Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Stahlwerk in Duisburg

Das Unternehmen hat viele Probleme in der wichtigsten Konzernsparte.

(Foto: dpa)

Industriekonzern Prognose gekappt – Wie es bei Thyssen-Krupp jetzt weitergeht

Die Stahlsparte ist das künftige Kerngeschäft des Ruhrkonzerns. Sie steckt allerdings in ernsten Schwierigkeiten. Nur das Geschäft mit Aufzügen läuft stabil.
Kommentieren

Düsseldorf Vorstandschef Guido Kerkhoff ließ keinen Platz für Interpretationen, als er die Ergebnisse des dritten Quartals des laufenden Geschäftsjahres 2018/19 (zum 30. September) präsentierte. „Mit der Geschäftsentwicklung in den ersten neun Monaten können wir insgesamt nicht zufrieden sein“, erklärte der Thyssen-Krupp-Chef vor Journalisten – und machte deutlich, woran es seiner Meinung nach im Moment hapert. „Die Autokonjunktur schwächelt. Die Erzpreise befinden sich trotz schwacher Nachfrage auf einem sehr hohen Niveau. Und globale Handelskonflikte erschweren die Situation zusätzlich.“

Es war die Rechtfertigung für die enttäuschenden Zahlen, die der Ruhrkonzern an diesem Donnerstag vorgelegt hat. Nicht nur brach das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) zwischen Oktober und Juni im Vergleich zum Vorjahr um 85 Prozent auf nunmehr 124 Millionen Euro ein.

Auch die Prognose für das Gesamtjahr musste der Vorstand auf ein bereinigtes Ebit von 0,8 Milliarden Euro kürzen, nachdem ursprünglich bis zu 1,2 Milliarden Euro prognostiziert worden waren. Nur die Aufzugssparte konnte ihr Ergebnis aus dem Vorjahr halten – und lag hier in den ersten neun Monaten erneut bei einem Ebit von 590 Millionen Euro.

Vor allem das Stahlgeschäft litt in den vergangenen Wochen unter zunehmenden Problemen – einerseits wegen der schwächelnden Autokonjunktur, andererseits wegen der zuletzt drastisch gestiegenen Preise für den wichtigsten Rohstoff Eisenerz. So erzielte die in Zukunft wieder wichtigste Sparte des Ruhrkonzerns nach drei Quartalen einen Verlust vor Zinsen und Steuern von 75 Millionen Euro. Ein Jahr zuvor hatte der Betriebsgewinn hier noch bei fast 600 Millionen Euro gelegen.

Für den Umbau des Industriekonglomerats, das neben Aufzügen und Stahl auch Autoteile fertigt und im Anlagenbau sowie im Werkstoffhandel tätig ist, bedeutet das schlechte Abschneiden eine schwere Hypothek. „Es muss klar sein, dass wir uns aktuell in einer ersten Phase vor allem darauf konzentrieren, unsere Geschäfte zu stabilisieren“, sagte Kerkhoff. „Wir müssen uns in die Lage versetzen, dauerhaft Geld zu verdienen.“ Erst in einer zweiten Phase könne der Konzern seine Wettbewerbsfähigkeit so weiterentwickeln, dass alle Geschäfte eine führende Marktposition einnehmen könnten, so der Vorstandschef.

Die Kosten sollen weiter sinken

Das bedeutet zunächst einmal: sparen, sparen, sparen. So will der 51-Jährige verschiedene Tochterunternehmen auf den Prüfstand stellen, die in der Vergangenheit regelmäßig für Verluste gesorgt haben. Dazu zählen der Geschäftsbereich Federn und Stabilisatoren, der Anlagenbau für die Autoproduktion sowie die Produktion von Grobblech. „Diese Einheiten stehen für vier Prozent des Konzernumsatzes, aber für ein Viertel des erwarteten negativen Cashflows“, so Kerkhoff. Vor Zu- und Verkäufen soll der Mittelabfluss 2019/20 nach jetzigen Prognosen etwa eine Milliarde Euro betragen.

