Industriedienstleister Die Aufarbeitung fragwürdiger Praktiken bei Bilfinger entwickelt sich zum Krimi

Nach Skandalen, Korruptionsvorwürfen und Schadensersatzansprüchen: Bilfinger pocht auf eine neue Firmenkultur. Nun zeigen sich Risse.
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Bei dem Münchner Unternehmen liegt so einiges im Argen. Quelle: picture alliance/dpa
Bilfinger

Bei dem Münchner Unternehmen liegt so einiges im Argen.

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DüsseldorfDer Mannheimer Industriedienstleister Bilfinger stößt bei der Aufarbeitung langjähriger Compliance-Verstöße offenbar auf Schwierigkeiten. Rund 120 Millionen Euro Schadensersatz fordert der Konzern von zwölf ehemaligen Vorständen, darunter Roland Koch. Der frühere Spitzenpolitiker weist jede Schuld von sich, doch keine der beiden Seiten ist kompromissbereit. Der Streit steuert auf einen Gerichtssaal zu.

Plötzlich aber eröffnen sich neue Schauplätze. Am Donnerstag bestätigte Bilfinger einen Bericht der „Welt“, wonach der Konzern Marie M., seine Ex-Chefermittlerin für Compliance-Verstöße, anzeigen will. Bilfinger wirft der Frau unter anderem Untreue vor. Es soll unter anderem um Aufträge gehen, die M. an externe Dienstleister vergeben hat.

Einen Tag später startete der „Spiegel“ eine Artikelserie. Das Magazin zeichnete ein Bild von einem Konzern, der oberflächlich aufklärt und Hinweise nicht ernst nimmt. Konzentrierte sich Bilfinger bei seinen Forderungen gegen Koch und Co. vor allem auf einen Korruptionsfall in Brasilien und Compliance-Versäumnisse, geht es in dem Bericht um Bestechung in Abu Dhabi, China, Rumänien und Vietnam.

Seither entwickelte sich die Bilfinger-Geschichte zum Krimi. Anfang 2017 wollte Marie M. in Oman ermitteln, sei aber bei einer Zwischenlandung in Abu Dhabi vergiftet worden, schrieb der „Spiegel“. Ein Kollege habe ihr eine Tasse Tee gereicht, dann brach sie zusammen, spuckte Blut. Marie M. schaffte es zurück nach Hause, wurde aber zwei Monate später gefeuert.

Was war los in Oman? Interne Dokumente zeigen Abgründe. Jahrelang bestachen Manager der Bilfinger-Tochter Tebodin Vertreter des Staatskonzerns PDO. Erst wurde der Juniorchef von Tebodin verurteilt, dann der Chef. Und anstatt aufzuräumen, wurde die Misere verschleiert. 

Nachfragen nicht erwünscht

Sogar vor dem eigenen Aufseher. Nach früheren Korruptionsfällen von Bilfinger griffen US-Behörden ein. 2013 wurde bei Bilfinger Mark Livschitz aktiv, ein vom US-Justizministerium eingesetzter Aufpasser. Der Monitor sollte sicherstellen, dass die Deutschen alles dafür taten, Gesetzesbrüche zu unterbinden.

Alles wollte man bei Bilfinger dem Aufpasser aber nicht verraten. Als der Landeschef von Tebodin ab Februar 2016 unerreichbar war, erklärte man Livschitz, der Mann sei auf Pilgerfahrt, schrieb der „Spiegel“. Entlassen wurde er erst im Oktober 2016 – Monate nach seiner Inhaftierung. Als Bilfinger gefragt wurde, wie man einen Manager beschäftigten konnte, der schon 2014 erstmalig wegen Korruption verurteilt worden war, erklärte der Dienstleister das mit Nichtkenntnis.

Die Firma Tebodin könnte in den kommenden Monaten häufiger eine Rolle spielen. Bilfinger hatte unter Koch das niederländische Ingenieurunternehmen im Frühjahr 2012 erworben. Tebodin bestach in Abu Dhabi, in China, Vietnam und eben im Oman.

Dass die eigene Chefermittlerin dort besonders genau nachforschte, brachte ihr kein Lob. Sie selbst äußert sich nicht, Bilfinger schweigt ebenfalls. Laut „Spiegel“ wurde Marie M. im Januar 2017 bei Bilfinger selbst vorgeladen. Warum sie Detektive engagierte, ohne interne Regeln zu beachten? Außerdem seien die im Ausland beschafften Informationen erstaunlich vertraulich. Wurde dafür jemand bestochen? Marie M. bestritt die Vorwürfe. Als sie später vor dem Arbeitsgericht gegen ihre Entlassung klagte, bekam sie recht. Bilfinger ging in die nächste Instanz.

Schwarzer Peter für Roland Koch

 Die Uhr tickt. Im Dezember, hofft Bilfinger, wird der US-Monitor Livschitz dem Unternehmen ein gutes Zeugnis ausstellen und gehen. Eines der schwierigsten Kapitel der Geschichte wäre abgeschlossen. Bilfinger stünde als Unternehmen da, das unter dem 2016 angetretenen Vorstandschef Thomas Blades sauber arbeitet und frühere Missetäter wie Roland Koch mit aller Härte verfolgt.

„Die Mitglieder des Vorstandes agierten wie Könige in ihren Schlössern. Sie fühlten sich an keine Regeln gebunden, benutzten die Kasse in der Unternehmenszentrale wie einen SB-Geldautomaten“, zitiert der „Spiegel“ aus einem Bericht von Livschitz. Es sind Sätze, die in der Klage auf 120 Millionen Euro Schadensersatz gegen Koch und elf weitere Ex-Vorstände sicher einfließen.

Koch freilich will den Schwarzen Peter nicht annehmen. „Die Unterstellung, dass Herr Koch der Compliance eine zu geringe Bedeutung beigemessen hat, weist dieser mit aller Entschiedenheit als unwahr zurück“, sagt ein Sprecher Kochs. Koch habe das Compliance-System entscheidend vorangebracht, das belege ein Gutachten von EY (Ernst & Young).

Welchen Verlauf auch immer der Streit nimmt – er kann nur regeln, was bis Kochs Rauswurf 2015 geschah. Wichtiger für die Zukunft des Konzerns scheint der Fall Marie M. Wenige Tage, nachdem die Chefermittlerin entlassen worden war, verkündete Blades einen 200-Millionen-Dollar-Auftrag der Ölgesellschaft von Oman. Ausgerechnet Oman – das Land, in dem Marie M. eine Menge schmutziger Steine umdrehte und noch mehr umdrehen wollte, als sie 2017 entlassen wurde.

Passte sie damit nicht ins Konzernbild? „Seit 2016 sind trotz intensiver Prüfung keine neuen systematischen Compliance-Verstöße mehr identifiziert worden“, sagt ein Bilfinger-Sprecher. „Bilfinger hat ein neues effektives Compliance-System etabliert.“

Und Marie M.? Nachdem sie ihren Arbeitsprozess in erster Instanz gewann, will Bilfinger sie anzeigen.

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