Herbert Diess Sanierer auf Kuschelkurs

Auf dem VW-Markenabend hat der neue Chef der VW-Kernmarke Herbert Diess seinen ersten großen Auftritt. Der Sanierer setzt dabei auf Diplomatie – und zeigt sich bewusst kooperationsbereit.
In den Manager setzt man in Wolfsburg große Hoffnung. Er soll die Kernmarke VW, deren Rendite zuletzt merklich gelitten hat, wieder auf Kurs bringen. Der einstige Entwicklungsvorstand bei BMW galt lange als potentieller Nachfolger von Norbert Reithofer. Quelle: dpa
Volkswagen-Markenvorstand Herbert Diess

In den Manager setzt man in Wolfsburg große Hoffnung. Er soll die Kernmarke VW, deren Rendite zuletzt merklich gelitten hat, wieder auf Kurs bringen. Der einstige Entwicklungsvorstand bei BMW galt lange als potentieller Nachfolger von Norbert Reithofer.

(Foto: dpa)

FrankfurtDer heimliche Star des Abends kommt erst kurz vor Schluss. Nachdem VW-Entwicklungsvorstand Heinz-Jakob Neußer den neuen Tiguan vorgestellt hat, betritt er die Bühne. Herbert Diess, neuer Vorstandschef der Kernmarke VW, absolviert auf dem traditionellen Konzernabend vor den Pressetagen der IAA in Frankfurt seinen ersten großen Auftritt in seiner neuen Funktion.

Als vorletzten Programmpunkt soll er vor den Zuschauern in der Fraport-Arena in einer kurzen Rede seine Vision vom neuen VW vorstellen. Anfangs wirkt selbst der erfahrene Automanager fast ein bisschen eingeschüchtert von der Kulisse, findet sich dann aber schnell zurecht im Rampenlicht, das seine Aufgabe mit sich bringt. In Diess setzen sie in Wolfsburg große Hoffnung. Er soll die Kernmarke, deren Rendite zuletzt merklich gelitten hat, wieder auf Kurs bringen.

Wie VW Blech zur Bewegung animiert
VW Golf
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Ein Golf ist ein Golf ist ein Golf. Seit 41 Jahren. Eine würdige Feier für den runden Geburtstag hat Volkswagen 2014 dennoch absichtlich vermieden. Die „Generation Golf“ soll sich auf keinem Fall alt fühlen. Stattdessen wurde Europas Besteller mit jedem Schritt straffer, sportlicher, erwachsener. Genau betrachtet, es ist nur noch die breite C-Säule mit dem markanten Knick, die jede Golf-Generation optisch verbindet. Nach wie vor ist das Design alles andere als aufgeregt. Der Golf ist keine Diva, sondern ist und bleibt der stämmige und aufrichtiger Kerl. Ein Aussehen, das man nicht zu erklären braucht. Mit ihm glaubt man, ein ganzes Stück altdeutscher Tugend zu erwerben…

VW Golf
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Doch auch Deutschland hat sich in 40 Jahren verändert, ein gewisses Faible für Moden entwickelt, und ist dazu ein wenig geschmackssicherer geworden. So is der siebte Golf, obwohl im Vergleich zum Wettbewerb auf calvinistischer Art fast zurückhaltend, auch cool geworden. Er ist irgendwie zu schön, um ein echter Golf zu sein. Ein Golf war eher vertikal, heute ist er eher horizontal: breit und flach und fliessend. Ein Golf war weder rund noch eckig, heute zeigt er scharfe Kanten und spitzen Scheinwerfer und konkaven Flächen. Ein Golf war eher aufs sinnvolle reduziert, heute gibt es übergroße Räder, Chrom im Überfluss und ein unnötiges Glasdreieck, das die Linie optisch erstreckt. Der Golf ist jetzt Supergolf. Und nach wie vor Maß aller Dinge: Kein Mensch braucht mehr Auto – oder mehr Design.

VW Passat
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Dass der Passat mit 42 ein Jahr älter als der Golf ist, interessiert kein Mensch. Denn der Passat ist im Design kein Fels in der Brandung, sondern ein Wandlungskünstler – zwischendurch hat es weltweit bis 5 verschiedene Passat-Konstruktionen gleichzeitig gegeben. Des Passats Identität war vom Anfang an diffus: Die erste Version eine radikale Fließheck-Limousine, die fast ein Meisterwerk von Giugiaro geworden wäre, hätte VW-Chef Rudolf Leiding nicht, aus Kostengründen, die konservative Frontpartie eines Audi 80 verordnet. Die dritte Version mit extravaganter Blechnase litt in Deutschland noch unter dem Werkswagen-Image, während sie als Kombi im Ausland „Premium“ wurde.

