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Thyssen-Krupp

Geplante Restrukturierungen bringen dem Konzern einen hohen Nettoverlust.

(Foto: dpa)

Industriekonzern Prinzip Hoffnung bei Thyssen-Krupp – Konzern kündigt Durststrecke an und streicht Dividende

Nach einem verlustreichen Jahr stimmt Vorstandschefin Martina Merz die Aktionäre auf noch höhere Verluste ein. Belastend ist der Konzernumbau. Was jedoch fehlt, ist eine langfristige Strategie.
Update: 21.11.2019 - 16:34 Uhr 5 Kommentare

Essen Für den Schluss hat sich die neue Thyssen-Krupp-Chefin Martina Merz einige persönliche Worte aufgespart. Eine einfache Rezeptur für den Umbau des Unternehmens habe sie nicht, sagte sie zum Abschluss der Bilanzpressekonferenz.

Und doch: Die Herausforderungen seien groß, aber zu bewältigen. „Die Krisenstimmung, die wir heute verbreiten, täuscht darüber hinweg, dass wir in den meisten Geschäften zu den Besten in unserer Branche gehören“, sagte Merz.

Es sind freundliche Worte. Sie stehen aber im Gegensatz zu den Aussagen von Merz und ihrer Vorstandskollegen in der Stunde zuvor. Was sie in den sieben Wochen nach ihrem Amtsantritt gesehen und gehört habe, habe sie zum Teil ernüchtert, sagte die frühere Bosch-Managerin: „Wir liegen in vielen Bereichen weit hinter unseren Ambitionen zurück.“

Die klaren Worte belegt sie mit Fakten: Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2018/19 stieg der Verlust auf 260 Millionen Euro. Die Eigenkapitalquote – also das Verhältnis von Substanz und Schulden – schrumpfte auf 6,1 Prozent. Es ist der schlechteste Wert unter den deutschen Großkonzernen, und er ist ein gefährliches Hemmnis für die Entwicklung des Traditionskonzerns.

Bei der schwachen Bilanz werden Kredite teurer, was Investitionen erschwert und Akquisitionen praktisch verbietet. Die Börse quittierte dies mit einem Kursrutsch von zeitweise mehr als zwölf Prozent.

Martina Merz: „Der Konzern ist in einer schwierigen Situation“

Merz selbst ist die Misere nicht anzulasten. Nach einer kurzen Zeit im Aufsichtsrat hatte sie zum Oktober den Vorstandsvorsitz von Guido Kerkhoff übernommen. Maximal ein Jahr kann eine solche Entsendung in den Vorstand dauern.

Thyssen-Krupp steckt seit zehn Jahren in der Dauerkrise. Erst fräste der Bau neuer Stahlwerke in den USA und in Brasilien ein Loch in der Größenordnung von zehn Milliarden Euro in die Bilanz der Essener.

Dann zog sich die Neuausrichtung auf einen Technologiekonzern mit dem Aufzugsbau im Zentrum über Gebühr in die Länge. Das Konglomerat konnte seine Bilanz nicht stabilisieren. In nahezu allen Sparten liegt das Unternehmen unverändert hinter der Konkurrenz.

Strategie wurde mehrmals geändert

Die Schuld dafür liegt weniger bei den Mitarbeitern, sondern mehr an der Führungsetage. Die Großaktionäre – die Krupp-Stiftung und der Finanzinvestor Cevian – waren nicht mit dem Kurs des wechselnden Managements zufrieden. Die Strategie wurde daher ein ums andere Mal umgeworfen. Mal war Stahl Kerngeschäft, mal die Technologiesparten, dann der Aufzugsbau und schließlich Stahl und Technologien gleichzeitig.

Wohin der Konzern jetzt steuert – es ist ungewiss. Der Vorstand um Merz verzichtete darauf, eine neue Strategie vorzugeben. Der Konzern sei in einer schwierigen Lage, und es erfordere eine nüchterne Betrachtung, harte Arbeit und die Analyse verschiedener Optionen, sagte sie. „Wir werden deshalb heute nicht das eine Rezept für die Zukunft von Thyssen-Krupp verkünden können.“

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Statt eines strategischen Zielbilds setzt der Vorstand auf kleine Schritte, mit denen die Kosten gesenkt werden sollen. Dazu sollen konzernweit 6000 der insgesamt 160.000 Stellen gestrichen werden. Laut Personalvorstand Oliver Burkhard könnten noch mehr Arbeitsplätze wegfallen. Ein Stellenabbau sei aber kein Selbstzweck und würde im Einvernehmen mit den Betriebsräten entschieden.

Der Umbau wird den Konzern im laufenden Geschäftsjahr mit rund einer halben Milliarde Euro belasten. Um liquide zu bleiben und Spielraum für Investitionen zu erhalten, will das Unternehmen einst elementare Geschäftsbereiche verkaufen.

Während das Management in der Sparte Anlagenbau die Abgabe einzelner Teile vorbereitet, ist der Verkaufsprozess für den Bereich Aufzüge weit fortgeschritten. Es lägen Angebote von mehreren strategischen Interessenten und Finanzinvestoren vor, sagte Finanzvorstand Johannes Dietsch.

