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Industriekonzern Nach Milliardenverkauf: Thyssen-Krupp bittet Solidarkasse um Hilfe

Mit dem Verkauf der Aufzugsparte ist Thyssen-Krupp dabei, sich zu halbieren. Einen Teil des Umbaus will der Konzern mit Mitteln aus der Arbeitslosenversicherung finanzieren.
08.03.2020 - 14:36 Uhr Kommentieren

Frankfurt, Düsseldorf Nach dem Verkauf der Aufzugsparte für 17,2 Milliarden Euro will Thyssen-Krupp einen Teil der geplanten Restrukturierung mit Mitteln aus der Arbeitslosenversicherung finanzieren. Wie das Handelsblatt aus Unternehmenskreisen erfuhr, hat der Konzern für 160 Mitarbeiter der Konzernverwaltung in Essen sogenanntes Transferkurzarbeitergeld beantragt.

Ein Sprecher des Unternehmens bestätigte die Informationen. Thyssen-Krupp habe die Maßnahme „in Absprache und mit Unterstützung der Bundesagentur für Arbeit“ für den Abbau von 160 Stellen beantragt, erklärte er auf Anfrage.

Die Stellenstreichungen sind Teil eines größeren Umbaus, in dessen Rahmen der Ruhrkonzern mindestens 6000 Stellen abbauen will. Thyssen-Krupp ist dabei, sich zu halbieren. 800 Stellen sollen in der Zentrale wegfallen, weitere 2800 in der Stahlsparte. Ein internationales Konsortium will zudem die Aufzugsparte mit gut 50.000 Mitarbeitern übernehmen. Der Verkauf würde den Konzern dramatisch verkleinern, der Erlös von 17,2 Milliarden Euro der Führung aber ermöglichen, neue Wege zu gehen.

Einen Teil der Kosten für den Konzernumbau übernimmt mit dem Kurzarbeitergeld nun auch die Arbeitslosenversicherung, in die alle Arbeitnehmer und Arbeitgeber einzahlen. Die Mitarbeiter, die an dem Programm teilnehmen, erhalten nach jetziger Planung zwischen 60 und 67 Prozent ihres bisherigen Nettoeinkommens aus dem Versicherungstopf weitergezahlt. Thyssen-Krupp wiederum selbst will zwischen 15 und acht Prozent des bisherigen Nettogehalts beisteuern, um den Mitarbeitern die Teilnahme an dem Programm attraktiver zu machen.

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    Noch vor wenigen Tagen hatte die Konzernführung um Vorstandschefin Martina Merz betont, wie solide der Ruhrkonzern nach dem Verkauf der Ertragsperle aufgestellt sein wird. Zuletzt hatte Merz sogar wieder eine Dividende ins Spiel gebracht.
    „Mein persönliches Ziel ist schon, dass wir dieses Thema bei der nächsten Hauptversammlung diskutieren können. Wirklich“, sagte sie in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. „Das steht auf unserer Prioritätenliste ganz weit oben“, so die Vorstandschefin.

    Kein Widerspruch

    Den Grund lieferte Merz gleich mit. „Anlegervertrauen hat etwas damit zu tun, dass man verlässlich ist“, erklärte die Vorstandschefin. „Und wer verlässlich sein will, muss auch verlässlich Dividenden zahlen.“

    Dass der Konzern gleichzeitig die Solidarkasse um Hilfe bittet, ist für Thyssen-Krupp offenbar kein Widerspruch. „Das Transferkurzarbeitergeld ist vom Gesetzgeber genau für die Fälle vorgesehen, in denen ein Unternehmen die Folgen einer strukturellen Krise für die Beschäftigten abfedern muss“, erklärte ein Sprecher. „Das Programm hilft, Arbeitslosigkeit zu vermeiden und ist daher auch im Sinne der Bundesagentur – und im öffentlichen Interesse.“

    Andere Großkonzerne nutzen diese Instrumente üblicherweise nicht, sondern zahlen Abfindungen, wenn sie wegen strategischer Anpassungen ihre Mitarbeiter entlassen. Zwar steckt Thyssen-Krupp in einer Krise – doch handelt es sich dabei nicht um eine strukturelle Krise in den operativen Geschäften – vor allem gilt das nicht für die Verwaltung des Konzerns in Essen.

