Stahlarbeiter von Thyssen-Krupp in Duisburg

Die Stahlfusion mit Tata soll nicht zur Disposition stehen.

(Foto: Reuters)

Industriekonzern Chaostage bei Thyssen-Krupp – 6 Thesen im Faktencheck

Nach dem Rücktritt von Heinrich Hiesinger herrscht Chaos im Industriekonzern. Doch nicht jede Legende, die zu Thyssen-Krupp kursiert, stimmt. Der Faktencheck.
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DüsseldorfWiderstreitende Interessen unter den Aktionären, ein brüchiger Aufsichtsrat, ein taumelnder Milliardenkonzern: Die Gemengelage bei Thyssen-Krupp ist komplex. Da ist ein Vorstandschef, Heinrich Hiesinger, der nach heftigem Streit mit den Investmentfonds Elliott und Cevian zurücktritt. Da ist die Chefin der einflussreichen Krupp-Stiftung, Ursula Gather, die lange Zeit in der Öffentlichkeit schwieg. Und da sind Hunderttausende Arbeitnehmer, die sich fragen, wohin sich ihr Konzern nun bewegt.

Hinter dem Streit liegt ein tiefergehender Konflikt um die Frage: Sind die Einzelteile des Ruhrkonzerns, der von U-Booten über Stoßdämpfer bis zu Zementfabriken die verschiedensten Dinge herstellt, mehr wert als ihre Summe? Der Satz ist zur Glaubensfrage geworden, die Fronten verhärtet.

Situationen wie diese fördern Legenden, die sich zum Teil hartnäckig halten können. Die sechs größten Mythen im Streit um Thyssen-Krupp.

Steuert Thyssenkrupp in eine ungewisse Zukunft?

Steuert Thyssenkrupp in eine ungewisse Zukunft?

1. „Die Krupp-Stiftung hat Hiesinger die Unterstützung versagt“

Das stimmt nicht. Sowohl im Aufsichtsrat als auch im Stiftungskuratorium haben die Vertreter der Krupp-Stiftung, die größter Einzelaktionär des Konzerns ist, sich stets einhellig für Hiesingers Strategie des langsamen Umbaus ausgesprochen.

Öffentlich allerdings hatte die Krupp-Stiftung angesichts der jüngsten Attacken des Hedgefonds Elliott stets geschwiegen. Seit die derzeitige Vorsitzende Ursula Gather 2013 antrat, galt die Losung: „Zu Fragen der Unternehmenspolitik äußert sich die Stiftung nicht.“

2. „Elliot und Cevian sind Heuschrecken, die nur auf das schnelle Geld aus sind“

Teilweise richtig. Sowohl Cevian als auch Elliott haben als Investmentfonds das Ziel, den Aktienkurs von Thyssen-Krupp deutlich zu steigern. Beide sind unzufrieden mit der bisherigen Strategie. Allerdings ist Cevian ein langfristig orientierter Investor, der bereits seit 2013 mit zehn Prozent an Thyssen-Krupp beteiligt ist und seither sein Engagement ausgebaut hat.

Der Hedgefonds Elliott, hinter dem US-Milliardär Paul Singer steht, hat dagegen erst im Mai investiert – und forderte sofort Hiesingers Rücktritt. Elliott ist dafür bekannt, das Management massiv unter Druck zu setzen. Die Erfolgsliste ist lang. So fielen bereits Chefs von Gea, Akzo Nobel und Arconic den Attacken der US-Amerikaner zum Opfer.

3. „Elliott und Cevian haben als Großinvestoren viel Mitspracherecht“

Das stimmt nur zum Teil. Während Elliott derzeit noch Anteile unterhalb der Meldeschwelle von drei Prozent hält, ist Cevian mit rund 18 Prozent der zweitgrößte Investor bei Thyssen-Krupp. Mit Jens Tischendorf hat Cevian zudem einen Vertreter im Aufsichtsrat.

Allerdings besteht der aus 20 Mitgliedern, von denen die Hälfte von den Arbeitnehmern gestellt wird. Zum Vergleich: Die Krupp-Stiftung darf per Satzung des Konzerns mit ihrer Beteiligung zwei Mitglieder in den Aufsichtsrat entsenden.