Schon für das kommende Geschäftsjahr hat Kerkhoff hier einen positiven Wert von einer Milliarde Euro angekündigt. An diesem Ziel hält der Vorstand auch weiterhin fest. Wohl auch deshalb zeigte sich der Vorstandschef hart, als es um einen möglichen Verkauf der notleidenden Einheiten ging. Derzeit arbeite ein Team von Sanierungsexperten daran, die Restrukturierung dieser Geschäfte voranzutreiben, so Kerkhoff.

Grafik

Doch es gelte: „Entweder gelingt uns jetzt die Sanierung, oder wir werden uns ernsthaft die Frage stellen, ob wir diese Geschäfte sinnvoll im Konzern weiterführen können.“ Die Portfolio-Maxime laute fortan: „Was es nicht mehr geben wird, ist, dass Geschäfte ohne klare Perspektive dauerhaft Geld verbrennen und damit Wert vernichten, den andere Bereiche erwirtschaftet haben.“

Fraglich ist indes, zu welchen Konditionen sich Thyssen-Krupp im Fall der Fälle von diesen schlecht laufenden Geschäften wird trennen müssen – und ob dabei Abschreibungen entstehen, die die ohnehin schwache Eigenkapitalsituation des Ruhrkonzerns weiter belasten. Schon jetzt liegt das Gearing, also das Verhältnis zwischen Fremd- und Eigenkapital, bei mehr als 200 Prozent – und hat sich damit im Vergleich zum Vorjahr (114 Prozent) nahezu verdoppelt.

Neben der Überprüfung schwächelnder Unternehmensteile soll auch der geplante Börsengang der Aufzugssparte wieder Geld in die leeren Kassen des Ruhrkonzerns spülen. Beobachter schätzen den Wert des hochprofitablen Geschäfts, das in den ersten neun Monaten eine Ebit-Marge von mehr als zehn Prozent erzielte, auf einen zweistelligen Milliardenbetrag.

Zwar will Kerkhoff nach derzeitigem Stand nur einen Minderheitsanteil davon an die Börse bringen. Doch längst haben auch Kaufinteressenten angeklopft, darunter Konkurrenten wie der finnische Aufzugshersteller Kone, aber auch Finanzinvestoren. Deren mögliche Angebote will Kerkhoff zwar prüfen – doch vorerst steht weiterhin ein IPO im kommenden Jahr auf dem Plan.

Auch die Senkung der Verwaltungskosten will der Vorstand weiter vorantreiben. So sanken die Ausgaben für die Konzernzentrale in Essen in den ersten neun Monaten im Vorjahresvergleich um mehr als 14 Prozent auf 250 Millionen Euro. Innerhalb von zwei Jahren sollen die jährlichen Kosten auf unter 200 Millionen Euro sinken.

Auch die Verwaltungskosten der einzelnen Sparten will der Vorstand weiter drücken. „Hier geben wir derzeit mit in Summe über zwei Milliarden Euro deutlich zu viel aus“, so Kerkhoff. Um Kosten einzusparen, sollen die Strukturen vereinfacht werden. „Wir müssen selbstkritisch feststellen, dass wir hier zum Teil erhebliche Redundanzen haben und zu viele Hierarchieebenen. Wo möglich, wollen wir eine Ebene herausnehmen.“+

Schon nach dem geplatzten Stahl-Joint-Venture mit dem Konkurrenten Tata Steel hatte der Manager einen Personalabbau von rund 6 000 Stellen angekündigt, von denen ein Drittel auf die Stahlsparte entfallen dürfte. Hier liegt auch der größte Handlungsbedarf für den Vorstand – denn nachdem infolge des Vetos der EU-Kommission zu dem Zusammenschluss auch die ursprünglich geplante Aufspaltung des Konzerns abgesagt wurde, soll der Stahl wieder zum Kerngeschäft erklärt werden.

Doch in der zyklusanfälligen Branche stehen die Zeichen derzeit allesamt auf Sturm. Nicht nur leidet die Stahlindustrie schon lange wegen der global hohen Überkapazitäten unter massiven Strukturproblemen. Erschwerend kommt nun auch noch ein Konjunkturabschwung hinzu – sowie erwartbar steigende Kosten für CO2-Zertifikate, von denen die emissionsintensive Stahlindustrie in besonderem Maße betroffen ist.

