Industriekonzern Führungskrise bei Thyssen-Krupp belastet zunehmend das Geschäft

Kein CEO, kein Aufsichtsratschef: Bei Thyssen-Krupp herrscht auch nach der ersten Aufsichtsratssitzung ohne Lehner ein Machtvakuum. Die Konkurrenz könnte Manager abwerben.
Update: 12.09.2018 - 18:30 Uhr Kommentieren
Thyssen-Krupp findet weiterhin keinen Chef Quelle: dpa
Thyssen-Krupp in der Schieflage

Der Traditionskonzern ist bereits seit zwei Monaten auf der Suche nach einem neuen Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitzenden – und handelt sich reihenweise Absagen ein.

(Foto: dpa)

Düsseldorf, FrankfurtAchtzehn Aufsichtsräte und keine Idee: Die Führungskrise bei Thyssen-Krupp verschärft sich mit jeder Woche, die seit dem überraschenden Abgang der alten Chefs vergeht. Anfang Juli schmiss Vorstandschef Heinrich Hiesinger hin, kurz darauf legte auch Ulrich Lehner sein Mandat als Aufsichtsratschef nieder.

Erst soll ein neuer Oberkontrolleur gefunden werden, dessen Aufgabe es dann wäre, die Vorstandsspitze neu zu besetzen. Doch es hagelt immer neue Absagen. Am Dienstag brachte die erste reguläre Sitzung des Aufsichtsrats ohne Lehner keinen Fortschritt.

Niemand will das Amt von Lehner übernehmen, der kurz vor seinem Abtritt über „Psychoterror“ der Investoren geklagt hatte. Der Finanzinvestor Cevian hält 18 Prozent an dem Essener Konzern, der von Paul Singer geführte Fonds Elliott drei Prozent.

In der Aufsichtsratssitzung entlud sich nach Informationen aus Konzernkreisen der Frust. Im Vorgespräch gifteten sich die Anteilseigner gegenseitig an. Peinlich und unwürdig sei die Hängepartie, kritisierten Beteiligte.

Kandidaten würden abgeschreckt, weil Investoren wie Cevian und die Thyssen-Krupp Stiftung, die 21 Prozent der Aktien hält, sich nicht auf eine Linie einigen könnten.

So verliere der Konzern wichtige Zeit. Die Anlagensparte kriselt, die noch von Hiesinger durchgesetzte Fusion der Stahlsparte mit dem Konkurrenten Tata sei bislang nur Theorie. Schon berichten Konzerninsider von Abwanderungen wichtiger Manager.

Während die Belegschaft sich hinter die scheidenden Manager stellte, zuckten die ausländischen Großinvestoren mit den Schultern. „Wenn du Hitze nicht verträgst, hast du in der Küche nichts verloren“, lautet ein Sprichwort, das angelsächsische Banker gern verwenden.

Außerdem: Die Börse feierte. Als Lehner ging, stieg der Kurs der Thyssen-Aktie um acht Prozent auf mehr als 22 Euro. Die Hoffnung auf einen Neuanfang beflügelte die Fantasie der Anleger – wenn auch nur kurz.

Denn zwei Monate nach dem Abgang der beiden wichtigsten Manager ist die Führungsspitze von Thyssen-Krupp immer noch vakant. Der Kurs sackte am Freitag unter 19 Euro.

Aktuell wird der Aufsichtsrat von Markus Grolms geführt, einem Gewerkschaftsfunktionär. Die Suche nach einem Nachfolger dauert immer mehr Beteiligten zu lang. „Zwei Monate sind zu viel. In dem Zeitraum hätte längst eine Lösung präsentiert werden können“, hieß es aus dem Umfeld der Konzernspitze. Einige Kontrolleure, unter anderem der frühere BDI-Chef Hans-Peter Keitel, hätten nicht nur den Misserfolg der Personalsuche kritisiert, sondern auch das Vorgehen selbst.

Chefsuche als Drunter und Drüber

Ein „strukturierter Prozess“ sei den Aufsichtsräten versprochen worden. Stattdessen erlebe man ein Drunter und Drüber – und nur Absagen, so von Airbus-Chef Tom Enders, dem ehemaligen Bayer-CEO Marijn Dekkers und dem früheren Vorstand der Deutschen Bank, Marcus Schenck. Auch der Vorstandsvorsitzende von Volvo, Håkan Samuelsson, soll erfolglos angesprochen worden sein. In Essen kursiert noch ein halbes Dutzend weiterer Namen – alle mit demselben Zusatz: will nicht.

Jedes neue Nein erhöht den Frust – vor allem, wenn es öffentlich bekannt wird. „Wer will zusagen, wenn lauter andere schon verzichtet haben“, fragt ein Personalberater rhetorisch. Seriöse Kandidaten gäben sich nicht die Blöße, als letzter Notnagel herzuhalten. „Was hier passiert, ist amateurhaft.“

Vordergründig richtet sich die Kritik gegen Bernhard Pellens. Der Wirtschaftsprofessor leitet den Nominierungsausschuss, der einen Nachfolger für Lehner finden soll. Nebenbei ist zum Monatsanfang auch noch René Obermann abhandengekommen. Er hatte seinen Rückzug bereits nach der Entscheidung zur Stahlfusion angekündigt. Auf der Internetseite von Thyssen-Krupp steht nun an der Stelle, wo sich vorher Obermanns Name befand, ein „N. N“.

