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Industriedienstleister Bilfinger vor Gericht: Was Ex-Spione und Adelige mit dem Fall zu tun haben

Der Industriedienstleister steht wegen nicht gezahlter Rechnungen vor Gericht. Schuld sein soll ausgerechnet die frühere Chefermittlerin.
06.06.2019 - 19:08 Uhr Kommentieren
Der Industriedienstleister steht wegen nicht gezahlter Rechnungen vor Gericht. Quelle: imago/onemorepicture
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Der Industriedienstleister steht wegen nicht gezahlter Rechnungen vor Gericht.

(Foto: imago/onemorepicture)

Mannheim Ob er den Auftrag der privaten Ermittlungsfirma Orbis genehmigt hat, daran kann sich Axel Salzmann heute nicht mehr erinnern. Im dunkelblauen Anzug sitzt der frühere Finanzchef des Industriedienstleisters Bilfinger am Donnerstag vor dem Mannheimer Landgericht und schaut immer wieder auf die silberne Armbanduhr, die er in seiner Hand hält. Er will seinen Flug bekommen, die Zeit ist eng.

Schon seit zweieinhalb Jahren steht der Manager nicht mehr in Bilfingers Diensten, dennoch muss er heute zu den Geschäftspraktiken des früheren Bauunternehmens aussagen. Denn es gibt eine Klage eines früheren Auftragnehmers: Der Ermittlungsdienstleister Orbis fordert mehrere Hunderttausend Euro von Bilfinger für die interne Aufklärung von Korruption bei Töchtern in Ländern wie China, Bosnien und Nigeria.

Auch an den Fall in Nigeria kann sich Salzmann angeblich nicht erinnern. Dabei waren es ausgerechnet die fragwürdigen Praktiken der damaligen Tochtergesellschaft Julius Berger Nigeria, die den Konzern in die wohl tiefste Krise seiner Geschichte gestürzt hatten.

Nachdem US-Behörden von Schmiergeldzahlungen an nigerianische Behörden erfuhren, setzten sie Bilfinger ein Ultimatum: Entweder der Konzern baut ein funktionierendes Compliance-System unter Aufsicht eines unabhängigen Monitors auf. Oder es droht Strafverfolgung, mit einem Geschäftsverbot in den USA als Konsequenz.

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    Um dem zu entgehen, machte sich Bilfinger schließlich unter Aufsicht des Schweizer Anwalts Mark Livschitz daran, Hinweisen auf Fehlverhalten in verschiedenen Ländern nachzugehen. Offenbar zunächst mit sehr dünner Personaldecke, wie der frühere Leiter der Revision bei Bilfinger, Uwe Misch, dem Gericht erklärte: „Unsere interne Ermittlung hatte damals zwei Mitarbeiterinnen. Deshalb waren wir darauf angewiesen, auch externe Ermittlungsagenturen mit einigen Fällen zu beauftragen.“

    Ehemalige MI-6-Mitglieder involviert

    Eine dieser Mitarbeiterin war Marie-Alix von Sachsen-Meiningen, die dem damaligen Bilfinger-CFO und Interimschef Salzmann zur Beauftragung von Orbis riet, einem britischen Dienstleister, der zum Teil von früheren Mitgliedern des britischen Geheimdienstes MI-6 gegründet wurde.

    Als sie wenige Monate zuvor im Jahr 2016 bei Bilfinger als Chefermittlerin angefangen hatte, habe sie eine Situation „wie in der Notaufnahme“ vorgefunden, gab die 40-Jährige zu Protokoll. „Es gab damals rund 80 verschiedene Fälle mit verschiedenen Prioritäten.“

    Neben Orbis engagierte sie deshalb noch einige weitere Dienstleister, die parallel an unterschiedlichen Fällen arbeiteten. Auch sie selbst sei zu dieser Zeit viel unterwegs gewesen, erklärte sie vor Gericht. „Dabei kann es sein, dass manche Verträge mit Dienstleistern nicht oder erst spät abgefasst wurden.“