Gegen die Stahlfusion stimmten zuletzt die Aufsichtsräte René Obermann, der inzwischen seinen Rücktritt angeboten hat, und Tischendorf, während sich Carola Gräfin von Schmettow enthielt. 17 Aufsichtsratsmitglieder stimmten dafür.

Um an der bisherigen Strategie zu rütteln, werden Cevian und Elliott daher viel Überzeugungsarbeit leisten müssen. Elliott indes kann immerhin versuchen, die eigenen Interessen mit denen von anderen, kleineren Aktionären zu bündeln – oder mit Klagen drohen, um Geschäftsvorgänge zu verzögern. Hiesinger ist nicht der erste Manager, der nach einem Einstieg von Elliott das Unternehmen verlässt.

4. „Elliott hat Hiesinger bedroht“

Unklar. In einem Interview mit der „Zeit“ erhebt Aufsichtsratschef Ulrich Lehner schwere Vorwürfe, ohne sie an eine konkrete Adresse zu richten. So sagte Lehner der Wochenzeitung, einige der Aktionäre beschritten Wege, „die teilweise schon als Psychoterror bezeichnet werden können“. Damit meine er: „Unwahrheiten in der Öffentlichkeit zu platzieren, unberechtigte Rücktrittsforderungen bis hin zum Belästigen von Nachbarn und Familienmitgliedern.“

Ob das im Falle Hiesingers zutrifft, ist nicht belegt. Allerdings wurde Elliott auch seinerzeit während des Abgangs von Arconic-Chef Klaus Kleinfeld nachgesagt, der Fonds hätte Detektive beauftragt, um in Mülltonnen zu wühlen, und habe Kleinfeld per Telefon gedroht, sich nicht mit Paul Singer anzulegen.

5. „Die Stahlfusion ist durch Hiesingers Abgang in Gefahr“

Wohl nicht wahr. Am Samstag, den 30. Juni, haben Thyssen-Krupp und Tata Steel die Verträge für die Zusammenlegung ihrer europäischen Stahlsparten unterzeichnet. Die Papiere sind bindend. Beide Konzerne teilten nach Hiesingers Rücktritt in der vergangenen Woche denn auch mit, dass sie unverändert an dem Vorhaben festhalten wollen.

So hieß es von Tata Steel hierzu: „Die Vereinbarung unterstreicht die langfristige Bindung beider Parteien, ein langlebiges und wettbewerbsfähiges Joint Venture einzugehen.“ Auch Aufsichtsratschef Ulrich Lehner hatte bereits angekündigt, an der Stahlfusion festzuhalten, an dessen Ende der zweitgrößte europäische Stahlkonzern nach Arcelor-Mittal entstehen soll.

6. „Die Satzung der Krupp-Stiftung verbietet eine Aufspaltung des Konzerns“

Das ist letztlich eine Frage der Interpretation. In der geheimen Satzung der Krupp-Stiftung, die dem Handelsblatt vorliegt, heißt in der Präambel dazu wörtlich: „Zweck der Stiftung soll es nach den vom Stifter in seiner letztwilligen Verfügung getroffenen Anordnungen sein, die Einheit des Unternehmens Friedrich Krupp dem Willen seiner Vorfahren entsprechend auch für die fernere Zukunft zu wahren.“

Doch zur Wahrheit gehört: Als Alfried Krupp von Bohlen und Halbach 1967 verstarb, sah der Konzern deutlich anders aus als heute. Dass sich die Friedrich Krupp AG je vom Stahl trennen würde, schien da wohl undenkbar – wenngleich zuletzt auch wirtschaftlich geboten.

Bis heute gehalten hat sich jedenfalls der Name: Auch das Stahl-Joint-Venture mit Tata wird als Thyssen-Krupp Tata Steel an die Industriellenfamilie erinnern. Eine Zerschlagung in mehrere „Thyssen-Krupps“, wie sie mancher Aktionär fordert, dürfte dennoch nicht im Sinne des Stifters gewesen sein.

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