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Industriekonzern Kohle-Debakel löst neue Debatte über den Chefposten bei Siemens aus

Der umstrittene Auftrag in Australien sorgt weiter für intensive Diskussionen. Erste Investoren fordern nun Klarheit über die künftige Konzernspitze.
14.01.2020 - 20:38 Uhr 1 Kommentar
Joe Kaeser: Kohle-Debakel heizt Nachfolgedebatte bei Siemens an Quelle: Axel Griesch/FinanzenVerlag/laif
Joe Kaeser

Das Machtgefüge bei Siemens ist derzeit in Bewegung.

(Foto: Axel Griesch/FinanzenVerlag/laif)

München Wäre es sein eigenes Unternehmen, hätte er vielleicht anders gehandelt. Das schrieb Joe Kaeser in seiner langen Stellungnahme zum Adani-Projekt. Er habe viel Empathie für Umweltbelange. Doch müsse er als Siemens-Vorstandsvorsitzender die Interessen der verschiedenen Stakeholder ausbalancieren. Und da habe es höchste Priorität, Versprechen gegenüber den Kunden einzuhalten.

Kurzum: Siemens hielt trotz aller öffentlichen Kritik am Auftrag im Rahmen des umstrittenen Kohleminenprojekts in Australien fest.

In der Diskussion um Adani steht der Siemens-Chef nun mächtig unter Druck. Das Thema sorgt auch konzernintern für viel Unruhe. „Jeder, der glaubt, dass das Thema nach zwei Wochen ausgestanden ist, der irrt sich“, prognostiziert ein Insider. Es sei möglich, dass es auch personelle Konsequenzen gebe. Dies betreffe wohl eher untere Ebenen, der Vorstand wurde erst spät in das Thema eingebunden.

Das Machtgefüge bei Siemens ist derzeit ohnehin in Bewegung. Kaesers Vertrag läuft in einem Jahr regulär aus. Eine nochmalige Verlängerung galt in Aufsichtsratskreisen schon vor der Aufregung um Adani als unwahrscheinlich. Im Sommer will der Aufsichtsrat nach bisherigen Plänen über die Nachfolge entscheiden.

Doch könnte das Thema schon jetzt an Dynamik gewinnen. „Die aktuelle Diskussion bestärkt uns darin, schnellstmöglich Klarheit in der Nachfolgeregelung zu fordern“, sagte Vera Diehl, Portfoliomanagerin bei Union Investment, dem Handelsblatt. Siemens brauche jetzt „klare Verhältnisse an der Spitze, damit sich das Unternehmen wieder aufs Geschäft konzentrieren kann, anstatt sich in Führungsdiskussionen zu verzetteln“.

Derzeit aber läuft erst einmal die Suche nach den Verantwortlichen für das Adani-Debakel. Klar ist nach Einschätzung in Industriekreisen, dass die operativ Verantwortlichen in Australien die Brisanz des für Siemens-Verhältnisse kleinen Auftrags über 18 Millionen Euro für Signaltechnik unterschätzten oder zu spät an die Konzernzentrale meldeten. Vor Ort habe man den Auftrag unbedingt haben wollen, heißt es in Industriekreisen.

Manche verweisen nun auch darauf, dass Konzernvize Roland Busch einen „Sustainability Board“ leitet, in dem der Auftrag einmal kurz Thema gewesen sein soll. Allerdings ist das Gremium bislang nicht für die konkrete Prüfung von Aufträgen zuständig, sondern eher allgemein für Nachhaltigkeitsthemen.

Schlechte Stimmung an der Spitze

Dennoch wurden Spekulationen laut, dass Kaeser versuchen könnte, die Verantwortung seinem Vize Busch zuzuschieben. In Industriekreisen wird das zurückgewiesen. Die Stimmung in der Führungsriege sei zwar nicht sonderlich gut. „Da hilft das Thema Adani nicht unbedingt.“ Kaeser und Busch aber arbeiteten professionell zusammen.

