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Saarlands Wirtschaftsministerin Rehlinger will Lösungen fürs Klima finden, „die wir freitags genauso gut den protestierenden Schülern präsentieren können wie am Montag den Arbeitnehmern in der Industrie“

(Foto: Stefan Boness/Ipon)

Handelsblatt-Stahltagung „Klimaschutz muss Teil der unternehmerischen DNA sein“

Vor einem halben Jahr hat die saarländische Wirtschaftsministerin Rehlinger die Nationale Stahlallianz ins Leben gerufen. Im Gespräch mit Thyssen-Krupps Stahlchef Goss zieht sie Bilanz.
24.03.2019 - 13:16 Uhr Kommentieren

Düsseldorf Als saarländische Wirtschaftsministerin setzt sich Anke Rehlinger (SPD) für die Belange der heimischen Stahlindustrie ein. Im Oktober hat sie deshalb gemeinsam mit fünf weiteren Bundesländern die Nationale Stahlallianz gegründet, um den Interessen der Branche in Berlin und Brüssel besseres Gehör zu verschaffen.

Auf der Handelsblatt-Jahrestagung „Zukunft Stahl“ traf Rehlinger auf den Chef des größten deutschen Stahlherstellers, Thyssen-Krupp-Steel-Vorstandschef Andreas Goss. Im Doppelinterview ziehen die Politikerin und der Manager eine erste Bilanz - und sprechen über die Herausforderungen in der Diskussion mit Klima-Aktivisten, Handelspolitikern und der breiten Bevölkerung.

Frau Rehlinger, Herr Goss, welches Fazit ziehen Sie nach einem halben Jahr Stahlallianz?
Goss: Die Allianz ist aus zwei Gründen eine unglaublich wichtige Initiative. Erstens wird für uns als Unternehmen so deutlich, dass die Politik uns helfen will, die sehr komplexen Probleme auf nationaler und internationaler Ebene zu lösen. Zweitens gibt sie uns die Möglichkeit, die Defizite in unserer eigenen Darstellung gegenüber der Bevölkerung gemeinsam auszugleichen. Das ist für uns extrem wichtig.

Worin bestehen diese Probleme?
Goss: Wir müssen es schaffen, die unbestritten wichtigen Klimaziele und die industrielle Zukunft unseres Landes zu vereinen. Dazu brauchen wir einen gesellschaftlichen Konsens. Das ist durch die Unternehmen alleine nicht zu schaffen.

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    Was können Unternehmen denn zumindest beitragen?
    Goss: Wir sind uns in der Führung unseres Unternehmens einig, dass wir unser Geschäftsmodell an die sich verändernden gesellschaftlichen Anforderungen anpassen müssen. Das bedeutet, dass unsere gesamte Strategie, die Art, wie wir Dinge tun, widerspiegeln muss, dass das Ziel der weitreichenden Dekarbonisierung nicht etwas uns Auferlegtes ist, sondern Teil unserer DNA sein muss. Klimaschutz muss integraler Bestandteil unseres unternehmerischen Handels sein.

    Frau Rehlinger, als Sie die Stahl-Allianz im Oktober ins Leben gerufen haben, war auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) zu Gast. Vor wenigen Wochen hat er eine Nationale Industriestrategie in die Diskussion eingebracht. Hilft Ihnen der Rückenwind aus Berlin?
    Rehlinger: Im Oktober war nicht nur Peter Altmaier anwesend, sondern auch unser Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD), der übrigens aus dem gleichen Wahlkreis im Saarland kommt. Das zeigt, dass Industriepolitik nicht nur eine nationale Aufgabe ist. Es ist richtig, über den Transformationsprozess der Autoindustrie zu sprechen, aber wir dürfen niemals die Stahlindustrie unterschlagen.

    Welche Bedeutung hat die Stahlindustrie für das Saarland?
    Rehlinger: Im Saarland reden wir über 12.000 Stahl-Beschäftigte, zusammen mit den nachgelagerten Industrien kommen wir auf über 20.000 Beschäftigte. In der saarländischen Automobilindustrie reden wir über mehr als 40.000 Beschäftigte. Bundesweit sieht es ähnlich aus. Auch hier brauchen wir eine Allianz: Was nützt es, über die Zukunft der deutschen Autoindustrie zu reden, wenn nicht genügend Stahl vorhanden ist, um die Autos zu bauen.

    Aber sind die Probleme in der Autoindustrie nicht auch viel größer?
    Rehlinger: Deshalb ist es wichtiger denn je, in Sachen Klimaschutz auch Verbünde mit anderen Industriebranchen zu fördern. Denn die Stahlindustrie wird nicht den bedeutendsten Teil der Transformation ausmachen.
    Goss: Wir müssen auch die Ziele der Industrie und der Gesellschaft aufeinander abstimmen. Was mir in der Diskussion oft fehlt: Wir haben in unserer Gesellschaft über Jahrzehnte Arbeitsplätze mit sehr hohen Standards geschaffen, die es zu schützen gilt.

    Im Oktober vergangenen Jahres hat die saarländische Wirtschaftsministerin, gemeinsam mit fünf anderen Bundesländern, die Nationale Stahlallianz gegründet. Quelle: Reuters
    Anke Rehlinger

    Im Oktober vergangenen Jahres hat die saarländische Wirtschaftsministerin, gemeinsam mit fünf anderen Bundesländern, die Nationale Stahlallianz gegründet.

