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Industriekonzern Aufsichtsratschef bei Thyssen-Krupp – der Job, den keiner will

Seit einem Monat ist die Aufsichtsratsspitze von Thyssen-Krupp verwaist. Nachdem Kandidaten abgesagt haben, wird sich die Suche wohl in die Länge ziehen.
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Der Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden ist weiterhin nicht besetzt – viele haben abgesagt. Quelle: picture alliance / Patrick Seege
Thyssen-Krupp

Der Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden ist weiterhin nicht besetzt – viele haben abgesagt.

(Foto: picture alliance / Patrick Seege)

DüsseldorfSo eine Krise hat es in einem deutschen Großkonzern schon lange nicht mehr gegeben. Anfang Juli verkündete Heinrich Hiesinger, er wolle nicht länger Vorstandschef von Thyssen-Krupp sein. Keine zwei Wochen später warf auch Aufsichtsratschef Ulrich Lehner hin. Beide verwiesen bei ihrem Abschied auf Differenzen mit ihrem Großaktionär, der Krupp-Stiftung.

In einer Zeit, in der Thyssen-Krupp von ausländischen Hedgefonds bedrängt wird, habe der mit 21 Prozent größte Aktionär der Konzernführung zu wenig Rückhalt gegeben.

Über die tatsächlichen Hintergründe dieses Konflikts ist wenig bekannt. Ebenso wenig erklärten Hiesinger und Lehner, warum sie das angeblich mangelnde Vertrauen des Großaktionärs ausgerechnet mit eigener Verantwortungslosigkeit erwidern mussten. Thyssen-Krupp steckt mitten im Konzernumbau, 160.000 Mitarbeiter warten auf Entscheidungen. Doch die zwei Spitzenleute nahmen einfach die Hintertür, Hiesinger lässt sich die Flucht auch noch mit Millionen Euro an Abfindung versüßen.

Auf mögliche Nachfolger wirken die Szenen in Essen offenbar abschreckend. Bevor ein Nachfolger für Hiesinger bestimmt werden kann, muss der Aufsichtsrat erst seine eigene Spitze nachbesetzen. Doch lehnte vor einigen Wochen schon Airbus-Chef Tom Enders ein entsprechendes Angebot ab, verzichten nun nach Informationen des Handelsblatts aus Aufsichtsratskreisen gleich zwei weitere Topkandidaten.

Der erste heißt Marijn Dekkers. Der Niederländer, der auch einen US-amerikanischen Pass hat, wäre eine ideale Besetzung gewesen. Bis 2016 war Dekkers Vorstandschef der Bayer AG. Er ist international gewandt, erfahren und unabhängig – und baute den Chemie- und Pharmakonzern in seiner Zeit an dessen Spitze so gründlich wie erfolgreich um.

Warum Dekkers das bei Thyssen nicht versuchen möchte, war nicht zu erfahren. Vielleicht sieht sich der 60-Jährige mit seiner neuen Aufgabe als Aufsichtsratsvorsitzender von Unilever ausreichend ausgelastet, vielleicht gibt es aber auch Gründe, die in Essen liegen. Weder Dekkers noch Thyssen-Krupp äußerten sich.

Suche nach Führung wird zur Hängepartie

Eine Stellungnahme wollte auch Marcus Schenck nicht geben. Der frühere Deutsche-Bank-Vorstand wurde ebenfalls gefragt, ob er den Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp leiten möchte. Schenck möchte nicht.

Seine Absage muss den Aufsichtsrat ähnlich schmerzen wie die von Dekkers. Der Finanzexperte Schenck hat nicht nur Erfahrungen bei der Deutschen Bank und dem Industriekonzern Eon gesammelt, sondern auch bei der Investmentbank Goldman Sachs. Gespräche mit Finanzinvestoren, wie sie bei Thyssen-Krupp unumgänglich sind, könnte Schenck in deren Sprache führen.

Bei Eon soll er zudem mit den Mitarbeitervertretern gut harmoniert haben. Ein Mann, der zwischen unterschiedlichen Interessengruppen Brücken bauen kann, wäre für Thyssen-Krupp ideal.

Aber er kommt nicht. Die Suche nach einem Nachfolger für Ulrich Lehner ist zu einer Hängepartie geworden. Der Nominierungsausschuss des Aufsichtsrats, geleitet von dem Wirtschaftsprofessor Bernhard Pellens, hat sich nur Absagen eingefangen. Auch die Einschaltung der renommierten Personalberatung Spencer Stuart zeitigte keinen Erfolg. Schon heißt es in Essen, die Unsicherheit der Mitarbeiter sei auf ein ungesundes Maß gewachsen.

Die Angst, dass nach dem Aufsichtsratsvorsitzenden und dem Vorstandschef nun die besten Köpfe auf den Ebenen darunter abwandern, sei groß.

Der Nominierungsausschuss muss sich deshalb beeilen. Ihm gehören neben Pellens auch Ursula Gather und Jens Tischdorf an. Gather ist die Vorsitzende des Kuratoriums der Krupp-Stiftung, Tischendorf vertritt den Finanzinvestor Cevian, den mit 18 Prozent der Anteile zweitgrößten Aktionär von Thyssen-Krupp.

Als der Ausschuss seine Suche begann, kündigten die Beteiligten einen „strukturierten Prozess“ an. Das Vorhaben steht mehr und mehr infrage. „Die Suche sollte eigentlich längst abgeschlossen sein“, heißt es im Umfeld des Gremiums. Die Gefahr, dass mit jeder Absage die Not des Konzerns noch größer wird, sei nicht mehr zu leugnen.

Neue Strategie bis auf Weiteres zurückgestellt

Thyssen-Krupp fehlt, was das Unternehmen am dringlichsten braucht: Führung. Die Suche nach einem Aufsichtsratschef ist nur der erste Schritt, gleich darauf muss ein neuer Vorstandsvorsitzender gefunden werden. Vorübergehend ist Finanzvorstand Guido Kerkhoff eingesprungen. Doch der neue Fokus, der das Unternehmen leiten soll, kann nicht von einem Vorstand auf Zeit kommen. Kerkhoff hat in den vergangenen Wochen gar nicht erst versucht, eine große Strategie zu entwickeln.

Er spult das Standardprogramm eines Krisenmanagers ab: Kürzen und Einsparen. Ein Insider: „Für mehr hat er auch kein Mandat.“

Dass es so nicht weitergehen kann, wissen nicht nur die Mitarbeiter, sondern weiß auch die Stiftung. Dort sitzt unter anderem Armin Laschet, der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. Er sagt zur Chefsuche bei Thyssen-Krupp: „Falsche Eile wäre nicht richtig. Aber dass man bald ein klares Signal braucht, ist auch wahr.“

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