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Handelsblatt Stahltagung Die Stahlindustrie steckt in der Protektionismus-Spirale

Ein Jahr nach Inkrafttreten der US-Stahlzölle haben sich die meisten Hersteller auf die neuen Spielregeln eingestellt. Doch der Protektionismus könnte global weiter zunehmen.
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Stahlindustrie steckt in der Protektionismus-Spirale Quelle: dpa
Stahlarbeiter in Duisburg

Viele Stahlhersteller habe sich bereits auf das veränderte politische Umfeld eingestellt.

(Foto: dpa)

DüsseldorfDas Drama begann mit einer Twitter-Botschaft des US-Präsidenten. „Wer keinen Stahl hat, hat kein Land“, schrieb Donald Trump im März 2018 zornerfüllt in Großbuchstaben. Kurze Zeit später belegte Washington Stahl- und Aluminiumimporte mit Strafzöllen in Höhe von 25 beziehungsweise 10 Prozent – und brachte so Europa und China dazu, ihrerseits über Strafzölle auf Motorräder, Whisky und andere US-Importe zu diskutieren.

Es war der Beginn eines globalen Handelsstreits, der bis heute einen Schatten auf die Weltkonjunktur wirft.

Ein Jahr später zittert vor allem die deutsche Autoindustrie vor neuen Vergeltungsmaßnamen – während viele Stahlhersteller sich bereits auf das veränderte Umfeld eingestellt haben. Allein der österreichische Produzent Voestalpine hat seither bei den US-Behörden Ausnahmen für 6000 seiner Stahlprodukte beantragt, erklärte Voestalpine-Chef Wolfgang Eder vor einigen Tagen vor Journalisten in Frankfurt.

Gut zwei Drittel dieser Anträge seien schon bearbeitet, davon nur 400 abgelehnt worden, so der Manager. Eine eigene Taskforce aus elf Mitarbeitern kümmert sich nun allein um die Abwicklung des Geschäfts in den USA. „Vom Vorstand allein ist diese Komplexität neben dem Tagesgeschäft nicht mehr zu bewältigen“, erklärte Eder den Schritt.

Damit dürfte der erfahrene Stahlmanager, der sein Amt im Juli nach gut 15 Jahren an der Spitze von Voestalpine abgeben wird, vielen seiner Kollegen aus der Seele sprechen. Denn schon vor Trumps Vorstoß zählte der Stahl in vielen Ländern zu den am stärksten regulierten Importgütern: Rund ein Drittel aller weltweit in Kraft gesetzten Antidumping-Maßnahmen betreffen Stahlprodukte. Und das, obwohl diese nur einen Bruchteil des weltweiten Handels ausmachen.

Einen Grund für diese herausgehobene Stellung sieht Nicole Voigt, Stahlexpertin bei der Strategieberatung Boston Consulting Group (BCG), in den vielfachen Verwendungsmöglichkeiten des Metalls. „Die Stahlproduktion ist immer noch das Grundnahrungsmittel vieler Folgeindustrien“, so die Beraterin. „Denn Stahl wird in der Automobilindustrie, beim Bau und bei der Herstellung von Haushaltsgeräten verwendet – um nur ein paar Beispiele zu nennen.“

Dass der protektionistische Druck auf die Hersteller in naher Zukunft abnimmt, glaubt Voigt deshalb nicht: „Sowohl Hersteller als auch Abnehmer müssen heute eigene Prozesse aufsetzen, um das volatile Handelsumfeld im Blick zu behalten.“ Dafür sei ein tiefes Verständnis der gesamten Lieferkette erforderlich. „Nur so kann ich die konkreten Auswirkungen veränderter Handelsbedingungen in verschiedenen Ländern realistisch abschätzen“, so die BCG-Expertin.

Weiterverarbeitende US-Industrie zählt zu den Verlierern

Zumindest für die US-Hersteller hat sich das Inkrafttreten von „Section 232“ – so lautet der Name des Paragrafen im US-Handelsgesetz, auf dem die Strafzölle basieren – in den vergangenen zwölf Monaten laut einer aktuellen BCG-Studie als Segen herausgestellt: So sei die Auslastung der US-Stahlwerke infolge der Maßnahmen von 75 auf 81 Prozent und damit über die Zielmarke hinaus gestiegen, die die US-Regierung im Vorfeld selbst ausgegeben hatte.

Noch deutlicher zeigt sich der Effekt bei der Profitabilität der Firmen: Die Gewinnmarge der US-Hersteller stieg 2018 von neun auf 14 Prozent – und damit viermal stärker als in anderen Industrieländern im gleichen Zeitraum.

Zu den großen Verlierern indes zählen nicht etwa nur ausländische Hersteller, sondern vor allem die weiterverarbeitende Industrie in den USA. Denn ebenso wie die Margen der Produzenten stiegen auch die Kosten der Kunden.

Mussten die Unternehmen im mittleren Westen der USA Anfang 2018 noch rund 700 Dollar pro Tonne warmgewalztem Stahl bezahlen, stiegen die Preise bis zum August auf mehr als 900 Dollar pro Tonne an. Zuletzt allerdings meldete das US-Portal Phoenix Steel Service einen Preis von knapp 700 Dollar und damit wieder leicht unter dem Niveau von vor einem Jahr.

In Europa haben die US-Zölle anfangs kurzfristig für steigende Importe gesorgt – und zwar aus Ländern, deren Stahlprodukte wegen der Zölle nicht mehr profitabel in die USA geliefert werden konnten. So stiegen die Einfuhren aus der Türkei und Russland zunächst sprunghaft um 75 beziehungsweise 140 Prozent an – bis die EU ein sogenanntes Safeguard-Verfahren einleitete, das den heimischen Markt bis 2021 vor solchen Umlenkungseffekten schützt.

Doch auch innerhalb der EU sind die Hersteller nicht gänzlich vor Handelsverwerfungen gefeit, im Gegenteil. Bestes Beispiel dafür ist der EU-Austritt der Briten, der schon seit Monaten für Unruhe in der europäischen Wirtschaft sorgt.

Mit Tata Steel Europe ist ein Hersteller direkt vom Brexit betroffen: Die europäische Stahltochter des indischen Mischkonzerns Tata, die vor der Fusion mit der Stahlsparte von Thyssen-Krupp steht, betreibt Werke in den Niederlanden und Großbritannien. Nicht ohne Grund haben sich die beiden Joint-Venture-Partner im Vorfeld darauf geeinigt, dass der neue Hauptsitz in Amsterdam liegen wird.

Noch stärker indes könnte die Autoindustrie in Mitleidenschaft gezogen werden, deren eng getaktete Just-in-Time-Produktion stark von reibungslos funktionierenden Lieferketten abhängig ist. Sie zählt zu den größten Abnehmern vieler Stahlproduzenten – die somit indirekt unter einer Abkühlung der Autokonjunktur mitleiden könnten.

Das gleiche gilt auch für die Drohung der USA, ausländische Autos mit einem 25-prozentigen Strafzoll zu belegen: Experten rechnen damit, dass ein solcher Schritt allein die deutschen Hersteller bis zu 18,4 Milliarden Euro Volumen kosten könnte.

Und so bleibt den Stahlherstellern vorerst nichts anderes übrig, als die handelspolitischen Entwicklungen rund um den Globus weiterhin aufmerksam zu verfolgen. Denn der nächste Handelsstreit kommt bestimmt.

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