Grafik

Als Sofortmaßnahme hat der neue Divisionsvorstand um den früheren Finanzchef Premal Desai, der im Juni seinen Vorgänger Andreas Goss als CEO abgelöst hat, deshalb unter anderem einen Einstellungsstopp verhängt. Auch eine Reduzierung der Verwaltungskosten sowie eine Optimierung des Rohstoffeinkaufs sind geplant. Spätestens bis zum Ende des Jahres soll ein Zukunftskonzept stehen, zu dem auch konkrete Vorhaben im Bereich der Emissionsreduktion gehören sollen.

An der Börse wurden die schlechten Nachrichten aus Essen weitgehend mit Gleichmut aufgenommen. Zwischenzeitlich lag die Aktie von Thyssen-Krupp sogar vier Prozent im Plus. Schon länger hatten viele Analysten eine Prognosesenkung erwartet, auch weil viele andere Unternehmen derzeit mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben – darunter der Chemiehersteller BASF, Maschinenbauer wie Aumann und Konkurrenten wie die Voestalpine, die am Mittwoch einen Gewinneinbruch von mehr als 50 Prozent verkünden musste.

Kepler-Chevreux-Analyst Rochus Brauneiser lobte derweil die Bemühungen des Vorstands, das strauchelnde Industriekonglomerat strategisch neu auszurichten. In einer Studie vom Donnerstag schrieb er, die neue Strategie sei die erste, die den strukturellen Defiziten des Konzerns begegnen könne, und hob dabei den geplanten Börsengang der Aufzugssparte als „historischen Meilenstein“ hervor.

Auch Sven Diermeier von Independent Research begrüßte in einer Analyse Kerkhoffs Plan, darüber hinaus weitere Unternehmensteile zur Disposition zu stellen, als „sinnvoll“ – wenngleich der Schritt zu spät komme.

Rechtsvorstand scheidet aus

Zumindest ein Vorstandsmitglied wird sich in absehbarer Zeit nicht mehr mit den Problemen des Industriekonzerns befassen: Wie Thyssen-Krupp noch am Abend vor der Vorlage der Zahlen bekannt gab, wird Compliance-Vorstand Donatus Kaufmann das Unternehmen zum 30. September nach mehr als fünf Jahren verlassen.

Für das Unternehmen komme es nun darauf an, dass der verbleibende Vorstand um Kerkhoff den Veränderungsprozess mit gleichbleibend großem Einsatz weiter gestalte, hatte Aufsichtsratschefin Martina Merz bei der Verkündung der Personalie gemahnt. Die Stelle soll nicht nachbesetzt werden.

Dass der Aufsichtsrat weiterhin hinter der Strategie des Vorstands stehe, hat nun auch Kerkhoff bei der Präsentation der Zahlen wieder betont. In den Kreisen der Kontrolleure war es im vergangenen Jahr zu Unstimmigkeiten gekommen, in deren Folge sowohl der damalige Vorstandschef Heinrich Hiesinger als auch der damalige Chefkontrolleur Ulrich Lehner ihre Posten geräumt hatten.

Kerkhoff hatte daraufhin zunächst interimsweise den Vorstandsvorsitz übernommen, bevor er schließlich zum dauerhaften CEO ernannt wurde. Das Einvernehmen mit dem Aufsichtsrat sei eine wichtige Voraussetzung für seine Arbeit, hatte Kerkhoff seither mehrmals betont.

Zumindest diese Vorzeichen haben sich offenbar nicht geändert.

Mehr: Thyssen-Krupp ist abhängig von der Aufzugsparte. Misslingt der Gang aufs Parkett, droht Thyssen-Krupp beim nächsten Abschwung der ungebremste Absturz, meint Handelsblatt-Reporter Kevin Knitterscheidt.

Startseite

Mehr zu: Industriekonzern - Prognose gekappt – Wie es bei Thyssen-Krupp jetzt weitergeht

0 Kommentare zu "Industriekonzern: Prognose gekappt – Wie es bei Thyssen-Krupp jetzt weitergeht"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote