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Industrie Investoren scheuen die Risiken der Chemie

Immer weniger Geldgeber investieren in deutsche Start-ups der Chemiebranche. Das liegt nicht nur an den langen Entwicklungszeiten dieser jungen Firmen.
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Start-ups: Investoren scheuen die Risiken der Chemiebranche
Forschung und Entwicklung

Was die Kapitalversorgung angeht, sind junge Chemiefirmen weit abgeschlagen.

Frankfurt Die deutsche Chemieindustrie ist führend in Europa. Was den Nachwuchs an jungen innovativen Unternehmen aber angeht, liegt die Branche gegenüber anderen europäischen Ländern deutlich zurück. Das geht aus einer Analyse hervor, die das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und das Center für wirtschaftspolitische Studien (CWS) an der Universität Hannover im Auftrag des Branchenverbandes VCI erstellten und nun publizierten.

Das macht auch den etablierten Unternehmen der Branche zusehends Sorgen. „Wir müssen dringend talentierte Gründer und Erfinder fördern, um so den deutschen Hightech-Standort zu stärken“, mahnt Thomas Wessel, der Personalchef des Essener Chemiekonzerns Evonik und Vorsitzende des VCI-Ausschusses für Forschung, Wissenschaft und Bildung.

Vor allem was die Versorgung mit Kapital angeht, sind junge Chemieunternehmen in Deutschland nach Daten von ZEW und CWS weit abgeschlagen, mit nur noch 2,4 Millionen Euro an Risikokapital-Zufluss im Jahr 2018. Das ist der geringste Wert seit zehn Jahren und weniger als ein Zehntel des bisherigen Spitzenwertes aus dem Jahr 2011, als den Chemie-Start-ups noch mehr als 34 Millionen Euro zuflossen. Die Autoren stützen sich dabei auf Statistiken von Invest Europe und Daten von rund 280 der insgesamt gut 300 Chemie-Start-ups, die in den letzten 18 Jahren in Deutschland gegründet wurden.

Für den Zeitraum 2015 bis 2018 lag der Anteil der Chemie am gesamten Wagniskapitalzufluss in Deutschland nach Daten von ZEW und CWS bei nur 0,3 Prozent. Insgesamt dürften derzeit in Deutschland etwa vier Milliarden Euro Risikokapital pro Jahr investiert werden. Der mit Abstand größte Anteil davon fließt in IT-Firmen.

Auch europaweit spielt die Chemie für Risikokapitalgeber nur eine untergeordnete Rolle, im Vergleich zu Bereichen wie Informationstechnologie, Biotech und Finanzen. Allerdings ist hier die Entwicklung nicht ganz so schwach und ungleichgewichtig wie in Deutschland. So erhielten junge Chemiefirmen 2018 in ganz Europa laut ZEW/CWS immerhin noch 54 Millionen Euro, gegenüber 124 Millionen Euro vor zehn Jahren.

Vor allem im Vergleich mit den Chemie-Nationen Frankreich und Großbritannien falle die schwache Entwicklung der Wagniskapitalinvestitionen in Deutschland stark ins Auge, schreiben die Autoren der Studie. In beiden Ländern waren die VC-Investitionen im Bereich Chemie deutlich höher als in Deutschland, in Frankreich legten sie seit 2014 zudem kontinuierlich zu. Aber auch in kleineren Ländern wie den Niederlanden und Belgien wurde im Schnitt der letzten Jahre gut doppelt so viel in junge Chemiefirmen investiert wie in Deutschland.

Kapitalbedarf im zweistelligen Millionenbereich

Hans-Jürgen Klockner, der Bereichsleiter Wissenschaft und Forschung beim VCI, bewertet die Entwicklung dennoch weniger als spezifisches Problem der Chemie, sondern eher als Ergebnis der generell schwachen Versorgung mit Risikokapital in Deutschland.

Hinzu kommt aus seiner Sicht das Problem, dass es relativ wenige Fonds mit speziellem Know-how im Chemiebereich gibt. „Je technischer es wird, umso schwieriger ist es für die Investoren, die Unternehmen zu bewerten.“ Eine weitere Herausforderung ergibt sich daraus, dass junge Chemiefirmen zum Teil relativ lange Entwicklungszeiten von durchschnittlich etwa zehn Jahren bis zur Marktreife meistern müssen.

Das gilt insbesondere dann, wenn sie neue Produkte oder Verfahren entwickeln. Der Kapitalbedarf geht dann durchweg in den zweistelligen Millionenbereich und VC-Investoren müssen einen ähnlich langen Zeithorizont bis zum Ausstieg einkalkulieren wie etwa im Biotech- und Pharmabereich.

Gut die Hälfte der deutschen Chemie-Start-ups ist mit dem Ziel an den Start gegangen, neue Werkstoffe und Materialien zu entwickeln. Weitere rund 20 Prozent der Firmen entwickeln Spezialchemikalien und Vormaterialien für Kosmetik und Agrochemiefirmen. Darüber hinaus sind viele der jungen Firmen im Bereich der Analytik-Dienstleistungen und als Auftragsforscher engagiert.

Als maßgebliche Hürde für die Chemie-Gründer werten Fachleute unter anderem auch den relativ hohen bürokratischen Aufwand, insbesondere bei Anträgen für Förderprogramme, sowie eine zum Teil unzureichende Infrastruktur.

Insgesamt habe man zwar rund 100 potenzielle Standorte für Chemie-Start-ups identifiziert, so Klockner. Ein Schwachpunkt sei aber die Situation an den Universitäten. Hier fehle es vielfach an Strukturen und Inkubatoren für neu gegründete Chemiefirmen.

Als Vorbild gilt in dieser Hinsicht die „Chemical Invention Factory“, die auf dem Campus der TU Berlin errichtet wird. Das Land Berlin und die TU investieren in diesem Rahmen knapp elf Millionen Euro in den Bau eines Gründerzentrums für „grüne“ Chemie. „Dieses Beispiel sollte Schule machen“, fordert VCI-Ausschussvorsitzender Wessel.

Mehr: Laut der deutschen Chemiebranche hat China hohe Summen in Forschung investiert und im Bereich Entwicklung deutlich aufgeholt. Für Deutschland werde es schwieriger, seine Position zu verteidigen.

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