    Genau dieser Umstand sorgt nun für Streit zwischen Orbis und dem Industriedienstleister, der sich wegen angeblicher Nichteinhaltung der Richtlinien für Auftragsvergabe weigert, einen Teil der Rechnungen von Orbis zu bezahlen – und seiner früheren Mitarbeiterin sogar Untreue vorwirft. So heißt es in einem Gutachten der Kanzlei Dierlamm, die dem Handelsblatt vorliegt, im Zusammenhang mit der Rechnungsprüfung und der Rechnungsfreizeichnung habe von Sachsen-Meiningen „schwerwiegend und wiederholt gegen ihre Pflichten verstoßen.“ Insgesamt geht es dabei um Aufträge an mehrere Dienstleister im Wert von rund 1,5 Millionen Euro.

    In Mannheim wurde allerdings nur einer der Aufträge verhandelt: der Fall Julius Berger Nigeria. „Das war ein besonders schwerer Fall, bei dem ich im engen Kontakt mit Orbis stand und der von herausgehobener Bedeutung für Bilfinger war“, erklärte von Sachsen-Meiningen. Deshalb habe Salzmann als damaliger Vorstand auf eine schnelle Bearbeitung gedrängt und daher Ausnahmen vom üblichen Prozess der Auftragsvergabe gewährt.

    „Wir wollen keinen Konflikt mit Bilfinger“

    Wie weit diese Ausnahmegenehmigung ging, ist nun Gegenstand des juristischen Streits zwischen Orbis und Bilfinger. Während sich der damalige Interims-CEO vor allem auf Nichtwissen berief, betonte die frühere Chefermittlerin, sie habe vorgehabt, die Vereinbarung mit Orbis noch vertraglich zu fixieren, sei aber wegen der vielen Auslandstermine in dieser Zeit oft nur spät oder gar nicht dazu gekommen.

    Im April 2017 schied sie aus dem Unternehmen aus – und streitet seither in einem weiteren Prozess mit Bilfinger über die Rechtmäßigkeit ihrer Kündigung. Einen weiteren juristischen Streit führt Bilfinger zudem mit zwölf früheren Vorständen, denen vorgeworfen wird, sich nicht ausreichend um ein funktionierendes Compliance-System gekümmert zu haben.

    In diese Streitigkeiten sieht sich Orbis nicht involviert. „Wir wollen keinen Konflikt mit Bilfinger, sondern eine Lösung finden“, erklärte Orbis-Direktor Christopher Burrows am Rande der Verhandlung dem Handelsblatt. „ Wir haben über sieben Monate intensiv für Bilfinger gearbeitet und möchten dafür kompensiert werden. Das Ziel unserer Arbeit war, Bilfinger zu helfen, Risiken zu identifizieren. Genau das haben wir getan.“

    Der Industriedienstleister indes will zunächst das Urteil am 18. Juni abwarten. „Erst dann treffen wir gegebenenfalls weitere Maßnahmen“, erklärte ein Sprecher. Hat Orbis mit der Klage Erfolg, dürfte es zu weiteren Prozessen kommen. Denn verhandelt wurde nur das Orbis-Engagement in Nigeria - unbezahlt blieben aber weitere Rechnungen.

    Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels hatten wir behauptet, Axel Salzmann sei einer der zwölf früheren Vorstände, von denen Bilfinger heute Schadenersatz wegen der Nicht-Einführung eines funktionierenden Compliance-Systems fordert. Das ist nicht korrekt. Tatsächlich gibt es keinen juristischen Streit zwischen Bilfinger und Herrn Salzmann. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen.

    Mehr: Im Streit um Schadensersatzforderungen gegen ehemalige Bilfinger-Vorstände geriet der Aufsichtsratschef unter Druck. Vor allem eine Personalie hatte die Investoren erbost.

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