Industrie-Messe Boomland Türkei präsentiert sich in Hannover

Einerseits stehen viele Deutsche einem EU-Beitritt der islamisch geprägten Türkei nach wie vor skeptisch bis ablehnend gegenüber. Andererseits bekommen auch hierzulande immer mehr Manager glänzende Augen, wenn sie auf den Wachstumsmarkt am Bosporus schauen.

HB ISTANBUL. Filialen deutscher Einzelhandelsketten schießen in jüngster Zeit wie Pilze aus dem Boden. Längst serviert Tchibo dem türkischen Verbraucher seinen Kaffee samt Warensortiment. Douglas eröffnete eine erste Parfümerie in einer Shopping Mall in Istanbul und bis Ende 2007 sollen acht bis zehn Filialen folgen, zunächst in den Metropolen Istanbul, Ankara und Izmir.

Bei den Elektrofachmärkten machte Electronic Partner den Vorreiter, so dass jetzt auch die Metro-Gruppe, in der Türkei seit Jahren mit Cash&Carry-Läden und Praktiker-Baumärkten präsent, nicht nachstehen will und einen Markteintritt von Media Markt noch für dieses Jahr ankündigte. Mit einer ersten Filiale will der Mode- Einzelhändler C&A im Mai Fuß fassen und langfristig eine „führende Rolle im türkischen Modemarkt“ übernehmen.

Die Goldgräberstimmung in der Türkei, dem diesjährigen Partnerland der Hannover Messe, hat zu einem sprunghaften Anstieg der ausländischen Direktinvestitionen geführt. Nach drei Mrd. Dollar 2004, zehn Mrd. 2005 und 20 Mrd. 2006 flossen in diesem Jahr allein in den ersten drei Monaten zwölf Mrd. Dollar ins Land. Zu den bevorzugten Sektoren gehören Banken, Telekommunikation und Immobilien. Ein Wirtschaftswachstum mit jährlichen Steigerungsraten von mehr als fünf Prozent hat dem EU-Beitrittskandidaten den Ruf eingebracht, das „China Europas“ zu sein. Innerhalb von fünf Jahren hat sich das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Türkei auf 400 Mrd. Dollar nahezu verdreifacht.

„Wir haben Belgien (387 Mrd. Dollar BIP 2006) überholt und sind jetzt auf Platz 17 der weltgrößten Wirtschaften“, frohlockte dieser Tage die türkische Zeitung „Vatan“. Zum Vergleich: Deutschland mit einem BIP von 2890 Mrd. Dollar rangiert hinter den USA und Japan auf Platz drei - vor China mit 2554 Mrd Dollar. „Bis 2023 - dem 100. Jahrestag der Gründung der Türkischen Republik - wollen wir unter die ersten zehn“, sagt Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, dessen islamisch-konservative Regierung der Türkei in den viereinhalb Jahren ihrer Amtszeit politische und wirtschaftliche Stabilität beschert hat, wie nur wenige vor ihr.

Der Europäischen Union preist sich die Türkei deshalb gern als Wirtschaftslokomotive der Zukunft an. Ein Großteil der türkischen Exporte, die von Rekord zu Rekord eilen und im März mit 8,9 Mrd. Dollar ein neues Monatshoch verzeichneten, gehen bereits heute in die Länder der EU - wobei Deutschland eine Spitzenposition inne hat. Der Löwenanteil der Exporte entfällt nicht von ungefähr auf den Automobilsektor. Internationale Autoproduzenten wie Ford, Fiat, Renault und Toyota haben die Türkei schon seit längerem als Produktions- und Exportstandort entdeckt - und auch Mercedes und MAN produzieren dort Busse und Lastwagen „made in Turkey“.

Türkei sieht eigene Zukunft im IT-Bereich

Die Zukunft der in jüngster Zeit boomartig gewachsenen türkischen Wirtschaft liegt nach Einschätzung der Istanbuler Handelskammer (ITO) im Informationstechnologie-Sektor. „Das größte Kapital im IT-Bereich sind junge, ausgebildete und gegenüber technologischen Neuerungen aufgeschlossene Arbeitskräfte“, sagte ITO-Präsident Murat Yalcintas vor Beginn der Hannover Messe in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) in Istanbul. „Das hat die Türkei.“

Zwar sei es nicht leicht, den Vorsprung von Ländern wie Irland, Indien, Israel oder Malaysia wettzumachen. „Wenn ich mir (aber) das Potenzial der Türkei ansehe, meine ich, dass wir mit einer richtigen Strategie und Weichenstellung diese Länder überholen werden“, sagte Yalcintas. Die Istanbuler Kammer organisiert die Teilnahme türkischer Firmen an der Hannover Messe.

Mit ihrer Teilnahme als Partnerland - nach 1985 das zweite Mal - drücke die Türkei der weltgrößten Industriemesse „den Stempel auf“. Großen Nutzen verspricht sich der ITO-Präsident vor allem in technologischer Hinsicht. Besonders türkische Klein- und Mittelbetriebe könnten bei der Anwendung und Beherrschung neuer Technologien in Hannover wichtige Erfahrungen sammeln. „Außerdem werden wir Studenten mitbringen, die davon profitieren werden, die ausgestellten Neuerungen zu sehen und theoretisches mit praktischem Wissen zu verbinden.“

Der türkischen Industrie werde darüber hinaus die Möglichkeit geboten, sich der Welt vorzustellen. „Die Türkei ist ein wichtiger Produktionsstandort, aber niemand hat etwas davon, wenn man nicht zeigt, was man produziert“, sagte Yalcintas. Das größte Hindernis auf dem Weg der Türkei in die Europäische Union sei, dass die Europäer das „wahre Potenzial“ der Türkei noch nicht erkannt hätten. Die europäische Sicht sei noch immer von Vorurteilen behaftet. Für den angestrebten EU-Beitritt sei es deshalb von großem Nutzen, die Türkei „so vorzustellen, wie sie ist - mit ihren guten und schlechten Seiten.“ In dieser Hinsicht sei der Messeauftritt der Türkei ebenso wichtig wie andere Veranstaltungen, seien sie kultureller oder sozialer Art.

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