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Industriekonzern Staatseinstieg bei Thyssen-Krupp vom Tisch: Welche Optionen bleiben?

Der Vorstand will die Stahlsparte ohne Staatshilfe sanieren. Damit bleiben zwei Optionen für das notleidende Geschäft übrig. Den Arbeitnehmern gefällt keine davon.
14.12.2020 - 18:04 Uhr Kommentieren
Der britische Stahlhersteller Liberty Steel hat ein Angebot für eine Komplettübernahme auf den Tisch gelegt. Quelle: imago images/Rupert Oberhäuser
Stahlarbeiter in Duisburg

Der britische Stahlhersteller Liberty Steel hat ein Angebot für eine Komplettübernahme auf den Tisch gelegt.

(Foto: imago images/Rupert Oberhäuser)

Düsseldorf Wenn sich am Mittwochmorgen die Belegschaft von Thyssen-Krupp Steel zur Betriebsversammlung trifft, werden die Stahlkocher einiges zu besprechen haben. Denn am Wochenende hat der Konzernvorstand eine weitreichende Entscheidung getroffen.

In einem Interview erklärte Finanzvorstand Klaus Keysberg am Samstag, eine Staatsbeteiligung für die notleidende Stahlsparte sei vom Tisch. Über Monate hatte die IG Metall für diese Lösung geworben. Denn für die Arbeitnehmer wäre ein Staatseinstieg wahrscheinlich die schonendste Variante gewesen.

Doch nach der öffentlichen Absage muss Thyssen-Krupp sein notleidendes Geschäft nun erst einmal in Eigenregie sanieren. Schon bei der Vorlage der Jahreszahlen vor wenigen Wochen hatte Vorstandschefin Martina Merz die Belegschaft auf weitere Einschnitte vorbereitet.

Statt 6000, wie ursprünglich geplant, sollen nun konzernweit 11.000 Stellen gestrichen werden. Wie viele Stellen darüber hinaus in der Stahlsparte entfallen könnten, ist derzeit noch unklar. Der Vorstand erwartet Zugeständnisse, doch der Betriebsrat gibt sich kämpferisch.

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    „Erst wenn alle Optionen staatlicher Hilfe oder Beteiligung ernsthaft und sorgfältig geprüft wurden, sollte sich der Vorstand dazu verhalten“, sagte Stahl-Betriebsratschef Tekin Nasikkol. „Wir erwarten vom Vorstand genau das und vollständige Transparenz, warum es für die Thyssen-Krupp Steel Europe AG nicht gehen soll.“

    Ohne Staatseinstieg bleiben dem Konzern nicht mehr viele Möglichkeiten, die Zukunft des notleidenden Stahlgeschäfts zu sichern. Denn der Verkaufsprozess, den Vorstandschefin Merz vor einigen Monaten eingeleitet hatte, läuft schleppend.

    Mit dem schwedischen Konkurrenten SSAB und der europäischen Tochter des indischen Stahlkochers Tata Steel haben sich zwei der wichtigsten Interessenten weitgehend aus den Verhandlungen verabschiedet. Statt sich bei Thyssen-Krupp zu engagieren, will SSAB nun versuchen, den niederländischen Teil von Tata zu übernehmen.

    Die Inder wiederum wollen sich auf ihr britisches Geschäft konzentrieren und verhandeln mit der dortigen Regierung über staatliche Hilfen. Wie alle europäischen Stahlhersteller wurde auch Tata schwer von der Coronakrise getroffen. Der Konzern erhofft sich nach der Teilung und dem Brexit eine verbesserte Verhandlungsposition gegenüber der britischen Regierung.

    Für Thyssen-Krupp konzentriert sich das Bieterfeld auf genau einen Kandidaten: den britischen Konkurrenten Liberty Steel, der schon früh ein indikatives Angebot auf den Tisch gelegt hat. Doch bei den Arbeitnehmern stößt der britische Stahlkocher bislang auf heftige Ablehnung.

    Für die IG Metall bedeuten die vorliegenden Optionen damit eine Entscheidung zwischen Pest und Cholera. Bis zum Frühjahr will Vorstandschefin Merz eine Entscheidung fällen, wie es mit dem Stahl weitergeht. Die verbleibenden Optionen im Überblick:

    Der indische Geschäftsmann will die Stahlsparte komplett übernehmen. Quelle: AFP
    Liberty-Chef Sanjeev Gupta

    Der indische Geschäftsmann will die Stahlsparte komplett übernehmen.

    (Foto: AFP)

    Variante 1: Verkauf an Liberty Steel

    In Großbritannien gilt er als „Man of Steel“, als „Mann aus Stahl“ also, der in Europa bereits zahlreiche marode Stahlwerke übernommen und saniert hat: Sanjeev Gupta. Der in Indien geborene und in Großbritannien lebende Geschäftsmann ist der Gründer von Liberty Steel, einem ehemaligen Stahlhandelskonzern, der in den vergangenen Jahren durch zahlreiche Zukäufe zum Produzenten aufgestiegen ist.

    Bei seiner Einkaufstour durch Europa kaufte Liberty bereits Stahlwerke von Tata Steel, Arcelor-Mittalund greift nun auch nach der Stahlsparte von Thyssen-Krupp. Dabei will Gupta das Geschäft komplett übernehmen und es innerhalb von zehn Jahren komplett klimaneutral aufstellen, wie auch alle anderen Standorte seines Konzerns.

    Derzeit läuft die Due Diligence, in deren Rahmen beide Unternehmen gegenseitig ihre Bücher prüfen. Finanzchef Klaus Keysberg betrachtet das Angebot von Liberty als „eine ernsthafte Option“, hatte er im Gespräch mit der „Rheinischen Post“ gesagt. Dennoch sei der Ausgang der Gespräche noch offen.