    Thyssen-Krupp bittet die Solidarkasse um Hilfe Quelle: dpa
    Thyssen-Krupp-Logo

    Mit den Erlösen aus dem Verkauf der Aufzugsparte will Vorstandschefin Martina Merz den Ruhrkonzern bilanziell sanieren.

    (Foto: dpa)

    Bei Thyssen-Krupp kommt nun noch hinzu, dass die aktuelle Krise ein genaues Ablaufdatum hat: den bereits verhandelten Verkauf der Aufzugsparte im Wert von 17,2 Milliarden Euro.

    Nicht nur lassen sich damit die hohen Nettofinanzschulden von zuletzt mehr als sieben Milliarden Euro decken. Auch die Pensionslasten von mehr als neun Milliarden Euro dürften in weiten Teilen mit den Geldern abgelöst werden, so sieht es der Plan der Vorstandsvorsitzenden Merz bislang vor.

    Um langfristig zu bestehen, fehlen dem Unternehmen aber weiterhin konstante Einnahmen. Im vergangenen Jahr gab der Konzern rund eine Milliarde Euro mehr aus, als er eingenommen hat. Im laufenden Jahr soll die Bilanz, die Einnahmen aus dem Verkauf der Aufzugsparte nicht eingerechnet, sogar noch schlechter ausfallen. Will Konzernchefin Merz ihren Aktionären eine Dividende gewähren, dann kann diese nicht aus dem laufenden Geschäft stammen.

    Verkauf des Tafelsilbers

    Als Quelle kommt daher nur das Geld infrage, das Thyssen-Krupp mit dem Verkauf seines Tafelsilbers einnehmen will: der Aufzugsparte.

    Es wäre ein Plan, den sowohl die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat als auch Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) in der Vergangenheit wiederholt abgelehnt haben. Im Oktober 2019 verkündete Laschet etwa, er habe dem Thyssen-Krupp-Großaktionär ein Versprechen abgerungen. Der schwedische Investor Cevian werde bei einem Verkauf der Aufzugsparte keine Sonderdividende fordern. Er feierte dies als wichtigen Schritt: „Die Erlöse, die erzielt werden, müssen in die Zukunft des Unternehmens investiert werden.“

    Auf Anfrage teilte ein Sprecher mit, die Landesregierung habe ihre Position zur Zukunft von Thyssen-Krupp wiederholt zum Ausdruck gebracht. Sie habe die Erwartung, „dass die ‧anstehenden Schritte im engen Austausch zwischen Unternehmensführung und Arbeitnehmern abgestimmt werden“. Diese Positionierung gelte weiterhin.

    Doch die Aussicht, dass die Aktionäre aus dem Milliardentopf schöpfen dürfen, die Mitarbeiter aber an der dünnen Solidarkasse anstehen, kommt in der Belegschaft nicht gut an. Als „grotesk“ bezeichnen Mitarbeiter die Worte, mit denen Manager gerade für das Angebot des Konzerns werben. Sie sollen freiwillig in eine sogenannte Transfergesellschaft wechseln – und damit aus dem Personaletat von Thyssen-Krupp verschwinden.

    „Eine tolle Möglichkeit“ sei das, habe man ihnen auf einer Versammlung erzählt, berichtet ein Betroffener. Jeder solle sich doch ein Angebot von der Personalabteilung einholen.

    Eine zügige Antwort sei garantiert: „Rubbel die Katz, haben Sie das auf dem Tisch!“ Manche Zuhörer reagierten mit Lachen, manche mit Entsetzen. Viele haben das Leitbild des Konzerns im Kopf: „Wir übernehmen Verantwortung für die Gesellschaft.“
    Nun fürchten die Mitarbeiter: Der neuen Führung ist die Verantwortung für die Gesellschafter wichtiger als die Verantwortung für die Gesellschaft.

    Mehr: Nach dem erfolgreichen Verkauf der Aufzugsparte rutscht der Aktienkurs von Thyssen-Krupp auf einen Tiefststand. Finanzchef Johannes Dietsch wirbt bei Investoren dennoch um Vertrauen.

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