Im Dezember, als die Welt bei Siemens noch in Ordnung war, waren Busch und Kaeser bei einem Townhall-Meeting gemeinsam vor die Siemens-Beschäftigten getreten. Er wolle gleich über den „Elefanten im Raum“ sprechen, also über das Thema, das alle interessiere, über das aber keiner offen zu sprechen wage, sagte Kaeser: die Führung des Konzerns.

Er selbst habe Busch als Stellvertreter vorgeschlagen, betonte der Siemens-Chef. Busch besitze seine volle Unterstützung. Wer glaube, dass man nicht auf einer Wellenlänge sei, liege „total falsch“.

Nicht wenige im Konzern hatten Kaeser im Verdacht, sich für nur schwer ersetzbar zu halten. Doch zeichnet sich seit einigen Wochen ab, dass der Wechsel geordnet über die Bühne laufen soll – wenn nicht etwas Dramatisches dazwischenkommt.

Nach Informationen des Handelsblatts aus Aufsichtsratskreisen ist fest geplant, dass Busch nach seiner Beförderung zum Stellvertreter auch tatsächlich Vorstandsvorsitzender wird. Viele im Unternehmen sehnen sich nach einem Ingenieur an der Spitze.

Kaeser habe auch vieles richtig gemacht, sagt ein Aufsichtsrat. Beispielsweise sei die Idee, den Geschäften mehr Eigenständigkeit und Agilität zu geben, weiter richtig. Allerdings seien manche inzwischen der Kapriolen, die Kaeser zuweilen schlägt, etwas überdrüssig. So sahen es viele im Unternehmen kritisch, dass Kaeser im November twitterte: „Wenn ein kiffender Kollege in den USA von Peterchens Mondfahrt spricht, ist er ein bestaunter Visionär.“ Gemeint haben konnte er damit nur den Tesla-Chef Elon Musk – ein wichtiger Siemens-Kunde. Auch früher hatte der Siemens-Chef schon mit Twitter-Tweets und klare Statements zu politischen Themen für Aufsehen gesorgt.

Über das Angebot Kaesers an die Klimaaktivistin Luisa Neubauer, einen Aufsichtsposten bei Siemens Energy zu übernehmen, wird intern ebenfalls viel diskutiert. „Das war ein typischer Kaeser“, meint ein Siemensianer. Die Idee, das Gespräch mit den Kritikern zu suchen, sei richtig.

Das Angebot aber, in den Aufsichtsrat zu gehen, sei nicht gut vorbereitet gewesen und problematisch, wenn er zwei Tage später dann verkünde, dass man den Auftrag erfüllen werde. Der CEO habe es mal wieder allen recht machen wollen – und sitze nun zwischen allen Stühlen.

Bei Investoren stieß der Neubauer-Vorstoß aber auch auf Verständnis. Das Aufsichtsratsangebot zeige, dass Siemens es mit seinen Klimazielen ernst meine, sagte DWS-Fondsmanager Marcus Poppe dem Handelsblatt. „Es als rein taktisches Manöver abzutun wäre falsch.“

„Siemens muss verlässlich sein“
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1 Kommentar zu "Industriekonzern: Kohle-Debakel löst neue Debatte über den Chefposten bei Siemens aus"

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  • Mit großer Sorge betrachte ich die hysterische Entwicklung der heranwachsenden Generation, die sich nahtlos und rücksichtslos in das Weltrettungssystem der Altparteien einbinden lassen. An dem Beispiel des Siemensauftrages ist dies besonders erkennbar. Würde Siemens wunschgemäß den Forderungen der Klimaschützer nachgeben und diesen Auftrag stornieren, wären hohe Sanktionen und weiterhin ein großer Verlust in der Wertschöpfung zu erwarten. Nicht zu unterschätzen ist auch der internationale Ruf der Zuverlässigkeit. Würde Siemens den Auftrag nicht ausführen, wären sofort andere Bieter aus USA, China weiteren Ländern bereit, diesen Auftrag zu übernehmen. In keinem Falle würde die australische Kohleförderung stillgelegt werden. Leider sind solche einfache logischen Kenntnisse bei unseren Klimaschützern nicht vorhanden.

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