Holcim: Der zweitgrößte Zementhersteller der Welt baut seine Führung um
Der amtierende Verwaltungsratspräsident will sich nach sieben Jahren nicht mehr zur Wiederwahl stellen.
Foto: ReutersZürich. Jan Jenisch, Vorstandschef von Holcim, erhält außergewöhnlich viel Macht: Er soll bei der kommenden Hauptversammlung in den Verwaltungsrat des nach Umsatz zweitgrößten Zementherstellers der Welt einziehen und Chefaufseher werden. Bis sein Nachfolger gefunden ist, bleibt Jenisch weiter Vorstandschef, wie das Unternehmen am Freitag mitteilte.
Dafür nimmt sich Holcim bis zu zwölf Monate Zeit. So solle die Umsetzung der von Jenisch ausgearbeiteten Konzernstrategie bis 2025 gewährleistet werden, heißt es zur Begründung in einer Mitteilung.
Anders als in Deutschland kommt es in der Schweiz häufiger vor, dass Vorstandschefs nach ihrer aktiven Zeit direkt auf den Chefposten des Kontrollgremiums wechseln. Diesen Schritt hat gerade beispielsweise Severin Schwan vollzogen, langjähriger Chef und demnächst Präsident des Verwaltungsrats von Roche.
Beide Spitzenposten mit derselben Person zu besetzen ist jedoch auch in der Schweiz unüblich – selbst wenn es nur für eine begrenzte Zeit ist. Holcim erklärte daher, zusätzliche Kontrollmechanismen für den Verwaltungsrat einzuführen. So kommt der unabhängigen Vizepräsidentin, Hanne Sørensen, in Zukunft eine stärkere Rolle zu.
Jenisch sagte zu seinem Vorschlag als Verwaltungsratschef: „Das ist das richtige Signal. Es unterstreicht, dass wir langfristig ausgerichtet sind.“ Gleichzeitig sei dem Verwaltungsrat jedoch auch bewusst gewesen, dass das Vorstandsteam mitten in der Umsetzung eines Konzernumbaus stecke, der schnelle Entscheidungen erfordere. Daher habe ihn der Verwaltungsrat gebeten, für eine Übergangszeit weiter als CEO zur Verfügung zu stehen.
Der Schritt wird notwendig, da sich der amtierende Verwaltungsratspräsident von Holcim, Beat Hess, nach sieben Jahren an der Spitze nicht mehr zur Wiederwahl stellen will. Hess wird in der Mitteilung mit den Worten zitiert: „Der Verwaltungsrat ist der festen Überzeugung, dass Jan Jenisch aufgrund seiner außergewöhnlichen Führungsqualitäten und seiner umfassenden Erfahrung der richtige Kandidat für das Amt des Verwaltungsratspräsidenten ist, um den raschen Wandel des Unternehmens fortzusetzen.“
Jenisch trimmt den Baustoffkonzern auf Gewinn
Jenisch, CEO seit 2017, hat den Konzern, der aus der Fusion von Lafarge und Holcim hervorgegangen ist, stark umgebaut und auf Profitabilität getrimmt. Aus weniger margenstarken und riskanten Märkten hat sich der Konzern zurückgezogen. So hat er das Indiengeschäft im vergangenen Jahr für rund sechs Milliarden Dollar an den Adani-Konzern verkauft. Weil der Deal vollständig in Cash abgewickelt wurde, bleibt Holcim von der Krise bei dem indischen Konglomerat verschont.
Auch die Zeiten, in denen Lafarge-Holcim wegen Schutzgeldzahlungen an die Terrororganisation IS für ein Zementwerk in Syrien in der Kritik stand, hat der Baustoffriese hinter sich gelassen.
Jenisch hat dem Konzern ambitionierte Ziele verordnet, um den CO2-Ausstoß bei der Zement- und Betonproduktion zu reduzieren. Bis 2050 soll Holcim klimaneutral sein. Dabei ist die Herstellung von Zement und Beton sehr energieintensiv.
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Jenisch baut zudem das Geschäft mit komplexeren Baudienstleistungen, etwa Dachbausystemen, aus. Seit seinem Amtsantritt hat Jenisch Dutzende kleinere Unternehmen übernommen. Allein in den ersten Wochen dieses Jahres hat Holcim sieben Unternehmen zugekauft.
Der Konzernumbau hat sich im vergangenen Jahr ausgezahlt. Der Umsatz von Holcim legte um 12,9 Prozent zu auf 29,1 Milliarden Schweizer Franken – so viel wie noch nie. Das Vorsteuerergebnis (Ebit) stieg um 7,2 Prozent auf 4,7 Milliarden Franken. Die Marge ging leicht zurück, von 17,2 auf 16,3 Prozent. „Wir hatten ein bemerkenswertes Jahr 2022“, sagte Jenisch. „Uns ist es gelungen, die Hyperinflation auszugleichen.“
Die Preise für Baustoffe waren 2021 und 2022 rasant gestiegen. Holcim konnte jedoch einen großen Teil der steigenden Kosten für Rohmaterialien an die Kunden weitergeben. Besonders stark wächst der Baustoffkonzern in den USA. Auf diesem Markt liege auch in Zukunft der strategische Fokus. Dort ist Holcim auch in dem margenstarken Geschäft mit Dachbausystemen stark.
Die Zahlen kamen auch bei den Investoren gut an: Die Analysten von Vontobel lobten: „Holcim hat bessere Resultate geliefert als erwartet.“ Der Führungsumbau sei zudem gut vorbereitet. Die Märkte stoßen sich bislang nicht an der neuen Machtfülle von Jenisch.