovationsprozesse stärker nach außen zu öffnen“.

Ähnlich äußerte sich NRW-Wirtschaftsminister Pinkwart, der die Unternehmen in seiner Eröffnungsrede ermahnte, „die Silos des Wissens“ aufzubrechen. „Innovation erfolgt heute in komplexen, parallel angelegten Prozessen. Eine Antwort auf das immer schneller werdende Tempo liegt in der Kooperation – in unterschiedlichen Ländern, unterschiedlichen Kulturen und mit unterschiedlichen Talenten“, sagte er. Die deutsche Industrie müsse „ihre PS auf die Straße bringen, forderte der Minister, dem neben der Wirtschaft auch die Ressorts Innovation, Digitalisierung und Energie unterstellt sind.

Netzwerken im Industriedenkmal. Quelle: Vogt für Euroforum und Handelsblatt
Teilnehmer beim Lunch

Netzwerken im Industriedenkmal.

(Foto: Vogt für Euroforum und Handelsblatt)

Bei Henkel soll die Digitalplattform Henkel X für Innovationen sorgen, auf der sich Experten in und aus dem Unternehmen weltweit miteinander austauschen können. Beim Bosch-Werk in Feuerbach sorgt ein Verbund mehrerer Unternehmen aus dem Konzern und außerhalb für den nötigen Wissenstransfer.

Solche Kompetenzcluster sind oft auch eine Antwort auf ein weiteres Problem, das viele Unternehmen bei der digitalen Transformation hemmt. So identifizierte Capgemini-Deutschlandchef Schulte den Fachkräftemangel als eines der drängendsten Probleme der deutschen Industrie: „Die Unternehmen müssen ihren Talent-Pool selbst ausbauen, wenn sie in Zukunft erfolgreich sein wollen.“

Derzeit gebe es deutlich mehr Nachfrage nach IT-Kräften, als das Angebot befriedigen könne. „Die Unternehmen sollten wissen, welche Fähigkeiten sie in den kommenden Jahren benötigen werden, und selbst in Mitarbeiter investieren“, sagte Schulte. Er sah dabei auch die Politik gefordert – etwa beim Thema Ausbildung in Schulen und Universitäten.

Kompetenzen aufbauen oder zukaufen

Die Sorge, dass die Digitalisierung massenhaft Jobs kosten werde, teilten die Redner des Industriegipfels nicht. So erklärte Bosch-Manager Aßmann den Teilnehmern: „Während in der Fertigung die Zahl der benötigten Arbeitskräfte abnehmen könnte, werden gleichzeitig neue Kräfte beispielsweise in der Softwareentwicklung gebraucht.“

Ein Beispiel aus der Praxis ist ein Bosch-Mitarbeiter aus der Produktion, der sich in seiner Freizeit hobbymäßig mit der Programmierung seines Smart Homes beschäftigt hat. Heute arbeitet er in der Softwareentwicklung und programmiert Anwendungen für smarte Fabriken.

NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart mahnt die Unternehmen zur Zusammenarbeit. Quelle: Vogt für Euroforum und Handelsblatt
Andreas Pinkwart

NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart mahnt die Unternehmen zur Zusammenarbeit.

(Foto: Vogt für Euroforum und Handelsblatt)

Wenn Unternehmen Quereinsteiger förderten und die Belegschaft früh an solche Technologien heranführten, lasse sich die Begeisterung der Mitarbeiter wecken, meint Aßmann: „Industrie 4.0 muss den Leuten die Arbeit wirklich erleichtern – dann sind die Mitarbeiter schnell von den Vorteilen überzeugt.“

Ein anderer Weg, um frische Mitarbeiter und Technologien ins Unternehmen zu bringen, ist der Zukauf junger Unternehmen. So investiert etwa Henkel in einer eigenen Venture-Capital-Einheit bis 2020 rund 150 Millionen Euro in Start-ups, die dem Industriekonzern nützlich sein könnten. Rund die Hälfte der Gelder ist bereits vergeben oder verplant. Dabei gehe es um Technologien, aber auch um neue Geschäftsmodelle, so Henkel-Chef Van Bylen. „Daneben investieren wir auch Gelder über klassische Venture-Capital-Fonds, deren Portfolio zu unserem passt.“

Bis die Fabriken vielleicht eines Tages tatsächlich menschenleer werden, dürfte noch einige Zeit vergehen. Bei allem Fortschritt schätzt Bosch-Manager Aßmann: „ Der entscheidende Akteur bleibt der Mensch. Davon bin ich überzeugt.“

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