Nach Angaben von mit den Vorgängen vertrauten Personen könnte Thyssen-Krupp bei einem Komplettverkauf 15 Milliarden Euro oder sogar mehr erlösen. Im Januar oder Februar will die Firmenleitung entscheiden, ob Thyssen-Krupp den Bereich komplett oder teilweise verkaufen wird. Einen Börsengang halten Konzerninsider für unwahrscheinlich, auch wenn der Konzern diese Pläne offiziell weiterhin als Alternative betreibt.

Mit dem Wechsel an der Vorstandsspitze von Kerkhoff auf Merz sind aus Sicht der Bieter die Chancen für eine Komplettübernahme gewachsen. Kerkhoff hatte sich dagegengestellt, weil er ohne die Dividenden der ren-tablen Aufzugsparte die Finanzkraft der Thyssen-Krupp AG geschwächt sah. Merz könnte offener für einen vollständigen Verkauf sein, da sie eher auf solche Forderungen des Aktionärs Cevian eingehen könnte.

Mit dem Erlös würden keine Löcher gestopft, sondern die Bilanz würde gestärkt, und es würde in die Geschäfte investiert, betonte Merz. Sie blickt mit Zuversicht auf die Aufgabe: „Ich freue mich, dass ich das Unternehmen leiten darf.“ Fragen, ob sie das Amt dauerhaft übernehmen könnte, beantwortete sie nicht.

Mehr: Der strategische Zickzack-Kurs der Thyssen-Krupp-Führung muss endlich ein Ende haben, wenn der Konzern eine langfristige Zukunft haben will, meint Handelsblatt-Reporter Martin Murphy.

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5 Kommentare zu "Industriekonzern: Prinzip Hoffnung bei Thyssen-Krupp – Konzern kündigt Durststrecke an und streicht Dividende"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Ein Bisschen drastisch beschrieben, aber passt. Und die IG Metall trägt auch nicht viel zur Fortentwicklung des Unternehmens bei. Frau Gather, eine Professorin, absolut keine Erfahrung in Unternehmensführung. Frau Merz stammt aus der Automobilbranche, also wiederum keine Stahl/Montanerfahrung. Stellen abbauen zur Kostenentlastung kann jeder.

  • Keine Strategie, keine Ahnung, keine Besserung, keine Zukunft für thyssenkrupp. Letztlich wird hier auch das völlige Versagen des Aufsichtsrats sichtbar. Die Stiftung, der maßgebliche und größte Ankeraktionär wird von einer Amateurin, die hinreichend bewiesen hat, dass sie weder Ahnung, noch Gestaltungswillen, noch Durchsetzungskraft hat, geführt. Ihr Name: Ursula Gather. Es ist undenkbar, dass zu Lebzeiten eines Berthold Beitz eine Heuschrecke wie Cevian derart ungestört sein destruktives Werk hätte vollenden können. Beitz hätte das Gewicht der Stiftung genutzt, um Cevian - einen der erfolglosesten Investoren (Beispiel: Bilfinger) - in seine Schranken zu weisen und eine sinnvolle Strategie entwicklen zu lassen. Unter Gather hingegen, lässt die Stiftung sich jagen und treiben - zum Schaden des Unternehmens und letztlich des gesamten Standorts. Eine Strategie gibt es leider immer noch nicht, aber man folgt Cevian und verscherbelt ausgerechnet die profitablen Teile. Der Rest des Konzerns ist damit seiner einzigen Einnahmequelle beraubt und wird schnell ausbluten und insolvent gehen. Es ist doch absurd, ausgerechnet das kapitalintensive, extrem zyklische Stahlgeschäft fortführen zu wollen. Kein Mensch wird in Deutschland noch kostendeckend Stahl kochen können: Hohe Investitionen, extreme Klimaschutzauflagen, höchsten Energiepreise Europas, teurer Standort fernab vom Meer und günstigen Transportwegen, schwankungsanfällige Vorprodukte wie Eisenerz, Wegbrechen der Absatzmärkte und die Industrie, auf die man alles gesetzt hatte - die Autoindustrie - in einer schweren Krise. Dazu dann noch der ganze Dumping-Stahl aus China und Russland sowie die Wettbewerbsverzerrungen durch Subventiionen auf dem europäischen Markt. Und das soll eine Strategie sein? Ein Vorstandsvorsitzender nach dem anderen wird abgesägt, hohe Abfinden werden fällig - ist das alles? Schön, dass Frau Merz als ehemalige Aufsichtsratsvorsitzende die Schuld ihren Vorgängern zuschiebt - beschämend.

  • Ein Teil der Misere sind sicherlich die Fehlinvestitionen in Brasilien und USA geschuldet. Aber: das wurde damals natürlich auch vom Aufsichtsrat abgenickit.

  • Auch hier ist der Niedergang eines deutschen Traditionskonzerns die Verantwortung und das Werk eines langjährig unfähigen Aufsichtsrates.

  • Das Beispiel ThyssenKrupp zeigt, dass sich selbst "Fachleute" wie der CEVIAN-Inverstor gewaltig "irren".