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Industriekonzern Stahlkocher-Proteste: Thyssen-Krupp-Mitarbeiter fordern klare Strategie

Die Stahlkocher von Thyssen-Krupp drängen auf eine klare Ansage – und fordern Investitionen. Die IG Metall hat zu mehreren Kundgebungen aufgerufen.
Update: 03.12.2019 - 15:00 Uhr Kommentieren
Schon seit Monaten herrscht große Unsicherheit in der Belegschaft. Quelle: Reuters
Proteste in Duisburg

Schon seit Monaten herrscht große Unsicherheit in der Belegschaft.

(Foto: Reuters)

Düsseldorf Während die Aufsichtsräte der Thyssen-Krupp-Stahlsparte am Dienstag zusammenkamen, um über die geplante Strategie für den wichtigsten Geschäftsbereich des Essener Industriekonzerns zu beraten, protestierten vor den Werkstoren in Duisburg Tausende Stahlkocher. Sie forderten den Vorstand auf, endlich einen Plan vorzulegen, der das strauchelnde Unternehmen in die Zukunft führen soll.

Die IG Metall sprach von über 6000 Teilnehmern bei der Kundgebung vor der Stahlzentrale in Duisburg. „Unsere Zukunft hat ein Herz aus Stahl“ und „Stahl hat Zukunft“ stand unter anderem auf Transparenten und Plakaten der Mitarbeiter, die angesichts der Dauerkrise des Mutterkonzerns um ihre Jobs fürchten.

Auf einem Plakat war die 2013 verstorbene Konzernlegende Berthold Beitz zu sehen. Darunter stand der Satz: „So tritt der TK-Vorstand mein Erbe mit Füßen.“

Schon seit Monaten herrscht große Unsicherheit in der Belegschaft, nachdem das geplante Joint Venture mit dem indischen Konkurrenten Tata Steel wegen wettbewerbsrechtlicher Bedenken der EU-Kommission geplatzt war. „Die Stimmung ist höchst angespannt“, sagte IG-Metall-Bezirksleiter Knut Giesler im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Das Bedürfnis nach Klarheit und Sicherheit aus dem Vorstand ist groß.“

Denn Thyssen-Krupp steht an einem Scheideweg. Nachdem mehrere Pläne des Vorstands, das weit verzweigte Unternehmen mit seinen rund 160.000 Beschäftigten neu zu organisieren, gescheitert waren, forciert die interimistische Vorstandschefin Martina Merz nun einen Rundumschlag: Das profitable Aufzugsgeschäft soll dabei ganz oder teilweise veräußert, die Geschäftsbereiche Komponentenfertigung und Anlagenbau sollen aufgelöst und ebenfalls zu weiten Teilen verkauft werden.

Als Kerngeschäft übrig blieben nach dem Großumbau noch die Stahlproduktion und der Werkstoffhandel – und damit ausgerechnet jene Bereiche, die angesichts der sich eintrübenden Konjunktur sowie der steigenden Belastungen durch den Klimaschutz zuletzt besonders stark unter Druck geraten sind.

„Wir glauben an die Zukunft des Stahls und werden unser Stahlgeschäft langfristig wettbewerbsfähig machen“, kündigte der Konzern vor der Aufsichtsratssitzung an. „Wir müssen investieren. Und das tun wir auch.“ Allerdings seien die finanziellen Mittel angesichts der wirtschaftlichen Situation begrenzt. Derzeit seien jährliche Investitionen von 570 Millionen Euro geplant. Vorstand und Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp würden in den kommenden Wochen ein Zukunftskonzept prüfen und dann über die Investitionshöhe entscheiden.

Die Vorlage der Bilanz vor wenigen Wochen offenbarte die Probleme, vor denen Thyssen-Krupp derzeit steht. Das Geschäftsjahr 2018/19 beendete der Ruhrkonzern mit einem Verlust von 260 Millionen Euro. Die Nettofinanzschulden stiegen in dieser Zeit von 2,4 Milliarden auf 3,7 Milliarden Euro. Nur die Hälfte der insgesamt sechs Geschäftsbereiche des Ruhrkonzerns (Stahl, Komponenten, Anlagen, Schiffbau, Aufzüge und Werkstoffhandel) arbeitete im abgelaufenen Jahr vor Zinsen und Steuern profitabel.

Um die desolate Lage des Konzerns kurzfristig zu verbessern, hat der Vorstand um Merz bereits einen Stellenabbau angekündigt. So soll die Konzernzentrale mit derzeit knapp 800 Mitarbeitern innerhalb des kommenden Jahres auf rund 430 Mitarbeiter verkleinert werden. Das Personal in der Komponentenfertigung wird den Plänen zufolge um rund 640 Stellen reduziert.