    Für den Ruhrkonzern wäre eine Übernahme durch Liberty derzeit die einzige Möglichkeit, möglichst viel vom Erlös aus dem Verkauf der Aufzugsparte in der Kasse zu behalten. Denn der Investitionsdruck ist hoch. Gleichzeitig steckt die Sparte wegen der Coronakrise tief in den roten Zahlen, die derzeit vom Konzern ausgeglichen werden müssen.

    Grafik

    So belief sich der Verlust des Stahlgeschäfts im vergangenen Geschäftsjahr, das im September ablief, auf rund 2,7 Milliarden Euro. Hinzu kommen Investitionsverpflichtungen von rund sechs Milliarden Euro für Modernisierungen bis 2030, die das Management der IG Metall zugesagt hat.

    Dass es der Stahlsparte in absehbarer Zeit gelingt, dieses Geld allein zu erwirtschaften, steht angesichts der anhaltenden wirtschaftlichen Krise infolge der Pandemie nicht zu erwarten. Dabei sind die milliardenschweren Kosten, die die Transformation zur klimaneutralen Produktion verursachen wird, noch nicht berücksichtigt.

    Angesichts dieser hohen Summen sind die Arbeitnehmer skeptisch, ob Liberty finanzkräftig genug ist, nicht nur den Kaufpreis, sondern auch alle anderen anstehenden Ausgaben zu schultern. „Wir kennen weder ein finanzielles noch ein industrielles Konzept“, klagen Arbeitnehmervertreter.

    Spätestens nach der Due Diligence, die noch bis ins nächste Jahr läuft, dürfte Firmenchef Gupta seine Pläne konkretisieren. Die Landespolitik in Nordrhein-Westfalen hat er indes schon überzeugt: NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) hat der Offerte bereits öffentlich seine Unterstützung zugesagt.

    Dennoch will sich der Thyssen-Krupp-Vorstand, wohl auch aus verhandlungstaktischen Gründen, die Sanierung in Eigenregie offenhalten. Dass die Stahlsparte am Ende doch nicht verkauft wird, ist also auch eine mögliche Option.

    Die Senkung der CO2-Emissionen wird für die Stahlproduktion des Ruhrkonzerns die wichtigste Herausforderung des kommenden Jahrzehnts. Quelle: dpa
    Abscheidung und Nutzung von CO2 in Duisburg

    Die Senkung der CO2-Emissionen wird für die Stahlproduktion des Ruhrkonzerns die wichtigste Herausforderung des kommenden Jahrzehnts.

    (Foto: dpa)

    Variante 2: Sanierung aus eigener Kraft

    Nach der gescheiterten Fusion mit Tata Steel Europe im vergangenen Jahr stand für den Vorstand von Thyssen-Krupp fest: Wenn eine Konsolidierung innerhalb Europas nicht möglich ist, muss Thyssen-Krupp Steel seine Herausforderungen aus eigener Kraft meistern.

    Bis heute hat sich an dieser Einschätzung im Grundsatz nichts verändert. Doch die Coronakrise hat die Herausforderungen, vor denen die Stahlsparte steht, ungemein vergrößert. Denn die hohen Verluste schränken den Spielraum für die Weiterentwicklung ein.

    Ursprünglich hatte sich die Konzernführung mit der IG Metall auf den Abbau von 3000 Stellen bis 2026 geeinigt. Doch dass das nicht reicht, um die Folgen der Pandemie in Eigenregie zu bewältigen, ist mittlerweile allen Beteiligten klar. Schon seit ein paar Wochen bereitet der Konzernvorstand die Stahlkocher daher darauf vor, dass die Einschnitte wohl heftiger ausfallen könnten als bislang angekündigt.

    Noch haben sich weder die Arbeitgeber- noch die Arbeitnehmerseite aus der Deckung gewagt, was eine Nachverhandlung des bestehenden Tarifvertrags betrifft. Doch bis es dazu kommt, ist es wohl nur eine Frage der Zeit. Denn die Vereinbarung wurde Anfang des Jahres unter dem Vorbehalt getroffen, dass sich die wirtschaftliche Lage durch die Pandemie nicht dramatisch verschlechtert.

    Genau darauf wird sich der Konzernvorstand nun wohl berufen – und weitere Zugeständnisse von den Arbeitnehmern fordern. Das Spektrum reicht dabei von einer Ausweitung der Stellenstreichungen über Investitionskürzungen bis zur Schließung oder Verkleinerung von Standorten. Infrage kommt dabei etwa das Werk in Bochum, das schon während der Fusionsverhandlungen mit Tata vor zwei Jahren zur Disposition gestanden hatte und ohnehin verkleinert werden soll.

    Anders als in der Vergangenheit verfügt Thyssen-Krupp dank des Verkaufs der Aufzugsparte im Mai für rund 17 Milliarden Euro mittlerweile über die nötige Finanzkraft, um bei einer Verkleinerung des Geschäfts auch Abschreibungen und die Zahlung von Abfindungen zu verkraften. Allerdings gelten betriebsbedingte Kündigungen in der Stahlsparte bei der IG Metall als rote Linie, die in der Geschichte des Unternehmens bislang noch nie überschritten wurde.

    Die Arbeitnehmer bereiten sich daher auf eine heiße Auseinandersetzung im kommenden Jahr vor. „Wir fordern die konsequente Vertragstreue, also die Freigabe dringend benötigter Investitionen in unsere Anlagen und Standorte ebenso wie die Einhaltung der Beschäftigungssicherung“, so Betriebsratschef Tekin Nasikkol. „Alles andere ruft unseren Widerstand hervor.“

    Mehr: Die Verschärfung der europäischen Klimaziele wird für die Stahlindustrie zur Herausforderung – ebenso wie in vielen anderen Branchen

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