Weltpremiere neuer VW Passat
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Mit der geschmeidigen, puristischen fünften Version kam die ästhetische Emanzipation: nun war der Wagen, dessen Santana-Variante zum Weltauto avancierte, und dem Ferdinand Pich sogar W8 Motoren verordnete, zum ersten Mal auch in Deutschland als Limousine – mit sechs Fenstern und Kuppeldach – annehmbar. Die aktuelle achte Version ist kein Volks-Wagen mehr, sondern eine gehobene Mittelklasse, wie man sie gerne aus Stuttgart nähme. Sein Hauptmerkmal ist ein extrabreiter Frontgrill, dessen Chromstäbe bis in die Scheinwerfer hinein raten. Es resultiert ein Gesicht, autoritärer als ein Mercedes. Von der Seite gesehen aber, versprüht der Scheinwerfer-Schnitt, aus dem sich eine profunde Charakterlinie entwickelt, eine ganz sportliche BMW-Note. Beides endet in ein Heck, dem ein Audi gut stehen würde. Alles ist kein Zitat, sondern ein ausgeglichenes Konvolut, klare Synthese Deutscher Designklasse.

VW Touran
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Man soll sich nicht täuschen lassen: Der neue Touran ist ein Golf. Nicht nur, dass im Plattformwesen des Volkswagen-Konzerns beide Modelle weitestgehend baugleich sind (so gesehen ist auch der Passat ein Golf und andersrum). Der Kompaktvan kam 2003 als Außenseiter zur VW-Welt, als etwas zivilisierterer Caddy, unter anderem als Antwort auf die damals hoch bauende A-Klasse von Mercedes. Erstaunliche 11 Jahren blieb die erste Version in Produktion, währenddessen sie gut dreimal optisch überarbeitet wurde. Das erste Mal um ein anspruchsvolleres Passat-Gesicht mit Chromglanz aufzunehmen, als Antwort auf die gerade eingeführte B-Klasse von Mercedes. Im dritten Anlauf wurde das Touran-Gesicht 2010 dem Golf angepasst.

VW Touran
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Die aktuelle Version von 2014 kann bis ins Details als Hoch-Golf betrachtet werden: Dieselbe Gesichtsausprägung, ähnlich starke Charakterlinien, identische Rückleuchten. Selbst das vierte Dreieck im Golf ließe sich in der Verwandtschaft zum Touran begründen. Trotzdem strebt der Touran eine eigenständige Identität an. Der Grund mag daran liegen, dass der Golf als Familienauto ausgedient hat. Einerseits weil er gefühlt zu klein ist. Oder besser, weil ein Golf nicht so ausschaut, als ob man damit die Präsenz vom „Kind am Bord“ ausreichend würdigen würde. Andererseits weil das Image des Golf deutlich Richtung „Ich“ statt Richtung „Wir“ gesteuert wurde. Und genau jenes „Wir“ ist der Ursprung nicht nur vom Golf, sondern von der ganzen Marke Volkswagen. Touran verkörpert beides, Golf und VW, in aktuellster Form.

VW Tiguan
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Unter der Annahme, dass jeder Tiguan als nicht verkaufter Golf gilt, dürfte der kompakte SUV als der am wenigsten politisch korrekte Volkswagen gelten. Die ungünstige Auslegung von Fahrwerk und Karosserie gegenüber einem Normalautomobil verursachen unter Berücksichtigung der millionenstarken Auflage für die Umwelt höhere Schäden, als die ganze Flotte von Cayennes. Das potentiell negative Image konterte der erste Tiguan mit einem durch und durch braven Aussehen: die weich gespülten Linien, die schlanke Taille und das fast nüchterne, weil sehr wenig imponierendes Gesicht der Versionen „Trend & Fun“ sowie „Sport & Style“ – allein die Namen Versprechen Frieden mit Greenpeace – machten ihn zur ersten Wahl für „die Braut, die sich nicht traut“.

Diess beginnt seinen ersten Auftritt mit vielen Danksagungen. An sein Team, an die anderen Marken und an seinen Vorgänger Martin Winterkorn. Man habe ihn mit offenen Armen empfangen. Der Konzernchef selbst hatte seinen Posten aufgegeben, um Diess an Bord zu holen.

Der einstige Entwicklungsvorstand bei BMW galt lange als potentieller Nachfolger von Norbert Reithofer. Schließlich war es dem geborenen Münchener gelungen, seinen alten Arbeitgeber zu immer neuen Gewinnrekorden zu treiben. Beim Herzstück des VW-Konzerns soll er dieses Kunststück wiederholen – unter erschwerten Bedingungen.

Denn der Betriebsrat bei VW mit seinem Chef Bernd Osterloh gilt als einflussreich. Einen harten Sparkurs auf Kosten der Belegschaft kann Diess kaum durchdrücken. Umso mehr ist er an diesem Abend in Frankfurt auf diplomatischer Mission unterwegs. Im Plausch mit Journalisten lobt er Osterloh als „sehr unternehmerisch“. Auch Konzernchef Winterkorn teile mit ihm „ein Wertesystem“.

Selbstbewusste Worte
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