Der Nominierungsausschuss lässt sich bei seiner Arbeit von der Personalberatung Spencer Stuart unterstützen – auch dies erfolglos. Ein Grund mag sein, dass potenzielle Kandidaten verwirrt sind von all den anderen Akteuren, die in den vergangenen Wochen bei Spitzenmanagern anklopften.

Beide Großaktionäre – die Krupp-Stiftung und Cevian – suchen dem Vernehmen nach auf eigene Faust nach einem neuen Chefkontrolleur. So soll der schwedische Finanzinvestor Cevian unter anderem bei Samuelsson angeklopft haben. Einen Erfolg kann niemand vermelden. Thyssen-Krupp äußert sich nicht zu der Personalsuche, auch Cevian und die Krupp-Stiftung wollen die Entwicklung nicht kommentieren.

Laschet spricht mit Investoren

Die Kritik im Aufsichtsrat trifft die Vorsitzende der Krupp-Stiftung, Ursula Gather, und Cevian-Partner Jens Tischendorf, die beide Mitglied des Gremiums sind. Gather und Tischendorf hätten dafür gesorgt, dass zunächst Vorstandschef Hiesinger ging und dann Lehner. Beide bestreiten dies. Doch keiner von beiden war bisher in der Lage, das Führungschaos im Konzern zu lindern. „Von den beiden Personen müssten wir erwarten können, dass sie konstruktiv an einer Lösung der offenen Personalien mitwirken“, klagt ein Topmanager.

Wie wichtig dies wäre, zeigte sich auf der Aufsichtsratssitzung. Am Dienstag mussten sich die verbliebenen 18 Aufseher auch mit der Entwicklung der Sparte Industrial Solutions befassen. Der Anlagenbau galt einst als Ertragsperle, steckt inzwischen aber in einer tiefen Krise.

Um dem Bereich neuen Schwung zu geben, soll das Management ausgewechselt werden, wie das Handelsblatt aus Konzernkreisen erfuhr. An diesem Donnerstag soll der Konzernvorstand mit den Bereichsvorständen Peter Feldhaus (CEO) und Stefan Gesing (Finanzen) eine Vertragsaufhebung vereinbaren (siehe Kasten). Der Konzern äußerte sich nicht zum Vorstandsumbau bei der Tochterfirma.

Was immer man von den ausscheidenden Managern denken möge – ihr Austausch bedeute keine Lösung für die Probleme der Sparte, sagt ein Manager. Es brauche eine Strategie der Konzernführung. Doch die bereits ausgearbeiteten Pläne Hiesingers gelten nicht mehr.

Interimschef Guido Kerkhoff erklärte kürzlich, dass er kein Mandat für eine langfristige Strategie habe. Er kündigte lediglich Kostensenkungen an. Für Thyssen-Krupp gilt eine einfache Gleichung: Ohne Führung keine Strategie, ohne Strategie keine Besserung. „Die Hängepartie wirkt sich zunehmend auf das operative Geschäft aus“, sagt ein Topmanager. Gerade bei großen Aufträgen verlangten Kunden eine stabile Führung. „Und die gibt es bei uns im Moment nicht.“

Das produziert auch an anderer Stelle Probleme. Heikel ist dem Vernehmen nach das geplante Joint Venture mit Tata Steel. Thyssen-Krupp und der indische Mischkonzern wollen ihr europäisches Stahlgeschäft bündeln und so ihr Ergebnis um jährlich rund 500 Millionen Euro verbessern.

Den Deal mit den Indern hatte noch Hiesinger ausgearbeitet. Tata-Chef Natarajan Chandrasekaran sah den Thyssen-Krupp-Chef als Garanten für den Erfolg des Joint Ventures, heißt es aus Kreisen der Tata-Gruppe. Über die Hängepartie bei Thyssen-Krupp sei der Inder nun tief frustriert.

Das Projekt komme nicht voran. Tata und Thyssen-Krupp hatten nach der Vertragsunterzeichnung Ende Juni angekündigt, dass innerhalb weniger Wochen der Vorstand von Thyssen-Krupp Tata Steel benannt werden solle.

Doch bis heute ist dazu keine Entscheidung gefallen. Die schleppende Suche nach einem neuen Aufsichtsratschef wird mehr und mehr zum Hemmnis für Thyssen-Krupp. Tischendorf und auch Gather seien als Vertreter der beiden Großaktionäre gut beraten, sich endlich auf einen gemeinsamen Kandidaten zu einigen, heißt es im Umfeld des Aufsichtsrats. Es ist ein Gedanke, den sich nun auch Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet zu eigen macht.

Der CDU-Politiker ist Mitglied des Kuratoriums der Krupp-Stiftung. Mitarbeiter von Thyssen-Krupp forderten Laschet in der Vergangenheit auf, in das Führungschaos einzugreifen. Nun handelt er: Aus einer Antwort der Landesregierung auf eine Kleine Anfrage der SPD-Fraktion geht hervor, dass Laschet bereits mit dem Investor Elliott gesprochen hat.

Die Zukunft der Thyssen-Krupp AG müsse „im Sinne der Arbeitnehmer, des Unternehmens und des Industriestandorts Nordrhein-Westfalen gestaltet werden“. Hierzu sei „ein Gespräch mit Vertretern von Cevian Capital ebenfalls vorgesehen.“

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