    (Foto: Reuters)

    Wir würden diese aber gefährden, wenn sich die industrielle Produktion wegen des Klimaschutzes und aus Kostengründen zunehmend ins Ausland verlagert. Wenn ich auf EU-Ebene Aussagen höre, dass man hunderttausende Menschen in den energieintensiven Industrien umschulen könnte, dann fehlt dort offensichtlich das Verständnis, wie wichtig und unverzichtbar eben diese Industrien für Millionen Menschen in den nachgelagerten Wertschöpfungsketten insgesamt sind.

    Sie sprechen die Überlegung an, Europa notfalls zu deindustrialisieren, sollte keine zügigere CO2-Reduktion möglich sein.
    Goss: Eine solche Position ist extrem und aus meiner Sicht auch nicht zu Ende gedacht. Sie spiegelt viel mehr wider, dass der Wertbeitrag der Industrie zum gesellschaftlichen Wohlstand nicht in ausreichendem Maße wahrgenommen wird. Außerdem ist es nicht Klimaschutz gegen Industrie, da wir wichtiger Bestandteil der Lösung sind. Im Moment gelingt es uns aber offensichtlich noch nicht, dies ausreichend zu verdeutlichen.
    Rehlinger: Wir brauchen eine Lösung, die wir freitags genauso gut den protestierenden Schülern präsentieren können wie am Montag den Arbeitnehmern in der Industrie.

    Muss dieses Problem nicht technisch gelöst werden?
    Goss: Aus innovativer und technischer Sicht ist die grüne Stahlproduktion nach Aussage aller Experten zu stemmen. Es wird aber ein langer Weg sein, der Milliarden kosten wird. Als Unternehmen sind wir hier technologieoffen. Es gibt verschiedene Pfade, wir schließen hier im Voraus keinen aus.

    Woher kommt das Darstellungsproblem?
    Goss: Wir haben als Industrie ein grundsätzliches Glaubwürdigkeitsproblem, da mache ich mir keine Illusionen. Auch steht ein Politiker, der sich heute dafür einsetzt, der Stahlindustrie bei dieser Transformation zu helfen, sofort im Verdacht, sich zum Erfüllungsgehilfen der Industrie zu machen. Das finde ich bedenklich und wir müssen Überzeugungsarbeit leisten, um das zu ändern.

    Der Stahlchef bei Thyssen Krupp fordert engere Zusammenarbeit von Klimaschutz und Industrie. Quelle: Bloomberg/Getty Images
    Andreas Goss

    Der Stahlchef bei Thyssen Krupp fordert engere Zusammenarbeit von Klimaschutz und Industrie.

    (Foto: Bloomberg/Getty Images)

    Frau Rehlinger, was können Landespolitiker wie Sie tun, um diese Transformationsbedingungen zu verbessern?
    Rehlinger: Es geht darum, Bewusstsein zu schaffen. Klimaschutz geht nur mit der Industrie, nicht gegen sie. Deshalb bin ich sehr froh, wenn wir uns darin einig sind, die Verteidigung unserer Industrie nicht als Gegensatz zum Klimaschutz aufzubauen. Wir dürfen nicht gegen eine Dekarbonisierungsstrategie reden. Erstens traut sich die Industrie das zu, und zweitens ist die Industrie nicht das Problem, sondern die Lösung. Nehmen sie das Beispiel Windräder: Auch hierfür brauchen wir Stahl. Das sind Bilder, die wir in den Köpfen erzeugen müssen.

    An anderer Stelle ist die Politik derzeit nicht so hilfreich, nämlich bei den stockenden Verhandlungen für den Brexit. Herr Goss, Sie sind womöglich bald Chef eines deutsch-niederländisch-britischen Stahlunternehmens: Wie beobachten Sie die Diskussion?
    Goss: Ich habe einen engen Bezug zu Großbritannien und glaube auch zu verstehen, wie die Briten fühlen. Aber die EU hat einen höheren Wert – und wenn das nicht mehr verstanden wird, muss die EU darum kämpfen, dass wieder klar wird: Die Europäische Union ist nicht nur eine Freihandelszone, sondern viel, viel mehr.

    Was würde ein harter Brexit für die Fusion mit Tata Steel Europe bedeuten?
    Goss: Darüber kann und will ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht spekulieren, da ja noch nicht einmal klar ist, wie der Brexit ablaufen wird und welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Sicher ist, dass wir den Vorgaben der Politik folgen müssen, nicht nur im Klimaschutz. Denn die Industrie versorgt die Gesellschaft, aber sie setzt nicht im Alleingang gesellschaftliche Normen.

    Nehmen Unternehmen nicht auch Einfluss auf die Gesellschaft? Thyssen-Krupp hat zum Beispiel kürzlich seine Mitarbeiter zur Teilnahme an der Europawahl aufgerufen.
    Goss: Wir sind - wie gesagt - ein Teil der Gesellschaft, das ist doch klar. Deshalb sollte unternehmerisches Handeln auch von gesellschaftlichen Werten gleitet sein. Ich würde mir wünschen, dass dies stärker ins allgemeine Bewusstsein rückt. Nochmal: es muss uns gelingen klarzumachen, dass wir ein wichtiger Teil der Lösung sind und nicht das Problem.
    Rehlinger: Ich halte es für richtig, zu sagen, dass auch Unternehmen eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung haben. Das gilt auch für die Europawahl, zu der man die Bürger noch einmal aufrufen muss. Laut der letzten Umfrage, die ich kenne, wollen 55 Prozent der Bundesbürger nicht an der Wahl teilnehmen. Hier entscheidet sich aber die Frage: Wollen wir ein Europa der Nationalisten? Oder eine Wertegemeinschaft, die stark genug ist, die großen Probleme zu bewältigen?

    Frau Rehlinger, Herr Goss, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

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