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Handelsblatt Pharmatagung Personalisierte Medizin fordert die Pharmakonzerne heraus

Neue Technologien beschleunigen auch in der Arzneimittelbranche den Strukturwandel. Wer sie richtig nutzt, schafft den Sprung aus der Wachstumsflaute.
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Mehr Kooperation und Vernetzung mit der Wissenschaft sind nötig. Quelle: Dietmar Gust / Euroforum
Jannsen-Medizindirektor Michael von Poncet

Mehr Kooperation und Vernetzung mit der Wissenschaft sind nötig.

(Foto: Dietmar Gust / Euroforum)

BerlinDie Arzneimittelindustrie hat das Potenzial für eine neue Wachstumsphase. Sie muss dazu aber einen weitreichenden Struktur- und Kulturwandel bewältigen. Das machten Experten auf der Handelsblatt-Jahrestagung Pharma am Dienstag in Berlin deutlich.

Die beiden zentralen, zum Teil miteinander verwobenen Herausforderungen: Digitalisierung und die immer stärkere Fokussierung auf den einzelnen Patienten.

Frank Wartenberg, Europachef des führenden Pharma-Marktforschungsunternehmens IQVIA, bringt die neuen Anforderungen folgendermaßen auf den Punkt: „Erfolgreiche Firmen müssen effiziente Behandlungsverfahren sicherstellen und den selbstbewussten Patienten ins Zentrum stellen.“

Die Digitalisierung hat aus seiner Sicht daher eine grundlegende Bedeutung, weit über den Einsatz in Forschung und Produktion hinaus. „Sie berührt jeden Aspekt der pharmazeutischen Wertschöpfungskette“, so Wartenberg. Die Experten von IQVIA trauen der Pharmabranche dabei zu, die neuen Instrumente für einen soliden, wenn auch nicht stürmischen Aufschwung zu nutzen.

Die globalen Ausgaben für Arzneimittel, schätzen sie, dürften bis 2023 um rund ein Viertel auf 1,5 Billionen Dollar steigen. Das entspricht jährlichen Wachstumsraten von drei bis sechs Prozent. Der Produktmix der Branche, so die Erwartung, wird sich dabei weiter in Richtung Spezialmedikamente und Arzneien für seltene Erkrankungen verschieben.

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Dieser Wandel wird längst auch in den M&A-Strategien sichtbar. Der US-Konzern Eli Lilly etwa erwarb jüngst die Forschungsfirma Loxo Oncology, deren Wirkstoffe an spezifischen, aber relativ seltenen Mutationen ansetzen, die in diversen Krebsarten auftreten können. Die japanische Takeda ist durch die Übernahme der britischen Shire zum zehntgrößten Arzneimittelhersteller weltweit und zum führenden Anbieter von Medikamenten gegen seltene Erkrankungen aufgestiegen.

„Wenn es um den Patienten geht, dann hat keiner von uns den 360-Grad-Blick“, erklärt die neue Takeda-Deutschlandchefin Heidrun Irschik-Hadjieff den rund 100 Teilnehmern der Pharmatagung. „Am ehesten hat den noch der Patient selbst.“ Als Konsequenz baut Takeda deshalb gezielt den Kontakt mit den Patientengruppen aus und bezieht sie bei der Entwicklung von digitalen Unterstützungsangeboten mit ein.

Bei der Darmerkrankung Morbus Crohn beispielsweise, die oft bereits in jungen Jahren auftritt, hat das Unternehmen via Facebook rund 200 Patienten gefunden, mit deren Hilfe Alexa so trainiert wurde, dass der Sprachassistent den Patienten nun aktiv unterstützt: Er erinnert an den nächsten Arztbesuch, gibt Auskunft, welche Unterlagen noch benötigt werden, und beantwortet Fragen nach der Verträglichkeit bestimmter Lebensmittelkombinationen.

In der Pharmaforschung begann der Trend zu mehr Patientenfokus und Personalisierung bereits vor zwei Jahrzehnten, als zum Beispiel die ersten Krebsmedikamente auf den Markt kamen, die an spezifischen Mutationen angreifen. Das führte zu einer immer stärkeren Differenzierung der Patientengruppen und bewegt sich inzwischen auf völlig individualisierte Arzneimitteltherapien zu.

„Es geht um wirklich disruptive Technologien“

Herausragendes Beispiel dafür ist die sogenannte Car-T-Zelltherapie, für die der Schweizer Pharmariese Novartis 2018 die Zulassung erhalten hat. Dabei werden Immunzellen der Patienten im Labor gentechnisch umprogrammiert, sodass sie Krebszellen identifizieren und unschädlich machen können, und anschließend wieder injiziert. „Es geht um wirklich disruptive Technologien. Das ist ein ganz neuer Ansatz, Krebserkrankungen anzugehen“, sagt Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts.