Konzernweit stehen insgesamt rund 6000 Arbeitsplätze zur Disposition. Dabei ist allerdings zumeist noch unklar, wie sich die Stellenstreichungen verteilen. In einem Mitarbeiterbrief vor wenigen Wochen hatte Merz die Belegschaft um Geduld gebeten: „Genauere Aussagen können wir erst treffen, wenn wir wissen, welche Anpassungen und Restrukturierungen in welchem Zeitrahmen realisierbar sind.“

Tarifvertrag läuft zum Jahresende aus

Doch mit dieser Geduld scheint es zunehmend vorbei. Schon Ende November ärgerte sich Stahl-Betriebsratschef Tekin Nasikkol über die vielen Fragen, die derzeit noch offen sind: „Wie wird der Stahlbereich aufgestellt, um zukunftsfähig zu sein? Wie werden Standorte und Beschäftigte gesichert? Welche Investitionen sind wo geplant?“

Sicher ist für die Stahlkocher derzeit nur: Ende des Jahres läuft der Tarifvertrag aus, den die IG Metall nach der geplatzten Stahlfusion mit der damaligen Führung des Ruhrkonzerns ausgehandelt hatte. Darin hatten Arbeitnehmer und Management beispielsweise vereinbart, bei der Restrukturierung der Sparte betriebsbedingte Kündigungen möglichst zu vermeiden. Gleichzeitig hatte der Vorstand jährliche Investitionen von mehr als 400 Millionen Euro zugesagt.

„Der Vorstand hat uns mehrmals versichert, dass er bis zum Auslaufen das Tarifvertrags eine Strategie ausarbeitet, auf deren Basis wir eine Nachfolgevereinbarung treffen können“, erklärte nun IG-Metall-Bezirksleiter Knut Giesler. „Doch dieses Konzept liegt bis heute nicht vor.“

Das soll sich am Dienstag ändern. Bei einer Sitzung des Aufsichtsrats der Stahlsparte will die Bereichsführung um Vorstandssprecher Premal Desai den lang ersehnten Plan vorlegen, mit dem das Stahlgeschäft wieder auf Kurs gebracht werden soll. Einem reinen Sparplan werden die Arbeitnehmer dabei nach eigener Aussage nicht zustimmen. „Uns ist wichtig, dass größere Investitionen bei der strategischen Weiterentwicklung eine wichtige Rolle spielen“, so Giesler.

Auch für die Aufzugsparte, für die derzeit ein Börsengang vorbereitet wird, will der Gewerkschafter eine Vereinbarung mit der Konzernführung erreichen, die verschiedene Szenarien abdeckt. „Wir bevorzugen zwar eine Lösung, bei der Thyssen-Krupp weiterhin Mehrheitsaktionär der Aufzugsparte bleibt“, so Giesler. „Doch ob das nach den schlechten Konzernergebnissen noch möglich ist, muss sich erst zeigen.“

Nach den Stahlkochern haben inzwischen auch die Mitarbeiter von Thyssen-Krupp Elevator zu einer eigenen Kundgebung aufgerufen. Mehrere Tausend Teilnehmer von allen deutschen Standorten werden am Mittwoch vor der Konzernzentrale in Essen erwartet. Auch sie wissen derzeit noch nicht, ob sie am Ende der Neuorganisation an der Börse, bei einem Finanzinvestor oder einem Konkurrenten landen werden.

IG Metall drängt auf Investitionen

Bis zum Jahresende sollen die Vorbereitungen für einen Börsengang abgeschlossen sein. Anfang des kommenden Jahres will der Konzernvorstand eine Entscheidung über das weitere Vorgehen treffen. Neben Finanzinvestoren sollen nach Aussage von Thyssen-Krupp-Finanzvorstand Johannes Dietsch auch mehrere strategische Investoren an der profitablen Sparte interessiert sein. Einer von ihnen ist der finnische Rivale Kone.

Würde Thyssen-Krupp das Aufzugsgeschäft komplett verkaufen, könnte der Erlös die 15-Milliarden-Euro-Marke zwar übersteigen. Doch der Finanzbedarf des restlichen Konzerns ist hoch. Neben den milliardenschweren Finanzschulden und Pensionsrückstellungen in Höhe von fast neun Milliarden Euro sieht der Konzern millionenschweren Restrukturierungskosten entgegen. Die Stahlkocher melden darüber hinaus Investitionsbedarf in Milliardenhöhe an.

Allein 1,5 Milliarden Euro forderte jüngst der stellvertretende Stahl-Aufsichtsratschef und ehemalige IG-Metall-Vorsitzende Detlef Wetzel, der die Arbeitnehmer in dem Kontrollgremium vertritt. „Die will der Vorstand uns nicht geben“, ließ sich Wetzel auf dem Flugblatt zur Kundgebung am Dienstag zitieren. „Deshalb werden wir sie uns holen.“

Betriebsratschef Nasikkol erklärte: „Vor uns steht nicht irgendeine Auseinandersetzung mit dem Management. Das hier ist die Mutter aller Auseinandersetzungen.“

Deutliche Worte fand Giesler auch für die zunehmende Zahl an Investoren, die bei Thyssen-Krupp auf fallende Kurse setzt. So vermeldete die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ vor wenigen Tagen unter Berufung auf Einträge im Bundesanzeiger, dass sich rund zehn Prozent der Thyssen-Krupp-Aktien in Besitz von Spekulanten befinde, die damit auf Kursstürze wetteten.

„Es kotzt mich an, dass hier mit dem Schicksal von Hunderttausenden Menschen gezockt wird“, so Giesler – während die Gewerkschaft alles versuche, um die Arbeitsplätze zu retten. „Solcher Spekulation muss ein Riegel vorgeschoben werden. So etwas kann katastrophale Folgen für die betroffenen Unternehmen und deren Beschäftigte haben“, sagte der Gewerkschafter.

Mit Agenturmaterial

Mehr: Der Zickzack-Kurs der Thyssen-Krupp-Führung muss ein Ende haben, wenn der Konzern langfristig eine Zukunft haben will, kommentiert Handelsblatt-Chefreporter Martin Murphy.

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