An einer anderen Form von individualisierter Therapie arbeitet die Mainzer Biotechfirma Biontech mit Hochdruck. Das Ziel: Krebsimpfstoffe auf Basis von RNA zu entwickeln, die an die individuellen Mutationen im Tumor der einzelnen Patienten angepasst sind. Biontech hofft damit, eine der entscheidenden Hürden in der bisherigen Krebstherapie zu überwinden: die Fähigkeit der Tumore, den Krebsmedikamenten durch Mutationen immer wieder auszuweichen.

„Jeder Tumor ist letztlich einzigartig“, sagt Sierk Poetting, der Finanzchef und Chief Operations Officer von Biontech. „Vor allem deshalb ist auch die individualisierte Medizin so vielversprechend.“ Die beiden Extrembeispiele machen deutlich, wie stark die Geschäftsmodelle der Pharmabranche von dem Trend berührt werden.

Die Car-T-Therapie etwa ähnelt eher einer Stammzell-Transplantation als der klassischen Pharmaproduktion, bei der Arzneien in einheitlicher Form, in großen Mengen und an zentralisierten Standorten hergestellt werden. Ähnliches gilt für die Tumorvakzine von Biontech. Für jeden Patienten wird ein einzelnes, individuelles Arzneimittel hergestellt.

Das birgt nicht nur medizinisch große Herausforderungen. Um solche Therapien vielen Patienten zur Verfügung stellen zu können, werden auch in der Produktion neue, effiziente Prozesse benötigt. Aber selbst da, wo es nicht um völlig individualisierte, sondern nur um stärker spezialisierte Therapien geht, erwächst erheblicher Anpassungsbedarf für die Pharmabranche.

Big Pharma rechnet mit schwächerem Wachstum

Um die rückläufigen Volumina für Einzelprodukte und den wachsenden Preisdruck bei älteren Medikamenten aufzufangen, brauchen die Pharmafirmen einen steigenden Output an neuen Produkten.

Wie groß die Herausforderung ist, zeigen etwa die aktuellen Zahlen: So hat sich das Umsatzwachstum der großen Pharmafirmen in den letzten Jahren nur wenig beschleunigt auf währungsbereinigt etwa vier Prozent im letzten Jahr, obwohl man die Zahl der Neuzulassungen seit Anfang des Jahrzehnts verdoppeln konnte.

„Wenn es um den Patienten geht, dann hat keiner von uns den 360-Grad-Blick“, sagt die Geschäftsführerin von Takeda. Quelle: Dietmar Gust / Euroforum
Heidrun Irschik

„Wenn es um den Patienten geht, dann hat keiner von uns den 360-Grad-Blick“, sagt die Geschäftsführerin von Takeda.

(Foto: Dietmar Gust / Euroforum)

Für 2019 prognostizieren die meisten Big-Pharma-Konzerne sogar deutlich schwächeres Wachstum als bisher. Auch mit Blick auf die Forschung wächst daher der Druck, die Effizienz zu erhöhen, zumal auch die Produktentwicklung immer kleinteiliger wird.

„Personalisierte Wirkansätze erfordern eine kontinuierlich steigende Zahl von klinischen Studien“, sagt Peter Albiez, Deutschlandchef des Pharmariesen Pfizer. „Wir brauchen daher eine Beschleunigung der Entwicklung. Mit Big Data haben wir dazu eine Chance.“

Die analytischen Herausforderungen, die Pharmaforscher dabei bewältigen müssen, sind gewaltig. Lars Greiffenberg verweist auf die riesigen Dimensionen der Biologie: In jeder menschlichen Zelle interagieren 176 Billionen Moleküle. „Die Komplexität einer einzigen menschlichen Zelle ist damit etwa vergleichbar mit der Komplexität von Amazon“, sagte der Leiter für digitale Forschung und Literaturdatenbanken beim Pharmakonzern Abbvie.

Und es wird noch komplexer für die Akteure: Für die Zulassungsprozesse werden neben den relevanten klinischen Studien künftig verstärkt auch Daten aus der ärztlichen Praxis, die sogenannten Realworld-Daten, eine Rolle spielen – dank besserer elektronischer Erfassung und Aufbereitung. „Die Pharmafirmen müssen letztlich weit über den Wirkstoff hinausgehen“, erwartet IQVIA-Manager Wartenberg.

Über die ohnehin bereits komplizierten Partnerstrukturen in der Forschung hinaus brauchen sie ein zusätzliches Netzwerk an Allianzen mit Kliniken, öffentlichen Datenbanken und Tech-Firmen. „Die Zukunft der Pharmaindustrie wird sich nicht im Silo entwickeln“, ist Medizindirektor Michael von Poncet von Janssen Pharmaceuticals, der Pharmatochter des US-Gesundheitskonzerns Johnson & Johnson, überzeugt. Mehr Vernetzung und Kooperation ist also gefragt – auch das ist ein Effekt des zweifachen Strukturwandels in der Branche.

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